Daniel Barenboim und die Staatskapelle.
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BerlinWagners „Meistersinger“-Vorspiel, Beethovens 7. Sinfonie: Zweimal strömendes, strahlendes Dur, zweimal ein Erleben von Musik als andrängender, noch im pandemiebedingt ausgedünnten Auditorium existenziell entfesselnder und mitreißender Klangmacht. Daniel Barenboim, in seinen Jahrzehnten bei der Staatskapelle Berlin äußerlich eher zurückgenommener, aber in der Ausstrahlung noch wirkmächtiger geworden, hatte auch die Sinfonie, entgegen allem historisierenden Purismus, mit einem üppigen Streicherensemble ausgepolstert und zielte mit diesem gewaltigen Apparat weniger auf artistische Perfektion als rückhaltlose Emotionalität, die auch im verhaltenen Allegretto nicht schmerzlich erstarrte, sondern durch innere Bewegung über Klage und Rückerinnerung auf Zukünftiges hinauswies.

So waren diese Kernstücke einem Festkonzert bestens angemessen und schmiedeten eine Verbundenheit zwischen Dirigent, Ensemble und Publikum, die man sich auch in jedem, irgendwann wiederkehrenden Alltag weiterhin wünschen möchte. Dass das alles historisch wie zukünftig weder leicht war, noch werden wird, war ein Grundton der drei Grußworte, von denen vor allem das des Bundespräsidenten mit seiner nachdenklichen, auch Brüche nicht verschweigenden Sichtweise in Erinnerung bleiben könnte.

Es war dann eine seltsame Pointe, dass gerade Felix Mendelssohn-Bartholdy, dem er in seinen Reflexionen besonderes Gewicht gab, aus der ursprünglich angekündigten Programmfolge verschwunden – und durch den offen-antisemitischen Richard Wagner ersetzt worden – war: Eine Rochade, angesichts derer man schon einige politisch hyperkorrekte Stirnadern anschwellen sieht; doch genau so geht lebendiger, dialektisch begriffener Umgang mit einem widersprüchlichen und faszinierenden Erbe, wie es auch die 450 wechselvollen Jahre der Staatskapelle verkörpern.

Auch Pierre Boulez gehört dazu, dessen kurze, jedoch raumgreifend-doppelchörige Blechbläser-„Initiale“ den Abend eröffnet hatte und damit nicht nur diesen großen, dem Orchester eng verbundenen Geist als imaginären Festgast beschwor, sondern mit ihrer eng verflochtenen Polyphonie außerdem auch eine Zeitbrücke zurück in die Entstehungszeit der Kapelle schlug.

Ähnliches mag Jörg Widmann bewegt haben, wenn er seine für diesen Anlass geschriebenen „Zeitensprünge“ mit der Adaption eines Renaissance-Madrigalsatzes eröffnete. Weitere Anspielungen hüpften kreuz und quer durch die Jahrhunderte: das höllenhündische Gekläff der Weberschen Wolfsschlucht, dabei vorbeitreibende und wieder versinkende Melodiefloskeln und Rhythmusformeln. In der Summe ein virtuoses und von der Kapelle flott durchgespieltes Orchesterkonzert in Widmanns bewährter, nur mittlerweile vielleicht schon allzu gut abgehangener Collagetechnik – neben Wagner und Beethoven freilich nur ein luftiger Zwischengang.