Kreuzworträtsel: Ein Plagiat erschüttert die US-Presse

Artikel, Dissertationen, Möbel, Autos – es scheint heute nichts zu geben, was nicht plagiiert würde. Nun reihen sich auch Kreuzworträtsel in die Reihe der inkriminierten Werke ein. Laut einer Untersuchung der Seite Five Thirty Eight, eine Art VroniPlag für Rätsel, soll Timothy Parker, der verantwortliche Redakteur für Kreuzworträtsel bei der Zeitung USA Today, über 60 Kreuzworträtsel zum Teil ganz oder eine Vielzahl von Elementen aus der New York Times kopiert haben. Die in Rede stehenden Rätsel sollen Themen, Antworten und die Arrangierung der Kästchen übernommen haben. Kreuzworträtsel sind, auch wenn sie bisweilen belächelt werden, eine Form von Content, und eine beliebte obendrein: Kreuzworträtsel werden nach Todesanzeigen am meisten gelesen. In den USA gibt es wie in Europa auch Zeitschriften für Kreuzworträtsel und spezialisierte freie Journalisten.

Immer auch Wiederholung

Den Schwindel deckten Ben Taisig, Redakteur bei der Wochenzeitschrift American Values Club crossword, und der Softwareingenieur Saul Pwanson auf, der eine Datenbank mit knapp 52.000 Kreuzworträtseln erstellt hat, die seit Mai 2003 in verschiedenen US-Zeitungen erschienen sind. Die Software errechnete für jede Reihe und Spalte einen Ähnlichkeitsscore. Dabei stellte Pwanson in 537 Fällen Ähnlichkeiten von mindestens 25 Prozent zwischen Kreuzworträtseln, die zuerst in Universal Crossword und dann in USA Today erschienen, fest. Umgekehrt waren es 162 Fälle.

Nun ist ein Kreuzworträtsel immer auch Wiederholung. Fragen und Synonyme werden abgewandelt, Zeilen und Spalten neu arrangiert, und nicht jedes Kreuzworträtsel hat den Anspruch von Originalität. Doch die Häufung von Ähnlichkeiten zwischen Universal Cross- word und USA Today war im Gegensatz zur Los Angeles Times und New York Times augenfällig. Taisig twitterte, dass eines seiner Rätsel, das 2004 in der New York Times publiziert wurde, dort unter Pseudonym erneut veröffentlicht und – leicht modifiziert – 2015 ein drittes Mal gedruckt wurde. Die Rätsel wurden mehrmals verwendet. Nach dem Motto: Der Leser wird es schon nicht merken. Pwanson geißelte den Vorfall als „Industrialisierung von Kreuzworträtseln“.

Die Ähnlichkeiten sind aber auch ein wenig der Struktur geschuldet. Amerikanische Kreuzworträtsel kennen eine 180-Grad-Rotationssymmetrie, das heißt, wenn man das Rätsel auf den Kopf stellt, sind die Muster der schwarzen Kästchen (sogenannte Blindfelder) gleich. Das erfordert für den Ersteller, dass er bestimmte formale Vorschriften beachtet. Der Autor Matt Gaffney zeigte im US-Magazin Slate auf, wie auf diese Weise strukturell identische, aber inhaltlich verschiedene Kreuzworträtsel entstehen können. „Kreuzworträtsel-Konstrukteure duplizieren unablässig die Themen und Gitter“, befand Gaffney in seinem Artikel 2009. Aufgrund der systemischen Bedingungen sei es aber oft nicht erkennbar, ob es sich um ein Plagiat oder bloßen Zufall handele. Jedes Kreuzworträtsel sei aber im Grunde wie das Kristall einer Schneeflocke, also einzigartig, so Gaffney.

Wie im Steinbruch

Parkers Replizierung blieb Jahre lang unbemerkt. Die Autoren von Kreuzworträtseln sind in den USA eine überschaubare Community, man kennt sich und – glaubt man Gaffneys Ausführungen – weiß um das Plagiatspotenzial der Werke. Parker publizierte unter mehreren Pseudonymen in verschiedenen Zeitungen. Erst die Software-Analyse konnte ihn entlarven. Die Frage ist natürlich, wo da noch eine geistige Leistung bestehen soll, wenn man ein- und dasselbe Kreuzworträtsel mehrmals publiziert. Das wäre ungefähr so, als wenn ein Journalist einen Artikel aus dem Archiv erneut veröffentlicht. Redakteur Taisig sprach denn auch von einer „schweren Verletzung“ – ohne näher zu erläutern, was genau denn verletzt wurde. In den USA ist juristisch unklar, ob Kreuzworträtsel unter den Schutz des Urheberrechts fallen. Klar ist nur, dass Universal Uclick die Rechte an den inkriminierten Kreuzworträtseln hält, weshalb eine erneute Publikation in der USA Today keine rechtlichen Konsequenzen hat. Ein Plagiat ist auch deutlich schwerer nachzuweisen als bei einem Text, weil es schlicht nicht die Vielfalt gibt.

Mittlerweile gibt es auch Algorithmen, die Rätselgitter erstellen und sogar komplette Kreuzworträtsel automatisch generieren. Allein, was passiert, wenn sich die Software an bereits publizierten Kreuzworträtseln wie an einem Steinbruch bedient und dabei auffallend ähnliche Rätselgitter ausspuckt? Ist das dann ein Plagiat? Und wenn ja – wer wird dafür zur Rechenschaft gezogen? Der Einsatz künstlicher Intelligenz führt zu ganz neuen Fragen des Urheberrechts. Es gibt Stimmen in den USA, die dafür plädieren, dass man auch Algorithmen geistiges Eigentum zusprechen sollte. Wie auch immer: Plagiate werden zunehmen.