Beim Anblick der Wohnung mit   liederlicher Wohnküche, dem ungewaschenen Wäscheberg und dem winzigen WG-Zimmer gruselt es den jungen Lennard, der  aus einem badischen Sieben-Zimmer-Haushalt mit Gartenblick anreist. Aber auch als abgebrühter Berliner schnauft man erst mal – hui, 500 Euro für eine Mitwohn-Gelegenheit im Szene-Kiez, sehen so die aktuellen Mietpreise aus? Ja, die Not ist groß und jedes olle Klischee stimmt eben. Der Student in München zahlt tatsächlich die besagten 500 Euro für ein Zimmer, in Berlin liegt der Durchschnitt bei 400 Euro – noch. In diese ungemütliche Fremde irgendwo am Kottbusser Tor verschlägt es den 18-Jährigen nach seiner Flucht von zu Hause, allein.

 Ganz allein wiederum kommt der schweigsame schüchterne Bub auch nicht, er hat seine Stimmen dabei, alle. Die inneren Stimmen des Gewissens, die jeder von uns kennt. Meine zum Beispiel verlangt gerade: Du bleibst jetzt an diesem verdammten Schreibtisch sitzen, bis der Text fertig ist, arbeite gefälligst effizient! Sie hat natürlich recht, lässt sich aber leicht überlisten. Bei Lennard ist es schwieriger. Seine Stimmen sind präsenter, lauter, fordernder und reden auch noch alle gleichzeitig.

Sie veranstalten ein virulentes Kopfkino und treiben Lennard mit diesem Chaos immer wieder nah an die Grenzen seiner psychischen Stabilität. Die vorausschauende Vernunft und die klammernde Angst, der Macho-Draufgänger und die harmonische weibliche Seite, das Kindische und das Pubertierende, alle sechs Seiten seines Ichs verschaffen sich Gehör.

Höhepunkten des Spielplans

Um sie für das Theater sichtbar zu machen, bekommen die Stimmen Gestalt und Namen. Da ist die Bühne schon voll, wenn Lennard nur die beiden anderen WG-Bewohner kennenlernt, diese echte Berliner Mischung – Fine, keinem Drogencocktail abgeneigt, und Ben, ein großmäuliger fauler Antifa-Typ. Beide finden irgendwie Gefallen an dem Neuen, er aber, der Getriebene, kann sich nie für was entscheiden: „Teile von mir überlegen noch!“

 Soll er das Wohnloch nehmen oder wieder heim fahren? Drogen ausprobieren oder nur ein Bier? Will er zu Fine ins Bett oder etwa doch zu Ben? Lennard scheitert schon am Einkaufen – zu viele Möglichkeiten! – bevor er am Ende mit der Pistole auf alle seine Stimmen losgeht. Aber die Angst rettet ihn: Sie trägt eine schusssichere Weste. Angst (Helge Mark Lodder) und Vernunft (die tolle Tänzerin Jasmin Eberl),  hinterlassen, wen wundert es, den nachhaltigsten Eindruck in diesem Ensemble, das ohne Ausnahme auf hohem Niveau glänzt.

In dem zum Ende hin ausfransenden Libretto hat Markus Fetter nicht nur Glück mit seiner Hauptrolle, denn er schuldet ihr immer nur zweifelnde Besorgnis im Ausdruck, aber dafür bekommt er Raum, als Sänger zu brillieren.

Seit zwanzig Jahren – Jubiläum! – schreibt der Regisseur Peter Lund, 51, Musical-Professor an der Universität der Künste, für seine Studenten zum Abschluss ein neues Stück. Immer liest er die Themen dazu von Berliner Straßen auf („Das Wunder von Neukölln“), in Schulen („Elternabend“) oder Wohnungen („Die Krötzkes“), entwickelt sie zusammen mit den Darstellern und bringt sie an der Neuköllner Oper zur Uraufführung.

Auch „Kopfkino“ wird wieder zu den Höhepunkten des Spielplans zählen, so unterhaltsam, komisch und unerwartet bis in die letzte Formulierung ist es wieder geraten. „Mit meinen Stimmen hab ich ne ganze Talkshow im Gepäck, wie Markus Lanz geht die nie wieder weg.“  Thomas Zaufkes fein dem Stück angepasste Popsongs und Balladen machen alles erst sing- und tanzbar, Hans-Peter Kirchberg bringt als musikalischer Leiter seine Band und die Sänger auf den Punkt in Aktion, ohne je ein Solo niederzuschmettern, ach ja, und die Liedtexte reimen sich auch noch, herrlich. Trotzdem fressen die Großmusicals immer noch jede Aufmerksamkeit.

 Die jüngste Inszenierung ist insofern ein Experiment mit höchst unsicherem Ausgang, weil es gleichzeitig auf die Leinwand strebt. Erste Ausschnitte aus dem künftigen Filmprojekt werden eingespielt, sobald das Ensemble die Küche verlässt und die Straße betritt, um etwa bekifft am Kotti ein Schwabenauto zu zertrümmern. Vorher hat Lennard Angst und Vernunft im Bad eingesperrt. Klar, das nehmen die übel.

 Im Programmheft steht noch ein dankbarer Seufzer von Peter Lund: Wie gut, dass die Neuköllner Oper weiter unterhalb des Radars kultureller Leuchttürme segelt und keine kulturpolitische Fachkraft auf die Idee kommt, ihre „überalterte Struktur fit zu machen für den internationalen Festivalmarkt“. Au ja, auch darüber muss man froh sein.