Die Arbeit an der ZDF-Serie „Der Kommissar“ begann im Mai 1968. Ein symbolträchtiges Datum. Aber auch eins, das zeigt, wie ungleichzeitig das Gleichzeitige sein kann. Ausgestrahlt wurden die 97 Folgen vom 3. Januar 1969 bis zum 30. Januar 1976. Vergangenes Jahr habe ich mir wohl mehr als zwei Dutzend Folgen angesehen.

Manchmal an einem Tag drei Filme. Über ein paar Wochen war es wie eine Droge. Szenen aus unterschiedlichen Filmen verschwammen wie unter Trance zu einem neuen Film. Ich sah das Einzelne immer ungenauer. Dafür schärfte sich die Wahrnehmung des Ganzen. Indem ich mir nicht einen Film, sondern die Serie ansah, wurde mir in einer Nacht im vergangenen August klar, worum es in Wahrheit ging.

Es war nicht mehr zu übersehen, dass in jedem Film der Kommissar und seine Männer (Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper und ihn ablösend Elmar Wepper) immer wieder die Stirn in Falten legten, einander ansahen und fragten: Wie ist es möglich? Warum werden Menschen zu Mördern? Warum unternimmt niemand etwas dagegen? Aber nicht nur die Kriminalisten fragen sich das. In nahezu jeder Folge fragen sich das auch Verwandte, Zuschauer und Nachbarn. Wer die Filme so an sich vorbeiziehen lässt, der kann das Grundrauschen dieser Fragen nicht mehr überhören.

Es ist auch klar, dass es nicht um Erörterungen über diesen einen Toten dieser einen Folge geht. Es geht um etwas viel Größeres. Es geht, man merkt das, ist man erst einmal hellhörig für diesen Ton geworden, sehr schnell, nur vordergründig um die große, immer wieder erörterte Frage: Wie kommt das Böse in die Welt? Es geht um etwas sehr Existenzielles. Es geht um etwas, das Täter, Opfer, Zuschauer und Kriminalisten und das große Millionenpublikum vor den Fernsehern alle erlebt haben.

Ich habe viele Folgen des „Kommissars“ bei der Erstausstrahlung gesehen. Mein Sohn wurde 1970 geboren und von da an gehörten die Abende der Familie. Wenn wir in Deutschland waren, sahen wir „Der Kommissar“. Aber damals sah ich die Serie als mehr oder weniger gut gemachte Krimis. Ich mochte Ode, und ich mochte Ode nicht. Er war die Inkarnation des Scheißliberalen.

Ein Mann, der von der Höhe seiner Güte auf die Menschheit, so kam es mir vor, hinabsah. Er war definitiv nicht engagiert. Er kämpfte keinen Atemzug lang gegen das System. Aber er hatte Verständnis für die, die es taten. Nicht, weil er ihre Argumente verstand, sondern weil er für alles Verständnis hatte. „Repressive Toleranz“ hieß das bei uns. Und vielen erschien es schlimmer als ein aufrechter Reaktionär.

Mord zur Bespaßung

Die Folge 50 des „Kommissars“, „Der „Tennisplatz“, wurde am Freitag, dem 30. Juni 1972 das erste Mal ausgestrahlt. Zu den Absurditäten des Copyrightmanagements des ZDF gehört es, dass man die ganze Folge auf Youtube ansehen darf, der Abdruck von Screenshots aber verboten ist. In einer Reihenhaussiedlung vor München wird in einem Wagen ein erschossener Obdachloser gefunden.

Als Tatort wird ein Tennisplatz ausgemacht. Der Film endet mit der Mordszene. Der Obdachlose war schon eine ganze Weile vom reichen Sohn eines der Anrainer des Tennisplatzes als Maskottchen gehalten worden. Er bekam zu essen und zu trinken. Wenn er betrunken war, musste er tanzen oder, wie an jenem verhängnisvollen Abend, Tennis spielen. Der ungelenke alte Mann brachte seinen „Gönner“ zum Lachen und mit ihm die sich regelmäßig einfindenden Zuschauer, die das Publikum für die Späße des jungen Mannes bildeten. Sie amüsierten sich über die Erniedrigung des von Bruno Hübner gespielten Obdachlosen.

