Togo, Afrika: Frauen tanzen bei einer Voodoo-Zeremonie in Glidji Kpodji.
Foto: AFP/Emile Kouton

MoskauAls die Schamanen aus Sibirien Gebete sprachen, kam ein kalter Wind auf, wie er im westafrikanischen Togo sehr selten ist. Die örtlichen Medizinmänner erklärten, das sei ein gutes Zeichen: Die Götter freuten sich über die Gäste aus der russischen Republik Burjatien.

Die ostsibirischen Schamanen setzen auf Globalisierung. Wie jetzt bekannt wurde, besuchten Bair Zyrendorschijew, Oberhaupt der burjatischen Schamanenorganisation „Tengeri“, und mehrere seiner Kollegen im Januar die afrikanischen Länder Ghana, Benin und Togo.

Ziele des Vertrages: Austausch, Hilfe, Verständnis

In Togo unterzeichnete der oberste Schamane gemeinsam mit Messanh Amedegnato, Präsident der „Union traditioneller Kulte Togos“ und Geistlicher der Staatsreligion Voodoo, einen überkonfessionellen Kooperationsvertrag. „Möge unsere Zusammenarbeit Grundlage für das Gedeihen der spirituellen Kraft in der Region sein und unsere Philosophie zum Wohl und zur Entwicklung aller Menschen beitragen“, heißt es in dem Text. Nach Angaben des burjatischen Portals Baikal Daily beglaubigte der Gouverneur der Republik Togo das Dokument.

Sibirien, Russland: In Burjatien wird die Schamanentrommel gespielt.
Foto: imago images/Eric Baccega

„Wie unsere Religion ist auch Voodoo sehr alt. Und beide sind einander sehr nahe“, sagt Oksana Kim, Sprecherin von „Tengeri“ und selbst praktizierende Schamanin, der Berliner Zeitung. Laut Kim wollen Schamanen und Voodoo-Priester vor allem praktische Erfahrungen austauschen: „Welche Heilungsmethoden man anwendet, welche Rituale, wie man eine Zeremonie vollführt, wozu man sie vollführt.“ Es gehe darum, einander zu helfen und sich noch besser zu verstehen.

Auf der Suche nach magischen Welten

Die Burjaten haben die Afrikaner schon zu einem Gegenbesuch eingeladen, der vermutlich im August stattfinden soll. Sie knüpfen auch anderswo internationale regionale Kontakte, haben vorher ein ähnliches Abkommen mit den Mönchen des Drikung Kagyu abgeschlossen, einem tibetischen Zweig des Buddhismus.

„Die Ansicht, dass ein Burjate niemals einen Afrikaner verstehen wird, ist falsch“, erklärt Oberschamane Zyrendorschijew der Zeitung Nesawissimaja Gaseta. Und im Gegensatz zu „modernen“ Konfessionen wie Christentum oder Islam unterschieden sich die alten Naturreligionen, burjatisches Tengrianertum, oder afrikanischer Voodoo kaum voneinander.

„Sie alle verehren einen Gott des Himmels und eine Göttin der Erde.“ Und sie betrachteten Makro- und Mikrowelt als ein Ganzes. „Alle Wesen auf der Welt sollen in von den Göttern gelenkter Harmonie leben.“ Angesicht all dieser Gemeinsamkeiten habe er sich in Togo wie zu Hause gefühlt.

Geografisch getrennt, in der Sache oft beinander.
Grafik: Berliner Zeitung/Isabella Galanty

Jewgeni Netschkassow, Nowosibirsker Experte für Neuheidentum, sieht ebenfalls viele Gemeinsamkeiten zwischen den burjatischen Schamanen und den Voodoo-Afrikaner. Beide betätigten sich als Zauberer, Heiler und Weissager, beide verwendeten Trommeln, Gesänge und Tanz, um in Trance zu geraten. „Beide suchen den Zugang in andere magische Welten.“

Kritik wegen blutiger Zeremonien

Aber es gibt auch Kritiker der Kooperation. Der Religionsgeschichtler Nikolai Abajew hält das burjatische Schamanentum und Voodoo für unvereinbar. „Tengrianertum ist die Religion des Ewigen Himmels, des Lichtes und des Friedens. Voodoo ist kultische Verehrung der Geister der Dunkelheit, begleitet von blutigen Zeremonien“, sagte er der Nesawissimaja Gaseta. Auf Haiti hätten einst die Geheimpolizisten des Diktators Duvalier, praktizierende Voodoo-Anhänger, ihre Feinde lebendig verbrannt, zersägt, angeblich sogar aufgefressen.

Aber die Schamanen aus Sibirien lassen sich von solch schaurigen Geschichten nicht abschrecken. „Es ist falsch zu sagen, eine Religion ist böse, die andere gut, eine hell, die andere dunkel“, sagt Sprecherin Oksana Kim. „Wir verehren den Kosmos, sehen einen blau leuchtenden Himmel, aber das All dahinter ist dunkel, es wird von schwarzer Materie zusammengehalten.“

Die Voodoo-Afrikaner betätigten sich als Zauberer, Heiler und Weissager. Sie verwendeten Trommeln, Gesänge und Tanz, um in Trance zu geraten.
Foto: Getty Images/Godong

Die Voodoo-Gemeinde in Togo hat ihre neuen sibirischen Freunde sogar eingeladen, bei ihnen zu leben und Geister zu beschwören. „Sie wollen uns Land schenken, damit wir auch dort ein Schamanenzentrum eröffnen“, erzählt Kim.

Aber bei aller seelischen Nähe gibt es Unterschiede. In Togo herrschen gerade Tagestemperaturen von 35 Grad, in Burjatien 20 Grad Frost. „Und das ist noch warm für uns“, sagt die Schamanin. „Wir sind hier an ziemliche Kälte gewöhnt.“ Noch habe sich keiner ihre Kollegen dazu entschieden, nach Afrika überzusiedeln.