Wieder wurde beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) ein Mitarbeiter undurchsichtiger Machenschaften überführt, wieder gab es eine sofortige Freistellung und wurde ein Hausverbot verhängt, wieder ist die Rede von einem Skandal. Hat sich beim MDR denn gar nichts geändert? Eines immerhin ist neu: Fehlverhalten wird sanktioniert statt ignoriert oder vertuscht. Es geht um Reinhard Mirmseker, den Chef von MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt. Jedenfalls war er das bis Dienstag. Da war er seinen Posten Knall auf Fall los. Die Sache liegt beim Personalrat, die (fristlose) Kündigung dürfte Formsache sein. Vorgeworfen werden ihm keine strafrechtlich relevanten, wohl aber arbeitsrechtliche Verstöße. Von Unregelmäßigkeiten bei Auftragsvergaben ist die Rede und davon, dass er gegen die Dienstregeln verstoßen habe, Firmenbeteiligungen und Nebentätigkeiten offenzulegen. Ein wirtschaftlicher Schaden sei nicht ersichtlich, heißt es, doch das hieß es schon oft.

Undurchsichtiger Geldkreislauf

Zum Beispiel, als das selbst gebastelte Kreditvergabesystem des ehemaligen Fernseh-Unterhaltungschefs Udo Foht aufgeflogen ist. Bis heute nicht endgültig geklärt ist, wohin welches Geld geflossen ist und von wem es jeweils stammte, welchem Zweck es genau diente und wie viel wieder zurück gelangte.

Beschwichtigend als Einzelfall abgetan hat der frühere MDR-Intendant Udo Reiter die Affäre um den spielsüchtigen Ex-Herstellungsleiter des MDR-geführten Kinderkanals. Auch sie ist nicht vollends ausgestanden. In beiden Fällen laufen noch Verfahren und Ermittlungen, sowohl auf Seiten der Staatsanwaltschaft als auch des MDR. Die mit Gebühren finanzierte, öffentlich-rechtliche ARD-Anstalt sieht zumindest in der Kika-Affäre die Chance, den entstandenen finanziellen Schaden in Höhe von etwa acht Millionen Euro durch Wiedergutmachungsforderungen an betroffene Firmen zumindest zu begrenzen.

Jetzt also der nächste Fall, und auch er dient nicht dazu, das miserable Image des MDR zu verbessern. Es sieht derzeit zwar nicht danach aus, als nähmen die Vorgänge um Mirmseker ähnliche Dimensionen an wie bei Foht und dem Kika. Sie belegen jedoch, dass beim MDR normal war, was woanders illegal ist: faule Geschäfte zu betreiben, Korruption zu billigen und Regeln, so sie überhaupt existierten, zu missachten.

Der frühere Eiskunstläufer Mirmseker, schon zu DDR-Zeiten Radiomoderator, war vom ersten Tag an Mitarbeiter des MDR. Er kannte es nicht anders, wusste, wie es dort zugeht und dass da keiner so genau hinschaut, wer was treibt. Er tat, was andere auch taten – und durfte davon ausgehen, unbehelligt zu bleiben.

Die neue Intendantin Karola Wille erweckt seit ihrem Amtsantritt im November vergangenen Jahres den Eindruck, alles zu unternehmen, dass Vorfälle, wie sie in der Vergangenheit passiert sind, nicht mehr vorkommen. Sie erlässt Vorschriften, wo keine waren, verschärft sie, wo sie umgangen wurden. Sie verfolgt das Vier-Augen-Prinzip, fordert Hinweise auf Unregelmäßigkeiten, wie es sie auch im Fall Mirmseker gab.

So soll der frühere Chef des Landeskriminalamtes Ingmar Weitemeier, dessen Firma Esecon zur Aufklärung der Kika-Affäre engagiert worden war, in seinem Untersuchungsbericht angeregt haben, auf die Vergabepraxis in Magdeburg zu achten. Doch die Aufträge in Sachsen-Anhalt lieferten zunächst keinen Grund für Beanstandungen.

Alles schien ordentlich abgerechnet, für gezahltes Geld waren Leistungen erbracht worden, anders als im Fall Kika. Erst vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Mirmseker eine, wenngleich kleine Beteiligung an der Firma seines Lebenspartners hält, die – und das ist der Punkt – in einer Geschäftsbeziehung zum MDR steht.

In der Welt der Stars

Es mag beim MDR noch nicht jeder begriffen haben, aber Wille scheint es ernst zu meinen mit ihren Ankündigungen, dem alten MDR-Gebaren ein Ende zu setzen. Es gibt aber auch gute Gründe, genau hinzuschauen, ob der Fall Mirmseker wirklich isoliert betrachtet werden kann. Schon deshalb, weil Mirmseker Sendungen wie die inzwischen abgesetzte „Wernesgrüner Musikantenschenke“ moderiert hat und damit Teil jener Welt der Stars, Produzenten und Senderverantwortlichen war, in der Unterhaltungschef Foht als „König der Volksmusik“ galt. Sie war Grundlage für viele krumme Geschäfte.