Der bedeutende deutsche Komponist Helmut Lachenmann wird am 27. November 80 Jahre alt, das ensemble unitedberlin feiert ihn am Sonntag im Konzerthaus. Und jetzt sagen Sie nicht gleich: Da gehen wir sowieso nicht hin! Es ist schon wahr: Wenn jemand den Namen kennt, aber nicht sonderlich an neuer Musik interessiert ist, löst seine Erwähnung Fluchtreflexe aus. Lachenmanns Musik hatte noch Skandalpotenz, als die meiste neue Musik schon nur noch gelangweiltes Achselzucken bewirkte. Der Stuttgarter Pfarrerssohn hatte Klänge gefunden, gegen die selbst die harmonischen Aggressionen eines Arnold Schönberg geschmeidig wirkten, denn Lachenmanns Aggression richtete sich gegen die traditionelle Klangerzeugung.

Die Orchesterinstrumente wurden zu Forschungsgegenständen: Was kann man mit einer Geige, einem Horn, einer Piccoloflöte machen, das in der Hauptsache anders klingt als das, was man von ihnen zu hören gewohnt ist? Lachenmann schrieb Partituren mit seitenlangen Erklärungen neuartiger Zeichen zur Umschreibung der spieltechnischen Zweckentfremdung, und diese Zeichen ergaben ein Partiturbild, das keine Rückschlüsse auf das klangliche Ergebnis erlaubte. Töne, Akkorde wurden weitgehend ausgespart.

Und warum das alles? Ein riesiger theoretischer Apparat beschrieb in so geschliffener wie grimmiger Dialektik, wie diese Musik Gesellschaftskritik übte, indem sie die Erwartungen nicht bediente, wohl aber ein Angebot „neuer Schönheiten“ machte. Mehrheitlich wies man es entrüstet zurück – für Lachenmann der Beweis, dass man seine Absichten nur zu gut verstanden hatte und nun trotzig seine gedankenlosen bis verkommenen Ansichten darüber, wie Musik zu klingen habe, verteidigte. „Hätte ich Ihre Musik vorher gekannt, hätte ich Ihnen einen Schlafplatz vor der Stadt zugewiesen“, soll ihm ein Bürgermeister zugeraunt haben, als er Lachenmann mit Kameralächeln einen Preis verlieh.

Nach 15 Jahren angekommen

Ja, das waren herrliche Zeiten, als man sich über Musik noch aufregen konnte, als es noch richtige Antipoden wie Lachenmann und Hans Werner Henze gab und ihre erbarmungslos gegeneinander gehetzten Parolen, als noch Stücke geschrieben wurden wie Lachenmanns „Salut für Caudwell“, eine Art überdimensionaler Protestsong für zwei Gitarristen, die in der Mitte des Stücks in abgehackten Lauten einen Text des britischen Marxisten Christopher Caudwell über die unfreie Kunst des Bürgers deklamieren.

Aber das war einmal. In Stuttgart, wo Lachenmann lange ein gesuchter Professor für Komposition war, feiert man seinen Achtzigsten einen ganzen Monat lang – was angemessen sein mag, aber auch einen gewissen Überdruss erzeugen wird.

Das Schöne am Geburtstagsprogramm des ensemble unitedberlin ist auf der einen Seite die Erinnerung an Extremwerke der späten Sechziger wie „Pression“ für einen seine Saiten quälenden Cellisten oder „Guero“ für ein zum Klapperkasten degradiertes Klavier, auf der anderen der Blick auf die Gegenwart in Gestalt des Ensemblestücks „Concertini“ von 2005 – seit jenen Jahren ist nicht mehr allzuviel dazu gekommen. Der Kontrast wird hart werden, denn in „Concertini“, einem trotz des niedlichen Titels ausladenden Werk von 40 Minuten Dauer, wird der Spiel- und Entdeckungstrieb Lachenmanns endlich auch als Ausdruck erfahrbar und nicht hinter der mahnenden Maske des Sozialkritikers versteckt.

Lachenmann ist seit 15 Jahren auf irgendeine Weise im Betrieb „angekommen“, auch wenn ihn die Orchester weiterhin mehr oder weniger ignorieren, wenn sie können – die Berliner Philharmoniker haben sich erst vor ein paar Jahren zur Aufführung eines kürzeren und schwächeren Stücks überreden lassen. Unbestreitbar aber arbeitet Lachenmann mit einem altmeisterlichem Kunsternst, zugleich entfesselt er bestürzende dramatische Energien aus diesen vollkommen neuen Klängen. In den letzten Jahren sind auch vertraute Klänge und Akkorde nicht mehr ausgeschlossen, aber durch den neuen Kontext vollkommen verwandelt. Sich das einmal anzuhören, kann kein Fehler sein.

Helmut Lachenmann zum 80. Geburtstag im Werner-Otto-Saal im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Sonntag, 22. November 20 Uhr, Tickets 16,50 Euro unter Telefon 2030-92101 oder www.konzerthaus.de