BerlinKeine fünf Jahre liegen zwischen diesen beiden Momenten im Leben des angestellten Versicherungssachbearbeiters Tobias Vogel: An irgendeinem Tag im Jahr 2016 erstand er in einer Buchhandlung eine Anleitung zum Zeichnen von Strichmännchen, und am Dienstag, in der Frühstückspausenzeit um 10.30 Uhr, gab er über die sozialen Medien bekannt: „Hallo, mein Name ist Tobias. Ich bin 38 und habe einen 20 Monate alten Sohn und gerade habe ich meinem Arbeitgeber mitgeteilt, dass ich nach der Elternzeit nicht dorthin zurückkehren werde, weil ich zukünftig von der Kunst leben will. Smiley“

Besser bekannt ist Tobias Vogel unter @kriegundfreitag, seinem Accountnamen, der entstanden ist, als ihm ein Autokorrekturprogramm beim Eintippen des Tolstoi-Romantitels hineinpfuschte. Vogel fertigt mit viel Liebe (Tinte oder Graphit auf Papier) und mindestens doppelschichtigem Humor noch immer Zeichnungen von Strichfiguren an, die sich in ihren herausfordernden Alltagssituationen, bescheidenen Lebenszusammenhängen – und in ihrer strichmännchengemäß allgemein gehaltenen Gestalt – hervorragend für die Identifikation eignen.

Man kann sie sich inzwischen auch auf Morgenkaffeetassen drucken lassen oder auf ein T-Shirt. Außerdem gibt es sie bereits in Buchform („Ich gebe auf“, „Schweres Geknitter“). Einen Grimme-Preis hat Vogel auch schon gewonnen, unter anderem für diese Aktion: Für jeweils fünf zur Hilfe von Flüchtlingen gespendete Euro zeichnete er eine Figur, es kamen über 17.000 Euro herein und die Strichmännchenkette war über 30 Meter lang.

Wir hatten schon in unserer damaligen Gratulation auf die Parallele zu Kafka hingewiesen, der sich seinen Lebensunterhalt ebenfalls als Versicherungsangestellter verdient hat – eine stete Quelle der Seelenqual, ohne die seine Kunst wohl kaum denkbar ist. Werden die Vogel’schen Strichmännchen, denen man immer auch die Angestelltenseele ansehen konnte, nun an Authentizität verlieren? Der Schriftsteller Saša Stanišić warnt Vogel denn auch in einem ironischen Twitter-Kommentar: „Deutscher Kulturrat empfiehlt, Karriere im Kulturbereich zu überdenken.“ Wir haben es als Strichmännchen-Cartoon vor Augen.