Konzerthaus: Keine Lust mehr auf Leiden

Um den Geburtstag eines Komponisten zu feiern, mag es Passenderes geben als ein Werk zur Leidensgeschichte Jesu. Natürlich hätte man auch am Sonnabend im Konzerthaus wieder einen Abend lang Sinfonien oder Klaviermusik spielen können, um Carl Philipp Emanuel Bach zu ehren, der vor 300 Jahren geboren wurde. Man hätte wieder staunen können über seine Klangsprache zwischen Wildheit und beiläufigem Konversationston und hätte sich wieder all dessen vergewissern können, was über diesen Komponisten gewöhnlich so gesagt wird: Ah ja, das klingt ja sehr empfindsam und rührend, das muss wohl der Sturm und Drang sein.

Ein Mensch des Übergangs

Die Aufführung der Passions-Kantate „Die letzten Leiden des Erlösers“ mit Rias-Kammerchor und dem Kammerorchester „Carl Philipp Emanuel Bach“ unter Hartmut Haenchen lieferte mehr: Der Bach-Sohn wurde an diesem Abend als Musiker und durchaus tragischer Mensch des Überganges unmittelbar erlebbar. Natürlich muss man bei einer „Passions-Kantate“ von Philipp Emanuel an die Passionen und Kantaten seines Vaters Johann Sebastian zu denken. Weil dem inneren Ohr die Passions-Musik des Vaters präsent ist, wird Philipp Emanuel als Sohn wahrnehmbar, wie das kaum ein anderes Stück möglich gemacht hätte. Und weil „Die letzten Leiden des Erlösers“ sich auch als Kampf hören lassen mit einer Form religiöser Vokalmusik, die der Vater noch ohne Zweifel bedient hat, der der Sohn aber schon nicht mehr recht zu trauen scheint, wird der Hörer Zeuge eines aufregenden Umbruchs. Der Wandel ist nicht nur ein musikalischer, sondern auch der eines Menschenbildes: Wir wollen nicht mehr über das Leiden meditieren, sondern das Schöne preisen!

Weil es in einer Passion naturgemäß ums Leiden gehen muss, hört sich der erste Teil des Werkes wie eine Pflichtübung, hinter der die Zweifel immer präsent bleiben. Das Libretto der Anna Louisa Karsch, die auf szenische Darstellung völlig verzichtet, stattdessen ausführlich beschreibt, zeigt zwar das Bemühen, sich Qualen und Tragik der Passion vor Augen zu führen. Wenn Karsch es heißt: „Sein Leiden steigt; mit jedem Augenblicke strömt neue Qual ihm zu“, klingt das allerdings auch so sensationsfreudig, als würde sie der Stärke und Wirksamkeit der eigenen Empfindungen nicht mehr trauen. Bachs Musik folgt ihr darin. In den beschreibenden Rezitativen zügelt Bach merklich sein Temperament, führt gute Kinderstube vor, in den Arien zeigt er frei sein Gesicht.

Monströses Duett

Das Misstrauen den eigenen Gefühlen gegenüber ist im überquellenden Melodiezierrat aber mit Händen zu greifen. Ein ganzer Reigen von Doppelschlägen und Pralltrillern geht etwa in der Alt-Arie „Du, dem sich Engel neigen“ auf den Hörer hernieder. Nahezu monströs ist das Duett der beiden Soprane, die in Terzläufen, Trillern und Solokadenzen den Vorsatz feiern, in Zukunft ein besseres Leben führen zu wollen. Das hat Bach mit Sprüngen und angestochenen Gipfeltönen außerdem so unangenehm geschrieben, dass sowohl die stimmlich kraftvolle Christiane Oelze, wie die flexible Christina Landshamer an ihre Grenzen geführt werden.

Nach dem der Erlösungsakt auf Golgatha geschieht Erstaunliches: auch Bachs Musik scheint plötzlich t aufzuatmen, vom Zwang befreit, sich mit dem Leiden beschäftigen zu müssen. Und wenn dann im groß angelegten Finale dem Überwinder „lobsinget“ wird und plötzlich Schwung und großer Gestaltung-Bogen den Hörer einnehmen, wird auch klar, dass die Zeit der Passionen damit fürs erste vorbei war, dass es von nun an darum gehen würde, das Schöne und Gute zu besingen. Der Rias-Kammerchor singt das mit schlanker Wucht, Bariton Roman Trekel verströmt königlichen Glanz, das Kammerorchester mit Hartmut Haenchen betört durch feinen Klang und beispielhafter Eleganz in der musikalischen Gestaltung.