Das also soll der lang ersehnte neue Münchner Konzertsaal werden: Eine von dem aus Vorarlberg stammenden Büro Cukrowicz Nachbaur entworfene, im Grundriss nach Vorgabe des Grundstücks streng rechteckige, steil, glatt und weich geschwungen ansteigende Glashaube, unter der die drei Säle, die Foyers und Probenräume, Restaurants und Tiefgaragen aufgestapelt sind. Eine letztlich eher technisch-klimatische Umhüllung der eigentlichen Funktion, wie man sie für Geschäftshäuser, Museen, Verwaltungen, sogar Wohnbauten öfter findet. Man muss schon eingefleischter Münchner Lokalpatriot sein, um hier das spektakuläre Ereignis zu sehen, das von dem Wettbewerb erhofft worden war.

Schon gar nicht ist dieser Entwurf eine kulturelle Sensation, die einst die Berliner Philharmonie, die Sidney Opera – die eigentlich ein Konzertsaal ist – oder jüngst die Hamburger Elbphilharmonie waren. Die beiden großen Säle, die Crukowicz Nachbaur vorschlagen, folgen im Wesentlichen der Tradition der „Saalkisten“, in der das Orchester am einem von dessen Enden spielt. Seit der Entstehung des bürgerlichen Konzertbetriebs im frühen 19. Jahrhundert ist diese aus feudalen Fest- und Ballsälen entwickelte Form beliebt.

Sie verspricht gute Akustik, zumal wenn wie hier die Wände durch zwei Emporengeschosse, deren Brüstungen gewellt werden sollen, und viel Holz gegliedert sind. Die Saalform ist aber auch Spiegelung eines sozialen Modells, in dem klar wird, dass es einen Bestimmer, den Dirigenten, und Folgende gibt, das Orchester sowie ein weitgehend inaktives Publikum. Erst Hans Scharouns 1959 entworfene Berliner Philharmonie brach mit dem akustisch-sozialen Modell, nicht zufällig wurde sie immer auch gesehen als speziell demokratische Architektur.

Von den fünf Preisträgern in diesem Wettbewerb schlossen sich immerhin zwei Scharouns Saalvorbild an: Volker Staab aus Berlin radikalisierte es sogar noch, hier sitzt das Orchester wirklich in der Mitte eines Kranzes von Publikumspodien. Nach Außen hin schließt er ästhetisch mit gewaltigen Rahmenkonstruktionen an die Industriegeschichte des einstigen Pfanni-Geländes an. Staab dachte offenbar vor allem an das Publikum, das auf den Zeichnungen im Saal heiter wandelt und plaudert. Für die Musiker ist ein solcher Kessel allerdings eher unangenehm, haben sie doch wie alle Menschen eine Vor- und eine Rückseite, ist Musikproduktion deswegen per se eine räumlich gerichtete Kunst. Auch deswegen mögen sie die Kiste sehr.

Naturlicht von oben 

Scharoun nahm darauf mit der asymmetrischen Komposition des Philharmonie-Saals Rücksicht, genau so später Jean Nouvel in Kopenhagen und Paris oder nun für München das dänische Büro 3XN. Sie schlagen vor, die Sitzreihen für das Publikum im weiten Schwung um das zentrale Podium herumzuführen. Leider erinnerte die Fassade, die einer in Streifen geschnittenen Plane gleicht, die über das Haus gelegt wurde, trotz ihrer Wellen die Juroren wohl allzu sehr an Kaufhausfassaden der Nachkriegszeit. Dabei wäre die Wahl dieses Entwurfes, der zudem mit nur etwa 23 Metern gut in die Stadtlandschaft gefügt ist, wirklich eine Sensation gewesen.

Der zweite Preis ging an den Hamburger Jörg Friedrich, der mit seinem Turmentwurf unverkennbar an die große Geste der Elbphilharmonie anschließt, die aber hier angesichts des fehlenden städtischen Weitraums verpuffen muss. Sein Saal ist noch schmaler, noch steiler derjenige der Wettbewerbssieger, mit rasant gestalteten Brüstungen vor den Emporen wirkt er geradezu dynamisch. Toll ist die Idee, das Naturlicht von oben einfallen zu lassen. David Chipperfield erhielt den dritten Preis für eine wortwörtliche Übersetzung des Begriffs Kunsttempel: in Stufen gleich einem babylonischen Zikkurat aufgetürmte Pfeilerhallen, wie man sie seit dem Marbacher Literaturmuseum und dem Eingangsbau zur Berliner Museumsinsel geradezu als Erkennungszeichen der Mitarbeiter seines Berliner Büros betrachten kann.

Cukrowicz Nachbaur sind immer noch das, was man ein „kleines“ Büro nennt, mit erfreulich niedriger Star-Allüre, haben aber etwa mit dem vorzüglichen Vorarlberg-Museum in Bregenz Furore gemacht. Hier siegten sie über 30 Konkurrenten, zu denen Frank Gehry, dessen 2003 eingeweihte Disney-Hall in Los Angeles als der Beginn der neuen Konzertsaaleuphorie betrachtet werden kann, aber auch die mit Anerkennungen ausgezeichneten Erben der grandiosen Zaha Hadid, der Däne Henning Larsen, Mecanoo aus Delf und Christ & Gantenbein aus Basel gehörten. Das so oft gescholtene Wettbewerbswesen hat hier wieder einmal gezeigt, das nicht nur die Großen gewinnen können.

Aushängeschilder der Kulturpolitik

Dieses Projekt wird derzeit auf 360 Millionen Euro geschätzt . Es dürfte damit nach dem auf mindestens 621 Millionen geschätzten Berliner Humboldt-Forum, dem auf 500 Millionen zusteuernden Radikalumbau des Pergamonmuseums und der kommenden Sanierung der Berliner Neuen Staatsbibliothek wohl der teuerste Kulturbau Deutschlands der nächsten Zukunft. Seit Jahren wurde auch deswegen gestritten: Braucht München neben dem Herkules-Saal in der Residenz und dem zwar in die Jahre gekommenen, seiner 1970er-Ästhetik und eher herben und durchaus berüchtigten Akustik wegen ungeliebten Saal im Gasteig-Kulturzentrum einen weiteren Konzertsaal? Sollte nicht besser der Gasteig ertüchtigt und umgebaut werden?

Der Plan, einen neuen Konzertsaal zu bauen, wurde immer auch mit der Konkurrenzfähigkeit des Münchner Musiklebens begründet. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren sanierte, neue oder umgebaute Konzertsäle zum Aushängeschild staatlicher und kommunale Kulturpolitik geworden. Theoretisch, wenn nämlich die Programme entsprechend gestaltet werden, können sie eine sehr breite und vergleichsweise jugendliche Kundschaft anziehen.

In Kopenhagen zeigte das neue Haus des Rundfunkorchesters auch, dass ein Konzertsaal durchaus in der Lage ist, einem ganzen neuen Stadtviertel Identität zu geben. Allerdings ist er dort verbunden mit dem neuen Radiohaus, in das alltäglich Hunderte von Menschen strömen. In München dagegen soll der Konzertsaal vor allem die kommerzielle Entwicklung des eher stadtrandig gelegenen einstigen Fabrikgeländes der Firma Pfanni vorantreiben. Für knapp 600.000 Euro pro Jahr und auf 44 Jahre pachtet der Staat das Konzerthaus-Grundstück, er wird damit der neue Ankermieter, wie man im Investorendeutsch sagen würde, um den sich künftig teure Wohnungen und Büros lagern werden.