In den Straßen von Philadelphia arbeitet die Liz Moores Polizistin.
Foto:  Imago Images

BerlinLiz Moore malt in ihrem exzellenten neuen Roman ein großes, komplexes Frauenporträt. Bei Michelle Winters geht alles schief und wird doch vieles gut.

Polizistin mit Sorgen im Leib

Dass Mickey Fitzpatrick, Streifenpolizistin in Philadelphia, irgendwann das Gefühl hat, „auf der falschen Seite von etwas Wichtigem“ zu sein, hat auch damit zu tun, dass das Wichtige andauernd wechselt und ihre Loyalität ständig strapaziert wird: Von ihren Kollegen, von der Familie, von ihrem Ex. Als im Problemviertel, wo sie Streife fährt, Prostituierte ermordet werden, geht sie auf die Suche nach ihrer drogenabhängigen Schwester. Sie macht dabei viele Fehler, weil sie die Sorge um ihren vierjährigen Sohn nicht aus dem Kopf und dem Körper bekommt. Sie findet mehr, als ihr lieb ist.

Liz Moore malt in ihrem exzellenten Roman „Long Bright River“, der mehr Sozialdrama als Polizeiroman ist, ein großes, komplexes Frauenporträt, dem sie enorme Tiefe gibt, indem sie den Hintergrund, die Beziehungen, das Umfeld immer mächtiger und schwergewichtiger werden lässt. Dass schließlich keine und keiner das ist, was sie zu sein scheinen, macht die Spannung der Geschichte aus. Dazu kommt der wagemutige Realismus von Liz Moores Erzählweise: Alles wird im Präsens und aus der Sicht von Mickey erzählt; jede Überraschung, jede Emotion ist sofort auch unsere. Am Ende übertreibt sie’s fast mit dem Familienpathos, aber das scheint zurzeit der einzige Rettungsanker gegen Opioide, Banken und Trump zu sein.





Liz Moore:

Long Bright River.
Roman.
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
C.H. Beck, München 2020.
414 S., 24 Euro

Gesellschaft mit Liebe

Die prickelnde Doppeldeutigkeit von Michelle Winters Romantitel „Ich bin ein Laster“ birgt die Chance einer Enttäuschung. Zugegeben, tatsächlich ist mit Laster ein Truck, ein Kleinlaster, gemeint – aber diese fabelhafte Geschichte der allergrößten Liebe, der abgrundtiefen Enttäuschung gepaart mit der innigen Zuneigung zu chromblitzenden Trucks draußen in der kanadischen Provinz entschädigt für alles.

Agathe liebt den Riesen Rejean, und als er verschwindet, gerät sie aus der Bahn. Martin verkauft Trucks, und als ihm Rejean abhanden kommt, treibt es ihn aus der Kurve. Debbie schwenkt ihren Busen, und erreicht alles, weil sie klug ist, und die Männer es nicht sind. Der Colonel und seine waffenstarrende Truppe bauen draußen Wein an und machen Käse. Alles geht schief, und doch wird alles gut, denn Zufall und Notwendigkeit, die Trucks von Ford, Chevrolet und Renault, Liebe und Rockmusik regieren die Welt. Natürlich kommt hier nichts, wie es kommen soll und alles, wie es muss: Debbie lernt programmieren, Agathe Auto fahren. Die Männer? Na ja. „Ich bin ein Laster“ wirkt wie ein gemeinsam geplantes Filmprojekt von David Lynch und den Coen Brothers, das von einem Frauenteam gekapert und prachtvoll veredelt wurde. Toll.




Michelle Winters:

Ich bin ein Laster.
Roman.
Aus dem kanadischen Englisch
von Barbara Schaden.
Wagenbach, Berlin 2020.
144 S., 18 Euro