Eine Seite aus „Die drei Leben der Hannah Arendt“.
Foto: dtv

BerlinEs ist sehr gut, dass Sie hier die Seiten 14 und 15 von Ken Krimsteins Graphic Novel „Die drei Leben der Hannah Arendt“ sehen. Ich kann mit den Zeichnungen nämlich nicht viel anfangen. Wenn sie Ihnen aber gefallen, dann wissen Sie sofort, was Sie von meinem Urteilsvermögen zu halten haben.  

Andrea Heinze zum Beispiel sieht das Buch in ihrer Rezension im RBB Kultur ganz anders: „Es gibt ein Bild im Comic, auf dem sagt Hannah Arendt: ,Ab jetzt lebe ich drei Leben gleichzeitig: Lieben, Denken, Handeln.‘ Der Comiczeichner Ken Krimstein hat Arendt dazu wie so eine sechsarmige indische Göttin gezeichnet, die übrigens genauso für Tod und Zerstörung steht, wie auch für Erneuerung. Mit diesem Bild bringt Krimstein das Leben und Denken von Hannah Arendt auf den Punkt.

Er zeichnet es, nachdem Hannah Arendt vor den Nationalsozialisten fliehen musste, also Tod und Zerstörung hinter ihr liegen – und vor ihr eine Karriere als eine der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. An den Zeichnungen lobt sie das Skizzenhafte, „als sei das nur eine vorläufige Art, die Geschichte von Hannah Arendt zu zeichnen, als gäbe es noch andere Arten“. Erschrockene Ahnungslosigkeit Manche betrachten Graphic Novels als eine Möglichkeit, mühsames Lesen durch schnelles Draufblicken oder gar Durchblättern zu ersetzen.

Es gibt auch schlechte Bilder

Ich habe diese Begabung nicht. Ich muss Bilder und Texte lesen. Die Informationen, die mir eine Graphic Novel vermittelt, könnte ich, wäre da nur der Text, in einem Bruchteil der Zeit erfassen. Natürlich geht es nicht nur um Information, sondern auch um Emotion. Da packt einen ein Bild oft mehr als ein Text. Aber es gibt nicht nur schlechte Texte. Es gibt auch schlechte Bilder. Ich mag zum Beispiel dieses erschrockene, ahnungslose Mädchen nicht, das Krimstein gezeichnet hat.

Eine Seite aus „Die drei Leben der Hannah Arendt“.
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Hannah Arendt war ihren Berichten zufolge ahnungslos erschrocken damals in Königsberg, als die Nachbarjungen sie „Jude“ nannten. Aber war sie es, wie Lillian Gish oder später Shirley Temple erschrockene Ahnungslosigkeit spielten?   Die Ausdruckskünste spielen noch mehr mit Klischees als die Literatur. Sie stehen vor dem Problem, Eindeutigkeit herstellen zu müssen. Sie tun sich schwer mit einerseits/andererseits. Einem Bild kann nur schwer ein Gegenbild folgen.

„Aber“ gibt es in keiner Ikonographie. Hinabgezogene Mundwinkel stehen für traurig, hinaufgezogene signalisieren ein Lächeln. Die bildende Kunst ist ein Schilderwald, ein Klischeedschungel. Die Graphic Novel bietet einem Zeichner die Möglichkeit, diesen Biotopen zu entkommen. Das Bild muss ja nicht nur illustrierend verstärken, was im Text steht. Es kann der Widerpart des Textes sein, ein Gegengewicht, es kann eine eigene Geschichte erzählen. Stellen wir uns nur mal vor: Die kleine Hannah Arendt hätte verlegen gelächelt, als man sie als Jüdin beschimpfte.

Hannah's Fluchten: Berlin, Paris, New York

Das ergäbe nicht nur ein ganz anderes Bild, sondern womöglich auch noch eine ganz andere Geschichte. Der englische Titel des Buches lautet übrigens: „The Three Escapes of Hannah Arendt: A Tyranny of Truth“. Es geht also um Hannah Arendts Fluchten, um die Stationen Berlin, Paris, New York  und um ihre Liebe zur Wahrheit, zu jener Wahrheit, die sie gerade erkannt hat. Unter Schmerzen. Wie Heideggers Hinwendung zum Nationalsozialismus, die so verblüffend nicht war oder die Entdeckung, dass es ein Böses gibt, das nicht dämonisch ist, dem kein philosophischer Mehrwert abzuringen ist.

