BerlinHinter dem Stichwort Berliner Mischung verbarg sich früh das gelingende Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe und Produktion innerhalb des jeweiligen städtischen Viertels. In den Hinterhöfen wurde gelebt und gewerkelt, Geld verdient und ausgegeben – und natürlich wurde dort auch gestorben. Erst sehr viel später wurde in Anlehnung daran von der Kreuzberger Mischung gesprochen, worunter man nicht zuletzt eine als Karneval empfundene Zusammenkunft der Kulturen verstand. Viele kommen, alles ist möglich – Temps perdu.

Das Wort von der Kreuzberger Mischung fällt mir wieder ein, wenn ich nach dem Besuch am Grab meiner Mutter noch einen Spaziergang über den Friedhof Dreifaltigkeit II an der Bergmannstraße mache. Ich komme oft hierher, vielleicht um eine Gewohnheit nicht abreißen zu lassen. Zweieinhalb Jahre lang habe ich meine Mutter beinahe täglich im Pflegewohnheim in der Fidicinstraße besucht, kaum zehn Minuten zu Fuß vom Friedhof entfernt. Auf ihre alten Tage, sie starb drei Monate vor ihrem 100. Geburtstag, hatten wir sie noch zur Berlinerin gemacht. Ihre Demenz war zu weit fortgeschritten, um ihre Einwilligung dafür erbitten zu können. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt ein Sprichwort. Im Pflegeheim in der Fidicinstraße haben wir abends oft vor dem Ahornbaum gesessen, dessen Blätterpracht sie immer wieder aufs Neue faszinierte. Ob noch jemand das Laub aufsammele? Dass er in Kreuzberg stand, scherte sie nicht. Örtliche Gebundenheit war für sie zu etwas Fluidem geworden.

Eine Gedenktafel für den Maler Carl Blechen

Die fallenden Blätter des Herbstes machen den Friedhof Dreifaltigkeit II zu einem Farbenmeer aus Ocker, Braun und Gelb, das Vergängliche zeigt sich, wenn noch ein paar Sonnenstrahlen durchdringen, von seiner heiteren Seite. Es ist kein sonderlich abgeschiedener Friedhof, die Lebhaftigkeit der Straße schiebt sich förmlich das leicht ansteigende Gelände eines früheren Weinbergs hinauf. Ein Freund berichtete, dass er sich eines Sommers hier einmal zum Ausruhen auf die Wiese gelegt hatte und nach wenigen Minuten von einem Streifenpolizisten gebeten wurde, diese Form der Freizeitgestaltung bitte zu unterlassen. Die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten blieb also gewahrt.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Wurzelwerk und Gedenken

An der Westseite wird der Dreifaltigkeitskirchhof II von schlammfarbenen Häuserrückfronten begrenzt. Kein schöner Anblick, aber den erwarten die Toten wohl auch nicht. An der Wand ist eine Gedenktafel für Carl Blechen angebracht. Der Landschaftsmaler gilt als Wegbereiter des deutschen Impressionismus. Er starb 1840, wie es heißt, in geistiger Umnachtung. Wo genau sich sein Grab befindet, lässt sich heute nicht mehr ausfindig machen, deshalb die karge Gedenktafel.

Ein üppiges Grab ist indes für den 1905 gestorbenen Maler Adolph Menzel errichtet worden. Es wurde 2013 aufwendig restauriert, im Zentrum der aufragenden Steinarchitektur steht eine Marmorbüste des Bildhauers Reinhold Begas. Ich wundere mich über die statuarische Wucht des Grabes, galt der kleinwüchsige Menzel doch als ein Meister dessen, was der Kunsthistoriker Michael Fried „Verkörperung“ genannt hat. Eine Zeichnung Menzels zeigt ein zerwühltes Bettlager, dem man den warmen Körper, der es kurz zuvor verlassen hat, noch anzumerken glaubt. Die berühmten Toten – der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher, der als Erfinder der Hermeneutik gilt und an dieser Friedhofsgemeinde Pfarrer war, gehört neben dem Historiker Theodor Mommsen und dem Dichter Ludwig Tieck dazu – liegen hier neben den wenig Bekannten und Vergessenen. Das Ungeordnet-Archivarische großer urbaner Friedhöfe übt auf mich, anders als die Beklemmung eines sorgsam gepflegten Dorffriedhofes, eine seltsame Beruhigung aus.