Der junge Mann aus gutem Hause wirft unter dem ihn antreibenden Gejohle der Zuschauer immer heftiger Tennisball nach Tennisball auf den stolpernden, zusammenbrechenden alten Mann, dem er lachend wieder aufhilft. Nur, um ihn noch heftiger zu bewerfen. Auch die Zuschauer werfen Tennisbälle auf den alten Mann. Hysterisches Gelächter. Der junge Mann geht zu seiner Tasche und entnimmt ihr eine Pistole. Eine P38, eine Wehrmachtspistole aus dem Zweiten Weltkrieg. Er drückt ab. Die Kugeln landen neben dem hin und her springenden alten Mann. Das Publikum rast vor Begeisterung – Evelyn Opela und Gaby Dohm sind darunter.

Dann will die Menge mehr. Einige rufen: „In die Beine! In den Bauch!“ Der junge Mann zielt jetzt nicht mehr neben, sondern auf den alten Mann. Er drückt ab und noch einmal und noch einmal. Bruno Hübner stürzt und stirbt. Die Zuschauer blicken, aus ihrer Raserei aufwachend, entsetzt auf den Toten und ergreifen die Flucht. Am Ende steht der Täter neben der Leiche seines Opfers fast allein auf dem Tennisplatz. Nur sein Freund ist nicht weggerannt.

Ende der Rückblende, die ausdrücklich als Erzählung des Täters eingespielt wird. Die letzten Einstellungen zeigen den Kommissar, der die Beleuchtung des Tennisplatzes, der ein paar Abende zuvor ein Erschießungsplatz gewesen war, abschaltet und mit dem obdachlosen Freund des Ermordeten – Rudolf Platte – fast Arm in Arm den Tatort verlässt. Kurz davor sahen wir Vater und Sohn nebeneinander. Der Sohn mit buntem Hemd – der Film ist natürlich schwarz-weiß –, der entsetzte Vater in Gewand und Haltung überkorrekt.

Das Motiv der Langeweile

Regisseur des Films war 1921 in Landshut geborene Theodor Grädler. Er hat bei 27 Folgen von „Der Kommissar“, bei 50 von „Derrick“ und 30 von „Der Alte“ Regie geführt. In „Der Tennisplatz“ hat er viel abgeschaut bei „M“, ja, auch beim expressionistischen Film. Ich war damals gerade davon sehr ergriffen. Das Drehbuch fand ich unsäglich. Dass der junge Mann der Mörder war, fand ich weit hergeholt. Ich mochte dieses Psychoprofil des aus Langeweile nach immer größeren Kitzeln suchenden Sohns aus reichem Hause nicht.

Das Drehbuch schrieb Herbert Reinecker (1914–2007). Er schrieb alle Folgen des Kommissars, alle 281 Derrick-Folgen, dazu zwischen 1942 und 1997 wohl noch 150 weitere Drehbücher, dazu noch an die 30 Bände mit Romanen, Kurzgeschichten und Kinderbücher, außerdem mehr als 20 Hörspiele. Dazu kommen noch vier Theaterstücke, von denen drei während der Nazi-Zeit entstanden. Zum Fernsehen kam Reinecker, weil er nach dem Krieg keine Journalistenstelle bekam.

Schon im April 1932 war er Mitglied der Hitlerjugend geworden. Ab April 1935 arbeitete Reinecker hauptamtlich im Presse- und Propagandaamt der Reichsjugendführung. Er wurde im Januar 1936 Hauptschriftleiter der HJ-Reichszeitschrift Der Pimpf, die sich an Mitglieder des Jungvolks richtete. Im Zweiten Weltkrieg war Reinecker als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Waffen-SS in Rumänien, Russland, Flandern und Pommern im Einsatz.

