Christoph Hagel ist Dirigent, Pianist, Produzent und Regisseur. Wir treffen uns zur Frühstückszeit im West-Berliner Stammhaus des Café Einstein. Hagel wirkt noch etwas müde von den Proben am Abend zuvor, vibriert aber gleichzeitig vor Tatendrang. Ein mit Terminen übervoller Tag erwartet ihn schon.

Herr Hagel, gerade bereiten Sie die Aufführung des Singspiels „Der Schauspieldirektor“ von Wolfgang Amadeus Mozart vor. Wie viel öffentliche Förderung bekommen Sie?

Keine. Die Idee zum „Schauspieldirektor im Schloss Charlottenburg“ ist ein knappes Jahr alt. Wenn wir auf öffentliche Förderung warten müssten, könnten wir nicht übermorgen Premiere feiern.

Für Ihren „Don Giovanni im E-Werk“ erhielten Sie noch Geld vom Hauptstadtkulturfonds. Warum bewerben Sie sich nicht mehr um Projektförderung?

Für die Produktionen, die mich derzeit umtreiben, ist der Hauptstadtkulturfonds leider nicht ausgelegt. Beim „Schauspieldirektor“ habe ich zusammen mit Andreas Hass den Text neu geschrieben mit Bezug auf das Schloss Charlottenburg und das Berlin von heute. Es ist eine besondere Art von Humor, den ich irgendwie mozartisch finde und den Helmut Baumann in der Rolle des Schauspieldirektors großartig rüberbringt.

Ihre Inszenierungen sind zu volksnah für eine Förderung?

Das kann man vielleicht so sagen. In der ersten Phase meiner Karriere war ich selbst Teil dieser subventionierten Kultur, habe eng mit der Senatsverwaltung für Kultur zusammengearbeitet. Dann war ich zwei Jahre als Chefdirigent in Südamerika. Dort ist es besonders wichtig, mit Kultur alle Schichten zu erreichen. Als ich zurückkam nach Berlin, wollte ich auch hier mit meiner Arbeit möglichst alle Teile der Gesellschaft ansprechen, klassisches Kulturgut etwas liften und für ein neues Publikum interessant machen.

So wie „Die Zauberflöte in der U-Bahn“, die Sie fünfzig Mal fast immer vor ausverkauftem Bahnsteig spielten?

Schon damals war Andreas Hass der Autor. Wir haben versucht, das urbane Leben der Stadt mit Mozart in Bezug zu bringen. Die Produktion war sehr aufwendig und arbeitsintensiv. Als klar war, dass es ein Erfolg wird, haben einige meiner Mitarbeiter einfach losgeheult.

Berlin hat drei hoch subventionierte Opernhäuser. Wollen Sie denen Konkurrenz machen?

Nein, das ist nicht mein Ziel. Aber die Frage, was man in der Hochkultur ohne öffentliche Förderung machen kann und was nicht, finde ich hochinteressant. Eine Wagner-Oper zum Beispiel geht nicht. Ein derart großes Orchester und die Spezialsänger wären nicht zu bezahlen – außer man hat einen bayerischen König oder einen amerikanischen Millionär als Geldgeber. Daher mache ich einen Wagner-Film …

„Der Ring“ als Low-Budget-Produktion?

Nein, Ich habe eine bestimmte Idee von „Tristan und Isolde“ als intimes Berliner Kammerspiel. Es gibt ja auch eine Hollywood-Version, da kann ich die beiden auch in Friedrichshain ansiedeln. Für die Bühne könnte ich das nicht realisieren. Daher suche ich andere Wege, mich auszudrücken. Wenn mich eine Sache interessiert, dann verfolge ich sie, versuche, Verbündete und einen ökonomische Basis zu finden und hoffe auf die Gunst des Publikums.

Ein Geschäft mit unvorhersehbarem Risiko.

Natürlich gibt es auch mal einen Flop. Aber insgesamt hat uns das Publikum immer sehr unterstützt. Berlin ist ja genial. In den letzten zwanzig Jahren ist in dieser Stadt ein Kulturbewusstsein entstanden, das ist fantastisch. Es ist ein Pflaster um kreativ zu sein, mit und ohne Subventionen. Ständig entsteht etwas Neues in den Clubs, in der Off-Szene, in der Fashion-Szene, in der Hochkultur. Es gibt viele Möglichkeiten zwischen den Stühlen. Das Schubladendenken in Deutschland habe ich nie verstanden.

Sie stehen eher für die Querverbindungen zwischen den Szenen, stellen Hochkultur in ein neuen Kontext.

Ja, das böse Wort „Crossover“, das für das Überschreiten dieser Grenzen steht, diese Gemengelage aus Party und Staatskultur.

Ein schreckliches Wort.

Das ist eben die Kultur, die in hohem Maße vom Staat gefördert wird. Die Off-Kultur bedient sich der Hochkultur und umgekehrt. Das tun wir ja auch. Helmut Baumann war lange Jahre Intendant des Theaters des Westens. Das hilft auch uns.

Kritiker werfen Ihnen mitunter Trivialisierung von Werken vor. Wie reagiert das Volk auf Ihre Mischung?

Das Programm „Flying Bach“, in dem die Breakdancer der Flying Steps zu Klängen von Bach tanzen, ist weltweit ein großer Erfolg. Kürzlich haben wir wieder zwei Wochen in den Vereinigten Staaten gastiert. Ich finde es toll, dass überwiegend junges Publikum in große Hallen strömt, um Musik von Bach zu hören. Und inzwischen melden sich auch die Konzerthäuser: „Breakin’ Mozart“, das ich mit der bayerischen DDC realisierte, ist für diesen Dezember in den Gasteig eingeladen. Break Dance in der Münchner Philharmonie – das hat was.

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.