„Krauses Geheimnis“ ARD: Bullerbü in Brandenburg

Ihr habt ja im Sommer 61 nicht mal mitgekriegt, dass eine Mauer gebaut wurde“, hält Seemann Albert (Jörg Schüttauf) der Gastwirtin Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni) vor. Die entgegnet gewohnt knurrig: „Wir haben auch nicht mitgekriegt, als sie wieder weg war!“ Trockener und treffender lässt sich der Lauf des Lebens in Schönhorst nicht beschreiben. Das „Gasthaus Krause“ trotzt unbeirrt den fernen Wirren der Zeit – Hauptsache, die Kohlrouladen werden weiter nach dem Rezept von Muttern gewickelt. Ob überhaupt noch Gäste kommen, ist zweitrangig: Die Krauses sind sowieso ihre besten Kunden.

Seit sieben Jahren bekommt Horst Krause neben seinem Dienst im „Polizeiruf“ alle zwei, drei Jahre von der ARD eine Extrawurst gebraten. Den Zuschauern schmeckt’s: „Krauses Kur“ folgten 2009 mehr als sechs Millionen. Als Dorfpolizist und Gastwirt ist er das absolute Zentrum von Schönhorst. Für den „Polizeiruf“ steht er derweil nach knapp zwanzig Jahren gerade für seinen Abschiedsfall „Ikarus“ vor der Kamera. Schauspieler Horst Krause hatte stets darauf bestanden, dass seine Figur Horst Krause mehr als eine Nebenrolle sei – doch nicht jeder Autor und Regisseur ließ sich noch darauf ein. Kollegin Olga Lenski (Maria Simon) wird danach nach Frankfurt (Oder) versetzt und bekommt einen Kollegen aus Polen zugeteilt.

Bernd Böhlich, als Autor und Regisseur für sämtliche Krause-Filme verantwortlich, baut auch in „Krauses Geheimnis“ auf ein bewährtes Prinzip: Ein Fremder kommt ins Dorf „und bringt alles durcheinander“, wie sich Krause echauffiert. Diesmal ist es ein Seemann, der recht schnell die Gründe für seinen Landgang nach Brandenburg andeutet: Albert gibt sich als Abkömmling jener Zirkus-Dompteuse zu erkennen, die anno 1961 in Schönhorst gastierte und den jungen Hotti verführte. Der griesgrämige und überforderte Krause begibt sich mit Schwester Elsa erst mal auf die Flucht: Mit einem Eierkorb voller Bierflaschen fallen sie auf dem Flughafen schnell auf. Doch Krause kehrt um und stellt sich seiner behaupteten Vaterschaft. Jörg Schüttauf und Horst Krause spielen diese vorsichtige Annäherung mit viel Ernsthaftigkeit.

Zum Finale geht’s in die Luft

Daneben bietet „Krauses Geheimnis“ aber viel Platz für ausgelassenes Landleben, das die Großen wieder zu Kindern werden lässt. Andreas Schmidt liefert als Nachbar Schlunzke, der sich seine hochfliegenden Träume von niemandem zerreden lässt, wieder die komischen Momente, Fritzi Haberlandt wirkt selbst als Landärztin wie eine schüchterne Dorfschöne, und Seemann Albert entwickelt an Land viel Entdeckergeist. Er fängt Fische mit der Hand, baut ein Floß und guckt abends mit der Ärztin in die Sterne. Die Umgebung erinnert an Astrid Lindgrens Bullerbü oder an Ehm Welks „Heiden von Kummerow“. Die Kinder tragen noch keine Smartphones, sondern Lederhosen mit Hosenträger und sind herrlich einfach zu beglücken: „Krause schenkt uns Brause!“ Der Zuschauer fragt sich indes, wo die stets fröhliche Kinderschar überhaupt herkommt: Potenzielle Eltern sind in Schönhorst ja nie zu sehen.

Stärker als in den bisherigen drei Krause-Filmen neigt Regisseur Böhlich diesmal dazu, seine kleine Welt zu verniedlichen und zu verklären, feiert seine Dörfler als die Gerechten vom Lande. Das zeigt sich vor allem in den überzeichneten Szenen mit einer Gästeschar aus Berlin, die von einem Sportwagen fahrenden Schnösel (Roman Knizka) angeführt wird. Die arroganten und affektierten Städter werden von Hotti, Albert, Elsa und Schlunzke gleich wieder in die Flucht geschlagen. Doch sage keiner, die Schönhorster würden nur im eigenen Rouladensaft braten – selbst Hotti und Schwester Elsa dürfen zum Finale in die Luft gehen.

Krauses Geheimnis, 20.15 Uhr, 07.11.2014, ARD