Gary Numan ist in vielerlei Hinsicht ein Pionier. Ende der Siebziger ersetzte er als erster globaler Popstar die Gitarre durch den Synthesizer. Er etablierte den Kajal als Standard-Accessoire in der Gothic-Mode. Und er ist der bisher einzige Popmusiker, der einen Nummer-eins-Hit („Cars“ aus dem Jahr 1980) auf Autohupen nachspielte – in einem Werbespot für Autobatterien.

Man könnte Gary Numan also den Duracell-Hasen des Synthiepop nennen. Als ähnlich dauerhaft hat sich auch seine Karriere erwiesen. Während andere Musiker seiner Ära ihre Comebacks erst im Zuge der Retro-Mode der vergangenen Jahre erlebten, datiert Numans Revival schon auf Mitte der Neunziger, als Nine Inch Nails und Marylin Manson mit der sandgestrahlten, schwermetallbelasteten Variante seines unterkühlten Elektropop Stadien füllten. Die Musiker der MTV-Industrial-Ära haben ihn früh als Legende geeehrt.

Um Legendenbildung geht es Numan auf seiner aktuellen Tour allerdings nicht. Im Mittelpunkt seines Auftritts im Imperial Club standen am Dienstag die Songs seines formidablen Spätwerks „Splinter“ aus dem vergangenen Jahr. Leider haben die Lobpreisungen von Nine-Inch-Nails-Zeremonienmeister Trent Reznor auf Numan im Live-Repertoire seiner Band deutliche Spuren hinterlassen. „I am Dust“, der melancholisch-scheppernde Opener des Abends, schwillt bereits nach wenigen Klängen zu einem brachialen Emo-Stahlbad an.

Nie zu einem Dandy erwachsen

Numan ist im Gegensatz zu Kajalwürdenträgern wie David Bowie oder Brian Eno nie zu einem Dandy erwachsen. Auf der Bühne gebärdet er sich lieber als unermüdlicher Vitalist. Theatralisch wirft er die Arme in die Luft, stets im Einklang mit seiner gebrochenen Körperlichkeit. Nichts ist geblieben von der artifiziellen Eleganz seiner einflussreichen Maschinenmusik-Trilogie („Replicas“, „The Pleasure Principle“, „Telekon“). Stattdessen übt sich Numan in den Pathosgesten eines Andrew Eldritch, dem schwarzen Hohepriester der Kinderschreckrocker Sisters of Mercy. Oder er räkelt sich wie eine in die Jahre gekommene Pole-Tänzerin um seinen Mikrofonständer. Eine schmierige Laszivität ist der walzenden Härte, mit der Numan seine hellen, schwebenden Synthesizer-Melodien überbügelt, durchaus zu eigen: In aufpeitschenden, suggestiven Stößen zucken die Industrial-Rhythmen über das Publikum hinweg. Nur hätte Numan dann vielleicht konsequenterweise seinen Auftritt auch in hautengen Lederhosen absolvieren sollen.

Nach einer guten Stunde fühlt man sich von dem konstanten Geboller reichlich zermürbt. Respektabel ist hingegen die Neuerfindung von Numans größtem Hit „Cars“ als Disco-Stampfer der hedonistisch-prolligen Sorte, wie sie auf Kleinstadt-Schützenfesten häufig vom Autoscooter ins Festzelt herüberschallen. Ein Abend also nicht ohne Ambivalenzen. Aber wenn Nine Inch Nails oder die Krupps meinen, ihre Alt-Fans mit Comeback-Versuchen beglücken zu müssen, dann wird niemand ernsthaft dem Pionier Gary Numan das Recht absprechen, seine Midlife Crisis vor zahlendem Publikum auszuleben.