In der Galerie Aurel Scheibler am Schöneberger Ufer bekommen Freunde und Sammler der deutschen und internationalen Nachkriegsavantgarde viel geboten, hier in einer Ausstellung des Kölner Malers Ernst Wilhelm Nay.
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BerlinNicht nur wegen des Corona-Shutdowns herrscht in der Berliner Kunstszene Krisenstimmung. Die Sorgen haben sich schon vorher eingenistet.  Von „kritischer Masse“ war die Rede, von Marktsättigung. Vom mangelhaften Einsatz der Berliner Politik. Und vom fehlenden Glamour für die zahlungskräftigen Sammler im Vergleich mit den Marktplätzen Paris, London, New York, in Asien und den Emiraten.

Und ja, die euphorische Stimmung der 2000er-Jahre ist verflogen. Gentrifizierung, Mietsteigerungen, Verdrängung durch Raumkündigungen der Vermieter sind an der Tagesordnung. Derzeit etwa müssen sich wichtige Galeristen wie Thomas Fischer, Friedrich Look und Michael Janssen aus der Potsdamer Straße neue Domizile suchen. Aber die vielen privaten Galerien, im sogenannten Kunstboom Berlins entstanden – es sind mindestens 400 –, hielten dennoch durch. Irgendwie. Aber gut sind die Rahmenbedingungen in der Kunststadt Berlin, in der offiziell mindestens 8000 Bildende Künstler arbeiten, derzeit nicht.

Laut einer Erhebung  des Landesverbandes der Galerien (lvbg) unter 185 Kunsthändlern der Stadt im letzten Jahr, also noch vor den Ausfällen durch die Pandemie, machten 41 Prozent der hiesigen Kunsthändler weniger als 100.000 Euro Umsatz im Jahr, nur zehn Prozent der Galerien lagen im oberen Bereich von einer Million Umsatz und mehr. Damals gaben 84 Prozent der Kunsthändler zu, dass sie nach ihrem Erkenntnisstand keine Galerie mehr eröffnen würden. Und Maike Cruse, seit Jahren die Chefin des Gallery Weekends, sagte, es kämen vor allem immer weniger junge Galerien nach.

Der seit 25 Jahren bestehende Verband, mit inzwischen rund 100 Mitgliedern, plant eine erneute Umfrage. Sein Vorsitzender, der Kreuzberger Galerist Werner Tammen, stellt fest: „Die Corona-Zeit hat alle in Bedrängnis gebracht, mehr oder weniger. Manche Galerien haben Umsatzeinbußen von bis zu 90 Prozent, klagen aber nicht. Darum wird  sich erst zu Jahresende zeigen, wer durchkam und wer nicht.“ Bis jetzt, so Tammen, musste keiner ultimativ zusperren. Galeristin Kirsten Weiss aus Tempelhof-Schöneberg hat wegen der Situation vorerst „nur einstweilen“ geschlossen. Die Finanz-Soforthilfe des Landes konnte zunächst verhindern, dass die Galerien die Miete nicht mehr zahlen konnten. Dennoch sind nun nicht wenige aus der Branche am Limit.  Und die Ankaufsetats der Museen sind mager. Das wird sich in der Breite nicht elementar ändern, auch wenn Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor wenigen Tagen 2,5 Millionen Euro für Kunstankäufe in Aussicht stellte. Gedacht für die Sammlung des Bundes. Berlin kann da nicht auf den Löwenanteil pochen, auch wenn es hier die meisten Künstler und auch Galerien gibt.

Aber Erstaunliches ist geschehen: 30 von den bislang noch Erfolgreichen, den sogenannten Global Playern unter Berlins Kunsthändlern wie Galerie Schipper, Sprüth Magers, Baudach, Meyer Riegger und Konrad Fischer, sind unlängst in den Landesverband eingetreten. Keine Skepsis, keine Arroganz mehr gegenüber dem Kollektivgeist. Auf einmal zählt das „Gemeinsam sind wir stärker“-Gefühl, haben regionale Verankerung und auch Solidarität einen Wert. Der Landesverband hilft jungen Galerien. Zur bevorstehenden Art Week wird, zusammen mit dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, wieder der VBKI-Preis an junge Galerien vergeben. Auf der Shortlist stehen die Galerien Tanja Wagner, Chert Lüdde und Noah Klink. Der erste Preis bekommt 10.000 Euro, der zweite und dritte je 2.500. 

Das größte Manko für den Kunstplatz Berlin ist das Fehlen einer echten Messe. Schöne Formate gab es viele, Erfolg hatte keines. Ab 2011 finanzierte das Land Berlin das anfangs opulent aufgezogene Art Forum nicht mehr. Die Nachfolgerin abc war für die organisierenden Galerien zu kostspielig, gemessen am ökonomischen Gewinn. Und zuletzt ist der Partner der art berlin, die Koeln-Messe, ausgestiegen, weil der finanzielle Einsatz größer war als der Umsatz.

Bitter kam es bei Berliner Kunsthändlern auch an, dass internationale Messen wie in Honkong, in den USA, die Art Basel und die Art Cologne wegen Corona abgesagt wurden. Es ist kein Geschäftsgeheimnis, dass Kunsthändler etwa 80 Prozent ihres Umsatzes auf nationalen und internationalen Messen generieren, aber dafür auch rund 400.000 Euro investieren – für die Standmiete, den Transport, die Versicherungen, die Produktions- und Personalkosten.

Und so bleibt für diesen Herbst und die Berlin Art Week (11. bis 15. September) nur die einst lediglich als Nebenmesse akzeptierte „Positions“ im Flughafenareal Tempelhof. Sie versammelt Galerien des mittleren und kleinen Sektors und Künstler, die noch kaum Weltruhm erlangt haben. Die bodenständige und mit kleinen Preisen winkende „Positions“ hielt sich allerdings in all den Jahren stabil und leistet sich sogar Nachwuchs mit der speziellen „Paper Positions“ für Kunst auf Papier. Und weil im Hangar 4 noch Platz für einen Gast ist, dem die heimische Messe ausfiel, hat sich die Verkaufsschau Photo Basel eingeladen.

Das Krisen-Gerede will die Berliner Galerieszene nicht zulassen. Das Motto lautet: Wir lassen uns nicht unterkriegen!  Wie in keinem Jahr zuvor wird die Berlin Art Week, koordiniert von der Kulturprojekte GmbH des Senats und unter Beteiligung der Museen und Institutionen, zum Hoffnungstermin aller, die im kommerziellen Kunstbereich ihre Existenz sichern müssen. Das im Mai wegen Corona verschobene Gallery Weekend, bei dem rund 50 Kern-Galerien alljährlich zufriedenstellende Umsätze erzielten, wird diesmal zum Brennpunkt der Händler. Angekündigt ist ein „Feuerwerk“ der Gegenwartskunst, ein Event für Sammler wie für Laien. Und vielleicht setzt die derzeitige Reduzierung des verminderten Mehrwertsteuersatzes ja Kaufanreize.