Berlin - Hinter dem Stichwort Berliner Mischung verbarg sich früh das gelingende Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe und Produktion innerhalb des jeweiligen städtischen Viertels. In den Hinterhöfen wurde gelebt und gewerkelt, Geld verdient und ausgegeben – und natürlich wurde dort auch gestorben. Erst sehr viel später wurde in Anlehnung daran von der Kreuzberger Mischung gesprochen, worunter man nicht zuletzt eine als Karneval empfundene Zusammenkunft der Kulturen verstand. Viele kommen, alles ist möglich – Temps perdu.

Das Wort von der Kreuzberger Mischung fällt mir wieder ein, wenn ich nach dem Besuch am Grab meiner Mutter noch einen Spaziergang über den Friedhof Dreifaltigkeit II an der Bergmannstraße mache. Ich komme oft hierher, vielleicht um eine Gewohnheit nicht abreißen zu lassen. Zweieinhalb Jahre lang habe ich meine Mutter beinahe täglich im Pflegewohnheim in der Fidicinstraße besucht, kaum zehn Minuten zu Fuß vom Friedhof entfernt. Auf ihre alten Tage, sie starb drei Monate vor ihrem 100. Geburtstag, hatten wir sie noch zur Berlinerin gemacht. Ihre Demenz war zu weit fortgeschritten, um ihre Einwilligung dafür erbitten zu können. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt ein Sprichwort. Im Pflegeheim in der Fidicinstraße haben wir abends oft vor dem Ahornbaum gesessen, dessen Blätterpracht sie immer wieder aufs Neue faszinierte. Ob noch jemand das Laub aufsammele? Dass er in Kreuzberg stand, scherte sie nicht. Örtliche Gebundenheit war für sie zu etwas Fluidem geworden.

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