Berlin - Diese Musik ist gereift, ohne vergessen zu haben. Man kann sie auch als weise bezeichnen – so beglückend geschichtsbewusst und lebendig, altersgerecht sentimental und in die Zukunft gewandt war das triumphale Konzert, das New Order am Donnerstagabend im Tempodrom gaben. Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren war die Band aus Manchester wieder in Berlin zu erleben; zum ersten Mal auch seit der hässlichen Trennung von ihrem prägenden Bassisten Peter Hook und der vorübergehenden Auflösung Mitte des letzten Jahrzehnts. Neue Lieder gab es nicht zu hören, und doch hatte man in keinem Moment das Gefühl, einem Oldie-Abend, einem Museumskonzert beizuwohnen: So frisch sind immer noch die Klänge und Beats dieser Gruppe, so kraftvoll ist ihr Wille geblieben, sich unentwegt zu erneuern in der Besinnung auf die eigene Herkunft und Geschichte.

Ausführlich war davon schon am Mittwoch die Rede, beim Beginn der New-Order-Feierlichkeiten im HBC Club in Mitte: Hier eröffnete die Band eine schöne Ausstellung, die ihre mehr als dreißigjährige Geschichte als Gesamtkunstwerk zeigt. Zu sehen sind unter anderem die Plattencover, die ihr Haus- und Hof-Designer Peter Saville gestaltet hat, von der ersten Single „Ceremony“ aus dem Jahr 1981 bis zur bislang letzten LP „Waiting for the Sirens’ Call“ aus dem Jahr 2005.

Geheimnis in Massenanfertigung

Savilles Werke sind von unübertroffener Eleganz – gerade weil sie beim bloßen Betrachten kaum Rückschlüsse auf die dazugehörige Musik erlauben. „Movement“, die erste LP aus dem Jahr 1981, zeigt immerhin noch den Namen der Band und der Platte in einer an die italienischen Futuristen erinnernden Typografie. Aber schon auf der 1983er LP „Power, Corruption & Lies“ kombiniert Saville nur noch ein Blumen-Stilleben mit einem kleinen Strang monochromer Farbfelder, die sich nach einem geheimen Code in Gruppennamen und Albumtitel übersetzen lassen. Er habe die Band zu einem „mass-produced secret“, zu einem Geheimnis in Massenanfertigung machen wollen, erläuterte Saville beim Künstlergespräch während der Vernissage. „Um die Musik habe ich mich nie gekümmert!“ Woraufhin der New-Order-Sänger und Gitarrist Bernard Sumner ergänzte: „Wir haben uns auch beim Musizieren nie um die Plattencover gekümmert.“

In dieser Versöhnung von Widersprüchen steckt aber das wahre Geheimnis New Orders. Entstanden sind sie 1980 aus der Band Joy Division: Nach dem Selbstmord von deren Sänger Ian Curtis verwandelten die verbleibenden Mitglieder Bernard Sumner, Stephen Morris und Peter Hook die klirrend-kalten nihilistischen Klänge zu einer zugleich euphorischen und schmerzgeprägten Musik; der epochale Sequenzerbeat von „Blue Monday“ prägte 1983 eine ganze Generation. Wesentlich war diese Verwandlung – wie Bernard Sumner ebenfalls am Mittwoch erläuterte – der „Flucht nach New York“ und in die dortige Club-Szene zu danken. Im HBC wird diese Zeit mit einer Reihe von historischen Bildern des Londoner Fotografen Kevin Cummins gewürdigt. Im Gespräch zwischen Cummins und der Band ließ sich allerdings – getreu der Maxime, dass, wer sich an die Achtziger erinnern kann, sie nicht erlebt hat – nur geringe Einigkeit über die Schauplätze der gezeigten Bilder herstellen, insbesondere, wenn es sich um Orte des Nachtlebens handelte: „Das ist in der Paradise Garage!“ – „Nein, im Fun House.“ – „In der Danceteria!“ – „Nein, in der Paradise Garage.“ – „Nein!“ – „Doch!“ – „Fun House!“

Wie dem auch sei: Die New Yorker Zeit von New Order, die damals so glücklich gelungene Verbindung von älterer Postpunk-Romantik und neuester Technologie, von Subjektivität und Abstraktheit, von melancholisch gefärbten Songs und forsch nach vorn strebenden Disco-Beats ist bis ins jüngste Glied der elektronischen Popmusik prägend geblieben; darum darf man sehr dankbar sein, dass diese Band nun wieder Konzerte gibt.

Auch wenn es sich um eine Wiedervereinigung unter Schmerzen handelt: Mit Peter Hook haben die restlichen Bandmitglieder sich derart zerstritten, dass an eine Zusammenarbeit wohl nicht mehr zu denken ist. Mit einer Soulsängerin hat Hook unter dem Namen The Light letztes Jahr ein paar ältere Lieder von Joy Division in leider scheußlicher Weise neu aufgenommen. Nun tingelt er mit Gedenkkonzerten, bei denen Joy-Division-Alben in werkgetreuer Songfolge aufgeführt werden, durch kleinere Clubs.