Ein anonymes Begräbnis

Die Beisetzung meiner Mutter im März war nicht die erste Bestattung, der ich auf Dreifaltigkeit II beigewohnt habe. 2007 fand hier die Trauerfeier für unseren „taz“-Kollegen Harald Fricke statt. Mehrere Jahre hatte er sich gegen eine aggressive Krebserkrankung gewehrt. Das Begräbnis fand an einem trüben Sommertag statt. Meine Erinnerung sagt mir, dass die Urne nicht weit vom Grab meiner Mutter entfernt eingelassen wurde. Aber es war ein anonymes Begräbnis, nur wenige wissen, wo genau sich die Stelle befindet. Zur Beisetzung waren Freunde und Kollegen gekommen. Harald war Kunstredakteur der „taz“ und schrieb dort auch Texte über Pop, insbesondere den von ihm innig geliebten Soul. Der Popkritiker Jens Balzer hat einige davon zusammengetragen und posthum im Merve-Verlag veröffentlicht.

Zur Beerdigung kamen auch Musiker und Künstler. Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen gab ein Mixed tape mit ins Grab. Musik wurde nicht gespielt, Reden nicht gehalten. Die Zusammenkunft war demonstrativ anti-zeremoniell und schien sich entropisch in die Zeit zu ergießen. Es beschäftigt mich bis heute, dass ich diese wohl von Harald beabsichtige Formlosigkeit unbeabsichtigt gestört habe. Im Auftrag einiger Kolleginnen und Kollegen hatte ich ein Kranzgesteck mit Schleife besorgt, auf die ein letzter Gruß und unsere Namen aufgeprägt waren. Was man halt so macht. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht, ehe die Wahl auf diese Form des Blumenschmucks gefallen war. Vermutlich hatte es mit meiner katholischen Herkunft zu tun. Nun schien es vielen unpassend, noch Jahre später wurde ich darauf angesprochen, als hätte ich die Feier des Unfeierlichen gesprengt.

Haben die Gestorbenen das Recht, über das Gedenken der Hinterbliebenen zu verfügen? Kurt Scheel, der Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“, wurde 2018 ebenfalls anonym auf dem Friedhof am Olympiastadion beigesetzt. Eine Trauerfeier, so hieß es, habe er sich verbeten. Bis auf ein paar enge Freunde, so hieß es, solle niemand dabei sein. Tatsächlich aber kamen Weggefährten, Freunde und Kollegen. Zwei Reden, die er sich ebenfalls verbeten hatte, wurden gehalten. Bei allem Respekt vor dem letzten Willen der Verstorbenen neige ich inzwischen zu der Ansicht, dass die Varianten des Gedenkens die Sache der Hinterbliebenen sind und die Toten nichts angehen. Meine Mutter hätte wohl nie für möglich gehalten, in Berlin beerdigt zu werden. Wir aber wollen sie in unserer Nähe haben – was denn sonst?

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Im Hintergrund die Passionskirche am Marheinekeplatz

Der morbide Charme von Dreifaltigkeit II

Der Friedhof Dreifaltigkeit II imponiert durch seine teilweise verwitterten Hinterlassenschaften. Die alten und die jungen Toten, auch sie ergeben eine Kreuzberger Mischung. Unweit der Grabstätte meiner Mutter liegt Werner Orlowsky begraben. In der Nähe des Kottbusser Tores hatte er eine Drogerie betrieben, die vom Abriss bedroht war. In Berlin tobte damals der Häuserkampf. Orlowsky wehrte sich politisch, wurde zu einem engagierten Sprecher der Hausbesetzerbewegung und schließlich 1981 von der Alternativen Liste für das Amt des Baustadtrats nominiert. Mit seinem Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“, heißt es bei Wikipedia, habe er maßgeblich zum Erhalt der alten Bausubstanz in Kreuzberg beigetragen. Nun trägt sein Grab, er starb 2016, zur Entdeckerlust der Besucher auf Dreifaltigkeit II bei.

Die Beisetzung meiner Mutter fand unter den strengen Auflagen der frühen Phase der Corona-Pandemie im engsten Familienkreis statt. Zusammen mit dem Priester und den Sargträgern waren wir zwölf Personen, weiter entfernte Verwandte hatten die bereits gebuchten Reisen absagen müssen. Tagelang hatten wir mit dem Bestattungsunternehmen beraten, was zu tun sei, falls der festgesetzte Termin nicht gehalten werden könnte. Der Abschied von den Toten hält nicht nur Rituale, sondern auch gesellschaftliche Dramen bereit.

Hinter dem morbiden Charme, der durch die Überlagerung von Zeitschichten, stellenweise vorzufindende Verwahrlosung und die Monotonie oder auch Vielfalt der Blumen- und Gartenpflege entsteht, verbirgt sich die Regie einer emsigen Friedhofsverwaltung. Die Größe der Grabsteine ist genau geregelt. Mit unserem Plan, den Familiengrabstein aus Ostwestfalen nach Berlin zu holen, sehen wir schwierigen Verhandlungen entgegen. Einstweilen ist das Grab durch eine Ortsmarkierung gekennzeichnet. Wir finden es auch ohne.