Mephisto ist eine Figur, die sich Intellektuelle ausgedacht haben. Als sie in Jerusalem Eichmann erlebte, begriff sie, dass die Bösen keine Sonderwesen sind, sondern einem auf jeder Straße begegnen können. Auch die größten Untaten werden von ganz gewöhnlichen Menschen begangen. Gutes und Böses sind, sowie sie im großen Maßstab geschehen sollen, auf Normalos angewiesen. Das alles steht in diesem Comic. Aber wie sehen die Bilder davon aus? Sie sind von ergreifender Hilflosigkeit.

Hannah Arendt telefoniert ihre Einsichten in riesigen Sprechblasen aus Jerusalem nach New York. Auf einer Zeichnung steht sie dazu auf einer Landstraße mit dem Ortsschild „Normal, Il“. Wer bei Wikipedia nachschlägt, erfährt, dass der Ort, der ursprünglich North Bloomington hieß, 1867 in „Normal“ umbenannt wurde. Nach der dort ansässigen Normal School. Das ist eine Lehrerausbildungsstätte. Ken Krimstein hat mich jetzt doch noch auf einen interessanten Umweg geführt.

Graphic Novel verbindet Text und Bild

Der Cartoonist des New Yorker wohnt übrigens in Evanston, Illinois, doch zweihundert Kilometer entfernt von Normal. In seinem Nachwort zu seiner Graphic Novel schreibt Ken Krimstein völlig richtig: „Ich bin der Meinung, dass die Philosophie – das Denken – etwas sein sollte, womit sich jedermann auseinandersetzen kann. Die Graphic Novel mit ihrer einzigartigen Eigenschaft, Worte und Bilder gemeinsam wirken zu lassen, ist ein Medium, das sich besonders gut eignet, komplexe Themen zugänglich zu machen.

Es müsste doch gelingen, all diese Stränge zusammenzuführen und zu erkunden, wie ,das Denken’ von ,dem Leben’ geprägt und angeregt wurde.“ Mit dem letzten Satz springt Ken Krimstein zielsicher ins Klischee: Das Leben prägt das Denken. Zu den zentralen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, auch denen von Hannah Arendt, gehört, wie mächtig das Denken auf das Leben einwirkt. Kommunismus und Nationalsozialismus existierten, lange bevor sie auf die Welt kamen, in den Köpfen der Menschen.

Die Graphic Novel verbindet Text und Bild und ist darum ein großartiges Medium zur Erschließung komplexer Zusammenhänge. Aber sie ist es nicht automatisch. Die verschiedenen Sprachen von Text und Bild müssen aufeinander geschossen werden, um die jeweiligen Klischees zu zerstören. Die Bilder dürfen nicht als Textverstärker eingesetzt werden. Als wären sie nichts als Marker. Ach, sie dürfen schon, aber eben nicht nur. 243 Seiten hat das Buch.

Arendt ohne Jefferson nicht die gleiche

Auf Seite 156 tritt das erste Mal die selbstständige Denkerin Hannah Arendt auf. Die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, so der Titel der deutschen Ausgabe, nehmen vier Seiten ein. Das Buch ist eines der wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Arendts Beziehung zu Heidegger fordert wohl fünfmal so viel Platz. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn ihre Freiheitsphilosophie, die auch eine der Befreiung ist, dabei eine Rolle spielte.

Unverständlich bleibt auch die Riesenrolle, die für Arendts Denken die Entdeckung der amerikanischen politischen Tradition spielte. Ohne Jefferson ist die amerikanische Hannah Arendt so wenig zu denken wie die europäische ohne Augustin.  Jeder, der sich hinsetzt und über irgend etwas schreibt, weiß, dass er weit mehr als die Hälfte weglassen und womöglich das Allerwichtigste nicht einmal erwähnen wird.

Aber der Leser wird doch noch sagen dürfen, dass er lieber mehr von den Gedanken der Hannah Arendt und ihren Taten erfahren hätte und ganz versessen darauf ist, das in neuen, überraschenden Bilder gezeigt zu bekommen.

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt, dtv, München 2019, aus dem amerikanischen Englisch von Hanns Zischler, 243 Seiten, 16,90 Euro