1942 wurde Reinecker auch Hauptschriftleiter der HJ-Zeitschrift Junge Welt. Er war in der Reichsjugendführung dem Presse- und Propagandaamt zugeordnet und trat zum 1. November 1943 in die NSDAP ein. Im Dezember 1942 wurde sein Schauspiel „Das Dorf bei Odessa“ uraufgeführt, welches das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion schildern sollte und zu einem der meistgespielten Stücke der NS-Zeit wurde. Sein Drehbuch zu dem Jugendpropagandafilm „Junge Adler“ wurde 1944 von seinem Freund Alfred Weidenmann verfilmt. Reinecker schrieb am 5. April 1945 den letzten Leitartikel für die SS-Zeitung Das Schwarze Korps, Wikipedia zufolge.

Seit ich das weiß, höre ich die Grundfrage der Reinecker-Filme „Wie ist das möglich?“ noch lauter. Ich verstehe nicht mehr, wie ich sie überhören konnte, wie ich die Verschiebung vom Massenmord auf den Mord nicht sehen konnte. Ich hatte wohl zu genaue Vorstellungen davon, was die richtige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war, um zu erkennen, wie andere sich darüber und damit über ihr eigenes Verhalten klar zu werden versuchten.

Für sie ging es nicht um die Fragen des Verhältnisses von Kapitalismus und NS oder die nach der politischen Ökonomie der Judenvernichtung. Für sie ging es darum, die eigene Haltung, die eigenen Taten zu verstehen, sie sich plausibel zu machen. Es ging auch darum, sie zu entschuldigen.

Element einer Masse

In „Der Tennisplatz“ treiben die Zuschauer den Täter zur Tat. Von allein wäre er wohl nicht auf die Idee gekommen, dem Obdachlosen in den Bauch zu schießen. Er hätte erschreckt, aber nicht getötet. Aber am Ende war er es, der die Pistole nachgeladen, auf den Mann gezielt und abgedrückt hatte. Er tat es, so die Geschichte dieses Films, im Rausch, als Element einer Masse, die die Erniedrigung eines Fremden orgiastisch genoss.

Der Täter handelt nicht einsam, seine Tat findet nicht im Verborgenen statt. Alle sind dabei, alle machen mit, am Ende aber bleibt einer verantwortlich. Die anderen können sich verdrücken. Sie werden vor keinen Richter gestellt werden. Sie leugnen, damit beginnt der Krimi, nicht nur, dass es zu einer Tat kam. Der Mann, der „in den Bauch“ brüllte, erklärt dem Kommissar, er habe nichts von einem Tennisspiel gehört an jenem Abend.

Für jeden Zuschauer, der 1972 fünfzig Jahre alt war, waren die Anspielungen, die Assoziationen völlig klar. Er wurde entlastet, weil die Verbrechen weiter stattfanden auch von einer anderen Generation. Zugleich aber befeuerte Reineckers ruheloses Fragen nach dem „Warum?“ die Neuronen des Publikums. Der Patient wurde in die Röhre der Krimierzählung geschoben, um desto besser – in immer neuen Geschichten – durchleuchtet zu werden.

Immer als Einzelner, aber immer auch als Einzelner einer Gruppe. Nie aber kam die Nation in die Röhre. Das hätte zu einem Aufschrei geführt. Und sogar ich und meine Freunde hätten gemerkt, dass die Vergangenheit im deutschen Pantoffelkino nicht verschwiegen, sondern unentwegt wieder durchgespielt wurde. Der Spiegel, in dem die Bundesrepublikaner ihre mörderische Vergangenheit sahen, waren die Geschichten des Mitglieds der Waffen-SS Herbert Reinecker. Freitag für Freitag.