Berlin - Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum ist ein hocheleganter Bau, mit schlanken Stahlsäulen und großen, nur von zarten Stahlrahmen eingefassten Fenstern. Aber am Dienstagabend, als die Düsseldorfer Elektropopgruppe Kraftwerk das letzte der acht Konzerte ihrer Werkretrospektive in dem Hallenbau gab – es war ihrem bisher letzten, 2003 erschienenen Album „Tour de France“ gewidmet – und damit für viele Jahre auch die letzte Besuchsmöglichkeit schuf, war es winterdunkel. Rote Lampen tauchten das gewaltige Stahldach in flammende Farben. Die von Ludwig Mies van der Rohe in den Sechzigerjahren als reines Kunstwerk entworfene Architektur erhielt auf diese Weise tatsächlich jene feuersprühende Anmutung von Adolf Menzels Gemälde „Eisenwalzwerk“, die sich das Bürgertum seit dem 19. Jahrhundert als Motor des industriellen Fortschritts vorstellt.

Architektur und Musik

Manchmal fügten sich dieser neue Blick auf Mies’ Architektur, die Musik von Kraftwerk und ihre von 3D-Filmen geprägte visuelle Inszenierung geradezu perfekt ineinander. Vor allem, wenn düster Geschichte und Gefahren der Moderne beschworen wurden; wenn große Robotermenschengrafiken sich per bedruckter Pappbrille – sicherlich bald ein gefragtes Sammlerstück – in die Tiefe staffelten; wenn die nett gerundeten VW Käfer und ein langgestreckter fetter Mercedes, wie ihn einst Adenauer liebte, über die Autobahn fuhren.

Wenn mehr von dem Bau Nationalgalerie zu sehen gewesen wäre, hätte man wohl an die Überlagerung von unterschiedlichen Klassikern der Moderne gedacht. In der Dunkelheit aber war das hohe Dach nur noch fern und sehr fabrikhallenartig gerastert, die Fenster erschienen als dunkle Wände. So kam eher die Assoziation an die Reichsautobahn und an faschistische oder stalinistische Massen- und Maschinenkulte auf, zumal, weil unmittelbar zuvor die „Roboter“-Menschen mit starren Posen, flaggenroter Wandfarbe und vielen Befiehl-und-Folge-Gesten zu sehen waren.

Nur manchmal zerbrach diese – bis auf den Gag mit dem vor der Nationalgalerie landenden Ufo – wie bei Kraftwerk-Konzerten üblich ziemlich humorfreie, sehr strenge und bis in ihren Perfektionsanspruch hinein auch sehr deutsch wirkende Inszenierung. Wenn etwa in den Grafiken der 3D-Visuals unverkennbar die euphorische Zukunftslust des frühsowjetischen Suprematisten El Lissitzky oder des niederländischen De Stijl-Malers Mondrian verwertet wurde.

Wenn sich die Rennradler bei „Tour de France“ die kurvigen Bergstraßen hinaufarbeiteten, um sie dann ebenso elegant wie rasant wieder herunterzufahren. Oder wenn bei „Das Model“ im Hintergrund der vier Musiker Modenschauen zu sehen waren. Schöne Frauen in elegant schwingenden Kleidern, zierlich das Sektglas und die Robe gehoben: Bilder jener alles zivilisatorische Versagen zwischen 1933 und 1945 vergessenden bundesdeutschen Wohlstandskultur der Nachkriegsjahrzehnte, der auch die Neue Nationalgalerie entstammt. Doch wurde diese Ebene ihrer Bedeutung von Kraftwerk in keiner Weise für das Konzert nutzbar gemacht – sie behandelten den Mies-Bau letztlich wirklich nur als X-beliebige Kraftwerkhalle.

Es war ein Abschiedsabend. Als die Ordner in straffer Choreografie das Publikum gegen die Wand mit den beiden Kreiseltüren schoben, versuchte mancher, möglichst lange in der Halle zu bleiben. Es kreischten schon die Schrauber der Bühnenarbeiter, als die letzten Besucher gingen. Man wollte die perfekten Proportionen dieses Saales noch einmal genießen.

Mehr Leichtigkeit

Bisher ist nämlich in keiner Weise klar, wie lange wir die Neue Nationalgalerie entbehren müssen. Auch wissen wir nicht, wie viel Geld die Sanierung kosten wird. Bekannt ist nur, dass das Architekturbüro von David Chipperfield die Arbeit plant und die Schäden nach 40 Jahren mangelnder Bauinstandhaltung bis in die Fundamente gehen. Insofern hätte es sich für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gelohnt, etwas hübschere Schilder anzubringen als bloß das schludrige Blättchen, mit dem am Eingang des Hauses die Schließung ohne jede Entschuldigungsbitte verkündet wird.

Vor dem Bau stand ein im Licht der Autos auf der Potsdamer Straße silbern aufblitzender Imbisswagen. Würstchen und Pommes: Arbeiternahrung, passend zum neuen Fabrik-Image der Neuen Nationalgalerie. Aber nach zwei Stunden Synthiebeschallung mit Grafikfilmhintergrund dachte man sich: Für die Wiedereröffnung muss ein anderes Image her. Mehr Mies-ig, eleganter, weniger deutsch-schwer. Vielleicht schaffen es die Staatlichen Museen ja 2020 – oder wann immer es sein wird –, einen wirklichen Pop-Star hierher zu locken. Jemanden, der nicht nur herumsteht, sondern auch tanzt. Sagen wir mal: Beyoncé. Ihre Leichtigkeit, ihre Choreografien und Kostümlust zwischen den starken Pfeilern von Mies – das wäre doch wirklich mal was.