Berlin - Zu den großen ungelösten Rätseln in der Popmusik der letzten beiden Jahre zählt die allgemeine, intensive, auch bei ansonsten einigermaßen geschmacksbegabten Menschen anzutreffende Euphorie für das südafrikanische Spacken-Rap-mit-Billig-Beats-Duo Die Antwoord. Wohin man auch hört, überall hört man begeisterte Beschreibungen der unerhörten Bühnenpräsenz der beiden Rapper und der semiotisch angeblich überaus komplexen Unterfütterung ihrer ironischen Selbstinszenierung als Buren-Proletariats-White-Trash, in der sich doch in Wahrheit tatsächlich die unabgegoltene Schuld der weißen Südafrikaner, namentlich die kollektiv verdrängte Unterdrückungsgeschichte der Apartheid entäußere. Ach ja?

Am Dienstagabend haben die beiden Rapper Ninja und Yo-Landi Vi$$er das erste von zwei ausverkauften Konzerten im Berghain gegeben, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es das Beknackteste, Stumpfsinnigste und Ödeste war, was ich seit langem in einem Konzert erdulden musste.

Was die Musik und die dazugehörige Bühnenshow betrifft, so bestritten Die Antwoord ihren knapp einstündigen Auftritt mit stupide aus einem Laptop herausbollernden Bumsbeats, zu denen Ninja und Yo-Landi Vi$$er witzlos herumhüpften und äußerst schlecht rappten. Vi$$ers stimmliche Variationsbreite entspricht dem Frequenzspektrum einer pfeifenden Teekanne, was auch dadurch nicht besser wurde, dass sie sich von den vorderen Publikumsreihen gern ihren spandexbekleideten Hintern betatschen ließ, während Ninja sich im Stage Diving übte oder zur Abrundung seiner Asozialen-Performance immer wieder pseudobetrunken auf den Bühnenboden fiel.

In den Videoschleifen über der Bühne sah man dazu beispielsweise, wie aus Vi$$ers geöffnetem Mund Schmetterlinge oder Würmer entfleuchten; wenn man das RTL-Dschungelcamp für eine Manifestation des kollektiv Unbewussten hält, kann man darin einen tieferen Sinn erkennen. Sonst aber nicht. Ergänzend wurden wieder und wieder kindchenschematisch knubblige Spielzeugfiguren mit sehr großen Penissen kombiniert. Gähn! Den Gipfel der Cleverness erklomm die Semiotik des Abends, als Die Antwoord eine Variation von Edvard Munchs „Schrei“ mit einem schreienden Afrikaner projizieren ließen; ich vermute, das sollte nun die verdrängte Schuld der Apartheid symbolisieren. Aber wie genau? Wem gegenüber? Und mit welchem Ziel?

Nirgendwo in dem tristen Beat- und Bildergeballer fand sich eine Struktur, eine Brechung, ein metaphorischer Mehrwert, aus dem Selbstironie, Humor oder gar eine Haltung erwachsen wäre. Stattdessen hatte man durchweg das Gefühl, dass hier Musik von Leuten für Leute gemacht wird, die sich für deutlich cleverer halten, als sie es sind.