Es ist ein bisschen überraschend, wie wenig Zach Condon spricht. Er wirkt durchaus nicht schlecht gelaunt, aber außer wenigen dünnen „Danke“ kommt ihm eigentlich in den knapp anderthalb Stunden kein Wort über die Lippen. Dabei hat einerseits das Publikum schon seit vielen Wochen die Columbiahalle ausverkauft, um ihn am Sonntagabend mit seiner Band Beirut zu sehen. Und nun liegt es ihm fast schon rührend begeistert zu Füßen, bejubelt jedes kleine Ukulele-Schrummen, jeden Griff zur Trompete und jede seiner langgedehnten, weichen Gesangslinien. Zum anderen stand es lange in den Sternen, ob es Konzerte, wie dieses einzige in Deutschland, und Alben, wie das vor kurzem erschienene vierte „No No No“, überhaupt noch geben würde. Denn Condon hatte seit dem letzten Album 2011 neben einem Herzbruch auch einen amtlichen Burn-Out erlitten und quälte sich danach mit einer bösen Schreibblockade.

Die Wortkargheit wundert einen auch deswegen ein bisschen, weil das neue Album fast noch gelöster klingt als die bisherigen – wobei es sich bei seiner Musik um eine grundsätzlich leutselige handelt. Sie ist aus vielen folkloristischen Stücklein zusammengebastelt und mit einem sicheren Touch von indiepoppigen Melodien verfugt. Sie ruckelt und zuckelt in verschiedenste rhythmische Richtungen, sie lässt Bläser wanken und schwanken, schubbert mit Akkordeons und Keyboards daher.

Dabei, so schrieb es einmal ein Kollege, spielt die Band eine Art Karl May-Version von Weltmusik. Tatsächlich beruht zum Beispiel der Bandname auf reiner Fantasie, Condon stellte sich die libanesische Hauptstadt als coolen, schick urbanen Ort mit alten Wurzeln vor und fand, das passe zu seiner Musik.

Andererseits muss man heute ja nicht mehr durch die Welt reisen, um einen korrekten Eindruck der entsprechenden Musiken zu bekommen. Zudem kannte Condon natürlich die mexikanischen Mariachi-Motive aus seiner Heimat New Mexico; den Balkan-Pop wiederum lernte er in Paris kennen, wo er nach dem Schulabbruch mit 16 eine Weile lebte und serbische Musiker wie Goran Bregovic kennenlernte; und seit er mit Beirut 2006, da war er 19, das erste Album veröffentlichte, reiste er natürlich ausgiebig professionell.

Zärtlicher, gut gelaunter Feinsinn

In ihrer charmantesten Form ist die Musik dennoch erfunden, wie man zum Beispiel an ein paar älteren Stücken erkennt, die den osteuropäischen Einfluss noch recht plakativ im Klangbild tragen. Das klingt dann recht ländlich und vitalistisch unrasiert, schön, wenn man’s mag, aber nicht weiter interessant. Das wird es dort, wo sich vor allem seit dem dritten Album „The Rip Tide“ die volksmusikalischen Einflüsse gewissermaßen in einer Art ganz eigener Welt-Pop-Idee auflösen. Man könnte an die gleichfalls musikalisch weltzitierenden Calexico denken, oder an den oft ähnlich ausladend arrangierenden Sufjan Stevens, mit dem Condon auch das Geo-Konzept teilt. Allein im Konzert zitierten Condons Songtitel Marseille und Perth, East Harlem, Fener und Italien.

Das Kompositionsprinzip besteht dabei aus überaus gefälligen, einschmeichelnd gedehnten Melodien auf bewegten Untergründen, was auf Dauer ein wenig ermüdet. Für sich genommen überzeugen aber nicht nur die großartigen Texturen der – meist noch um Condon an der Trompete verstärkten – beiden Bläser. Ihre jeweiligen regionalen Tönungen traten hinter einem oft zärtlichen, gut gelaunt jazzigen Feinsinn zurück, und sie leisten fast soviel Chorusarbeit wie der Gesang. Klanglich interessant auch, dass Condon in seinem Indiepop abgesehen von der Ukulele auf Gitarren verzichtet. Ihren Part übernehmen originell die Keyboards, die jedoch auch fast schräg synthpoppige Motive in den Sound ziehen. Übrigens auch schon auf älteren Werken: Condon begann als Schlafzimmerproduzent und zählt Elektrokünstler wie Aphex Twin und das Kölner Kompaktlabel zu seinen Favoriten.

Vielleicht auch deswegen tritt gerade live der Gesang als Textmedium zurück. Er dichtet sowieso nicht gern, sagte er einmal. Condons Stimme wird so vor allem ein weiteres Instrument in den zärtlich strömenden Arrangements. Und so gesehen, muss man sich wohl auch nicht wundern, dass er zwischen den Songs stumm bleibt.