Der Blick schweift über eine Landschaft: Wald, See, Gras, Pilz, umgestürzte Stämme in der Stille. Der Blick dringt näher heran, und erste Irritationen folgen: Da bleiben Unschärfen bestehen, die ein Kameramann doch sonst reguliert. Schließlich wird alles klar: Insekten bewegen sich nicht, Wasserwellen breiten sich nicht aus – der Blick schweifte nicht über eine Landschaft, sondern über die Fotografie einer Landschaft. Die Zeit, die unser Blick zum Schweifen brauchte, verging nicht in der Landschaft. Parallel dazu driftet Ludger Kisters elektronische Musik aus dem illustrativen Zusammenhang, den die verarbeiteten Naturgeräusche bis dahin hatten: Wir hören plötzlich das Rauschen des Regens, völlig unpassend zum blauen Frühlingshimmel, der zwischen den Bäumen sichtbar wurde.

Letzte braune Blätter

Dies ist das zentrale Befremden der Konzertinstallation „Im Wald“ von den Filmemachern Uli Aumüller und Sebastian Rausch, die am Montag im Konzerthaus uraufgeführt wurde. In Brückentin in Brandenburg haben sie über mehrere Jahre und in verschiedenen Jahreszeiten Panoramafotografien gemacht und dann quasi als Fototapete abgefilmt – tatsächlich wird das alles natürlich digital bewerkstelligt. Acht sogenannte „animierte Stillleben“ sind auf diese Art entstanden, deren formale Vielfalt bemerkenswert ist: Richtet sich der Blick des ersten nach der Totale nach unten auf den See, verbleibt der des zweiten zwischen den Stämmen und fängt Äste und Himmel ein.

Auf einem Frühlingsstillleben wird vor allem auf die Reste des Winters fokussiert: Letzte braune Blätter an Zweigen und am Boden, abgestorbenes, totes Leben. Ein Sommer-Stillleben fängt leuchtend bunte Farben auf dem See ein. Eines aus dem Winter dagegen besteht nur aus dem Grau und Weiß der gefrorenen Oberfläche – hier scheint dann die stillgestellte Natur die Stillstellung der Fotografie nachzuahmen. In einem Stillleben dann gibt es doch einen zeitlichen Verlauf: Denn wenn man im Morgengrauen den ersten Teil des Panoramas fotografiert, ist bei der Aufnahme des letzten bereits heller Tag. Man hätte gern gesehen, wie sich der letzte und hellste Teil des Panoramas wieder an den ersten und dunkelsten anschließt – aber vor dieser krassen Form der Brechung des Natureindrucks ins Gemachte sind Aumüller und Rausch zurückgeschreckt.

Spuren eines Verbrechens

Nun nannte sich „Im Wald“ eine „Konzertinstallation“, es gab also auch Musik. Die Kombination mit elektronischen Stücken ist unproblematisch, denn die sind genau so tot wie ein Film. Wenn dagegen leibhaftige Musiker spielen, fesseln sie die Aufmerksamkeit meist stärker als jeder Film, schlicht weil sie im Hier und Jetzt agieren – gegen diesen Eindruck anzugehen, fordert Konzentration. Interessant ist, was verschiedene Musik mit den Bildern macht. Telemanns „Froschkonzert“ und Rebels Vorstellung des Chaos aus „L’Éléments“ degradieren in der enorm lebhaften Interpretation des von Hermann Bäumer geleiteten Ensembles Resonanz die Stillleben zum hübschen Hintergrund.

Ying Wangs uraufgeführte „Glissadulation“ für Ensemble und Live-Elektronik schockt zuweilen mit heftigen Klängen, die einen auf den Bildern nach Spuren eines Verbrechens suchen lassen wie einst David Hemmings in „Blow up“. Enno Poppes „Wald" für vier Streichquartette zieht in seinen räumlichen Splitterungen, Echos und schließlich endlos gesteigerten klanglichen Bündelungen ebenfalls viel Aufmerksamkeit auf sich, muss allerdings auch kaum Konkurrenz von den Bildern des winterlichen Sees fürchten.

Einerseits sollen die Schichten zueinander passen, andererseits ihre Individualität nicht abgeben – das funktionierte am besten mit dem dritten Satz aus dem frühen Streichquartett von John Cage, das 1950 die Prätention der Gattung als Intellektuellen-Musik mit kindlich-kargen, arglos wiederholten Klängen brach und den „Naturklang“ der Besetzung entdeckte. Mit den Winterbildern vom Mühlenbecker See ergab das einen versöhnenden Abschluss eines recht langen Abends.