In einer Vitrinenschublade liegt eine französische Zeitung. L’Echo de Paris. Ausgabe 29. März 1915. Tag 238 des Kriegs. Die Meldungen: Russische Verbünde haben Erfolge in den Karpaten. Großbritannien protestiert in Bukarest gegen Waffenlieferungen an die mit Deutschland verbündete Türkei. Deutsche Intellektuelle debattieren über Sinn und Ziel des Kriegs. Man konnte sich also durchaus streiten über den Krieg. Der patriotische Überschwang, den Propaganda und Medien aller Kriegsstaaten im August 1914 inszenierten, hatte sich weitgehend verflüchtigt.

Das Blatt ist derzeit im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen, in einer Ausstellung mit dem Titel „1914… schrecklich kriegerische Zeiten“. Am 4. April 1915, fast tagesaktuell, wurde es aus einem französischen Schützengraben im flämischen Kortekeer in einen deutschen Schützengraben geworfen. Es gelangte in die Hände von Walter Staats, der es bis zu seinem Tod aufhob. Als Zeichen einer Zivilität, die auch im Krieg möglich war. In seinem Tagebuch notierte er von dem kleinen Frieden, den Franzosen und Deutsche in jenen Märztagen gehalten haben, so lange die Offiziere nicht vorbei kamen. Man machte Späße, warf sich Grüße, Zeitungen und eine Pfeife zu. Der Empfänger „freute sich scheinbar mächtig. Er legte sich oben auf die Deckung, grinste und lachte und schwang die Pfeife, die schon brannte. Er hatte einen blauen Rock mit goldenen Knöpfen daran.“

Walter Staats war mein Großvater. Im September 1914 hatte er sich in Braunschweig freiwillig gemeldet, kaum 17 Jahre alt und eigentlich auf dem Weg zum Abitur. In Großbritannien wurden Männer, die nicht in den Krieg zogen, von Frauen mit weißen Federn denunziert. In Braunschweig war es, wie sehr oft, ein Lehrer, der der Familienerzählung nach den Jungen mit dem bösen Spruch „Ach, der Staats ist ja auch noch da“ in den Krieg trieb. Wenn alle Freunde gehen, dann geht man auch. Erst an die Westfront, wo gerade die Marneschlacht verloren ging und Walter entsetzt war über die sinnlosen Kriegszerstörungen, die Ausplünderung der Zivilbevölkerung. Dann für neun Monate an der Ostfront, wo er zeitüblich den Schmutz bei Juden, Polen und Russen beklagte, immerhin erklärte mit der immensen Armut, sich befreundete und über die Arroganz der Ungarn lästerte – die könnten aber sehr gut musizieren und tanzen. Dann wieder Frankreich. Leichenfelder, Gasschlachten. Es blieb ihm wenig erspart, vielleicht auch deshalb der immer stärker werdende christliche Glaube.

Ein ewiger Monarchist

Getroffen von einer deutschen Granate, sollte der junge Offizier am 8. November 1918 wieder ins Feld rücken. Die Revolution, der Sturz des ziemlich unfähigen braunschweigischen Herzogs Ernst August kamen dazwischen. Aber dass das Doppelporträt des Herzogspaars jetzt gegenüber der Vitrinenschublade meines Großvaters hängt, hätte ihn gefreut, den ewigen Monarchisten, der so enttäuscht war von den deutschen Monarchen, aber Herzogin Viktoria Luise, der einzigen Tochter des Kaisers, immer gute Freundschaft hielt.

Für die meisten der elf Enkel war er schlicht Opa. Der, wenn man genug bettelte, den blitzenden Offizierssäbel aus dem Schlafzimmerschrank holte. Dem man in den Bauch richtig reinfassen konnte, weil da einige Rippen fehlten. Der mir zur Konfirmation die Feldflasche mit Kokosnusseinfassung schenkte, die in zwei Kriegen gedient hat. Der Bücher en masse hatte und immer am Schreibtisch schrieb. Briefe, Notizen, Tagebuch. Vier Bände mit mehr als 2 000 Seiten sind alleine aus dem Jahren 1914 bis 1918 erhalten. Auch sie stehen in der Vitrinenschublade. In angegilbtes helles Leinen gebunden. Daneben zwei kleine Schächtelchen. Die eine mit dem Braunschweigischen Verdienstkreuz 1. Klasse – das sah er als Ehre an, „da weiß doch jeder woher es kommt“. Daneben das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Hatte er schon an der Ostfront erhofft, aber nicht so sehr für sich als vielmehr für seine Kameraden, seine „Leute“.

Offenbar war er ein guter Offizier, einer, der sich kümmerte. Keiner von denen, die sich, wie er empört notierte, die Rucksäcke tragen ließen. Ein Blumenstrauß gehört in jeden Schützengraben, meinte der begeisterte Wandervogel. Und immer schickte er Sold nach Hause. Auch mehr? In Belgien 1915 empörte er sich noch über die miserable Behandlung der Zivilbevölkerung, Zerstörungen, Plünderungen. Später ließ er selbst „requirieren“.

In Braunschweig ist er manchen noch bekannt als „Sozial-Staats“, Pastor einer der größten Gemeinden der Stadt, Kirchenrat, Spenden sammelnder Freund Albert Schweizers. Seine lebenslustige Frau Käthe konnte sich herrlich lustig machen über das patriarchalische Gehabe und die ausschweifend-langen Predigten. Nationalkonservativ bis in die Knochen, aber auch Vorreiter einer modernen Prostituierten- und Behindertenseelsorge. Eine Mischung, wie man sie oft findet im deutschen Bildungsbürgertum. In den 1980ern begann er zu fragen, ob es richtig war, auch in den Zweiten Weltkrieg zu gehen, als Pastor zu seiner Gemeinde, wie er jahrzehntelang argumentierte. Aber habe ich damit nicht auch Hitler legitimiert?

Ernst Jüngers Uniform ist auch zu sehen, reichlich sinnfrei in der ansonsten vorzüglich inszenierten Ausstellung, die bis zur Gedenkkultur der Bundesrepublik reicht. Helmut Kohl und François Mitterrand über den Gräbern von Verdun, das hätte meinen Großvater gefreut. Jüngers Schriften wahrscheinlich weniger. Seine eigenen Tagebücher jedenfalls sind frei von Heroismus.

Man lernt hier von der Vielfalt der Erinnerungen, und auch davon, wie schwer es für die Nachkommen ist, die als eigen betrachtete Geschichte los zu lassen. Auch hier sind nur einige Tagebücher zu sehen. Und ein Foto fehlt. Vielleicht, weil es doch zu persönlich ist. Eine Familienlegende. Die Urgroßeltern nämlich waren alles andere als begeistert vom Patriotismus ihres einzigen Sohnes. Als er sich zur Armee meldete, bestanden sie für das übliche Erinnerungsfoto auf dem Zivilanzug. Ein schmaler, sehr gut aussehender Mann sitzt da auf dem Gartenstuhl, mit Buch in der Hand, englischem Anzug und einem feinen Lächeln: Wenn ihr denn meint.

Er hat überlebt. Und ging mit uns beim Kirchbesuch oft zu den Gedenktafeln, die an die gefallenen Kameraden erinnern. Wenn der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker, heute sagt, dass, wer an der europäischen Idee zweifelt, nur einen Soldatenfriedhof besuchen muss – mein Opa hätte ihm zugestimmt.