Nick Cave am Klavier im Londoner Alexandra Palace.
Foto: Joel Ryan

LondonIn seinem 1997 veröffentlichten Song „Idiot Prayer“ singt der gebürtige Australier Nick Cave von einem Abschied, von dem er gar nicht wisse, ob er für immer oder nur temporär sei. Deswegen sei es vielleicht ein idiotisches Gebet, wie es der Titel suggeriert. Konkret brummt Cave am Piano: „Will I bid you adieu? Or will I be seeing you soon? If what they say around here is true, then we'll meet again.“

Dass diese Zeilen alles andere als idiotisch sind, zeigt sich spätestens jetzt, 23 Jahre später: Als die Corona-Pandemie begann, gab es nämlich viele und schnelle Abschiede. Niemand wusste, was als nächstes passieren würde. Noch immer ist unklar, wie sie ausgehen soll – und manche Adieus bleiben. Für Cave bedeutete es etwa, dass er die diesjährige Tour mit seiner Band The Bad Seeds streichen musste. Und auch seine noch laufende Ausstellung „Stranger Than Kindness: The Nick Cave Exhibition“ in Kopenhagen öffnete erst später.

Der 62-Jährige, der seit den 80ern Musik macht, blieb dennoch nicht untätig. Im Gegenteil: Aus der Ruhe und der Zeit, die entstanden sind, fing Cave an, seine Lieder am Klavier neu einzuspielen. Laut einer Pressemitteilung habe er schon länger diese Idee gehabt. Nun soll er nur noch abgewartet haben, bis sich die Corona-Maßnahmen etwas lockerten und er seinen Einfall im Konzertraum umsetzen konnte. 

Mit dem Alexandra Palace hat Cave, der mittlerweile selbst in London lebt, nun tatsächlich einen majestätischen Ort gefunden. In der großen West Hall ist viel Raum für einen Flügel und viel Licht. Der Kameramann Robbie Ryan (u. a. „The Favourite“) hat ihn begleitet und dabei alles beobachtet: Wie Cave hinläuft, sich ans Klavier setzt, wie seine mit Goldringen bestückten Finger Notenblätter zurechtrücken, ehe sie über die Tasten schweifen und irgendwann wieder zurück zu den Blättern gehen, um sie auf den Boden zu werfen.

Nick Caves Gebete sind nicht umsonst

Ryan hat den Maestro aus verschiedenen Blickwinkeln gut festgehalten. Wie seine dunklen, kinnlangen Harre nicht ins Gesicht fallen, wie Cave lacht oder nur noch brummt. Dass sie daraus einen Film machen, mag die logische Konsequenz der Corona-Misere sein. Cave sagte selbst, dass „Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace “ - wie der Konzertfilm nun heißt - das Ende einer Trilogie sei. Er folgt auf den Dokumentarfilm „20.000 Days on Earth“ und den Performancefilm „One More Time with Feeling“; es sei „ein leuchtender Höhepunkt“, ein „Gebet ins Leere“.

Tatsächlich gibt es außer Nick Cave, dem Klavier und der leeren West Hall in dem eineinhalbstündigen Film nichts zu sehen. Dafür füllt er ihn mit Songs wie „Jubilee Street“ und „Papa won't leave you, Henry“, die im Caveschen Gebet einen eigenen Charme bekommen.

Kostenlos ist diese Performance allerdings nicht. Wer Cave so nah und solo sehen will, muss sich auf seiner Webseite ein Ticket für 18 Euro kaufen. Der Film wird dann einmalig zu streamen sein – ohne dass man ihn dabei zurückspulen oder anhalten kann. Ähnlich wie bei einem echten Konzert also. Ärgerlich ist das jedoch schon – wenn nicht sogar idiotisch. Denn manche Gebete braucht man wieder und wieder. Vor allem, wenn sie mehr als eine Kinokarte kosten.

„Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace“ läuft am 23. Juli um 21 Uhr – Infos und Tickets unter: www.nickcave.com