Konzerthaus-Chef Christoph Eschenbach.
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Die Geste ist klein und groß zugleich. Applaus brandet auf, als die Musikerinnen und Musiker des Konzerthausorchesters mit dem Einspielen auf der Bühne fertig sind und es ruhig wird im Saal. Manch einer im Publikum steht auf, um der Begrüßung nach halbjähriger Pause Nachdruck zu verleihen. Die Musiker lächeln, kratzen sich verlegen am Hosenbein: So viel Zuneigung vom Publikum hatten sie offenbar nicht erwartet zum Start der neuen Saison. In der soll an die Eröffnung des früheren Schauspielhauses am Gendarmenmarkt vor 200 Jahren erinnert werden, ebenso an die kurz darauf dort erfolgte Uraufführung des „Freischütz“ von Carl Maria von Weber.

Auch so eine Neuerung: Das Einspielen auf der Bühne, weil nur hier der Mundschutz abgelegt werden darf. Neu ist außerdem die Akustik: schon deutlich halliger, wenn der Saal nur zu einem guten Viertel belegt ist, fällt durch die Abstände auch die Dämpfung des Klanges durch die Musiker selbst und ihre Körper – sonst dicht an dicht platziert – deutlich geringer aus.

Das Gefühl der Entfernung mag die Musiker auch dazu einladen, in der Lautstärke zuzulegen. Das Klangbild im Eröffnungskonzert unter Chefdirigent Christoph Eschenbach ist jedenfalls diffus, zuweilen verwaschen wie beim Auftritt in einer Kathedrale, und man ahnt: Die Eingriffe in die Spielgewohnheiten der Orchester werden heftig sein, will man dem Hörer auf Dauer befriedigende Ergebnisse bieten.

Carl Maria von Webers Ouvertüre „Beherrscher der Geister“ hat unter Eschenbachs Händen vibrierende Kraft, die 39. Sinfonie von Joseph Haydn tändelt in den beiden Mittelsätzen unschuldig vor sich hin und spuckt anschließend Gift und Galle. Der Gestus teilt sich mit, das musikalische Vokabular aber löst sich größtenteils in einem orchestralen Hintergrundrauschen auf. Ungemütlich wird es da auch für die Solistin: Anna Prohaska, in dieser Saison Artist in Residence, die zunächst Robert Schumanns „Ach neige, du Schmerzensreiche“ aus den Faust-Szenen später einen Auszug aus Igor Strawinskys „Rake’s Progress“ mehr oder weniger unbeirrt singt von den Klangnebeln um sie herum – auch mit der Gefahr in ihnen zu verschwinden.

Was künftig gefordert ist, führen Eschenbach und seine Musiker am Ende selbst vor in Webers „Freischütz“-Ouvertüre. Das langsame Tempo wie das extreme Pianissimo dieses Anfangs zwingt die Musiker zum genauen Zuhören, in der Zurückhaltung findet das Orchester mit einem Mal zu einem definierten Gesamtklang. Ein fragiles Gebilde gleichwohl: Mit dem Einsetzen des schnellen Teils bricht der zarte Bau wieder zusammen. Langsamer, leiser und mit weit geöffneten Ohren: Eine solch defensive Spielweise mag bei manchem Ensemble zu einer Frage der künstlerischen Identität werden. Aber wie wird es klingen, wenn nach dieser heftigen Übung alle wieder beieinandersitzen dürfen!