Kristen Stewart beim Filmfestival in Cannes vor zwei Jahren.
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Berlin/VenedigWir alle kennen sie seit ihrer „Twilight“-Zeit als ewig liebeskranke Bella Swan. Jetzt liegt die Teenie-Massenhysterie schon über zehn Jahre zurück, und Kristen Stewart, kaum geschminkt und mit Bubikopf, wirkt frei, entspannt, lebendig: Während unseres Gesprächs gestikuliert die 30-jährige US-Schauspielerin wild mit den Armen, sie spricht klar und fest, flucht oft und lächelt noch öfter. Mit der Filmbiografie „Seberg“ (Kinostart: 17. September) empfiehlt sich Stewart derzeit erneut als Charakterdarstellerin. Sie spielt darin die Schauspielerin Jean Seberg, die mit „Bonjour Tristesse“ 1958 zum Liebling einer ganzen Generation und mit Godards „Außer Atem“ zum Gesicht der Nouvelle Vague wurde. Seberg unterstützte die Black Panther Party – was dem Film wegen der Black-Lives-Matter-Bewegung hohe Aktualität verleiht.

Ms. Stewart, wie gut kannten Sie die Kultfigur Jean Seberg?

Ich kannte nur ihr Bild und den Film „Außer Atem“. Wenn man aber weiß, was diese Frau erlebt hat, fragt man sich schon, warum ihre Geschichte nicht viel bekannter ist. Dass ich nie etwas davon hörte, scheint mir heute völlig verrückt. Schon als Kind setzte sie sich für Unterdrückte ein. Sie kämpfte für ihre Ideale, auch wenn es gefährlich für sie war.

Seberg machte sich für die Black-Panther-Bewegung stark. Das missfiel dem FBI, der sie fortan beschattete und mit einer Schmutzkampagne ruinierte.

Jean Seberg hat sich immer mehr um andere gekümmert als um sich selbst und machte sich für Underdogs stark. Umso tragischer ist es, dass ihr Leben praktisch von anderen zerstört wurde. Ich habe sie über diesen Film kennen- und liebengelernt. Und es hat mir das Herz gebrochen zu sehen, was mit ihr passierte: Als junge Frau hatte sie dieses umwerfende Strahlen, diese grenzenlose Energie. Das Leben hat ihr dieses Strahlen genommen, und man sah ihr die Traurigkeit an.

Haben Sie in Seberg eine Art Seelenverwandte gefunden?

Das würde ich schon sagen. Sie hatte eine Ehrlichkeit und Menschlichkeit, die ich bewundere.

Seberg hatte das Gefühl, ständig überwacht zu werden. Ist das im digitalen Zeitalter für uns schon ein normaler Gedanke geworden?

Das kann man nicht vergleichen: Die Informationen über sie wurden illegal gesammelt und verfälscht. Sie wurde schikaniert, als wahnsinnig hingestellt, so gequält, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. Das FBI veröffentlichte sogar Fotos des toten Babys. Dabei hat Seberg nie eine Rebellion angezettelt oder eine Regierung gestürzt – sie hat sich nur für mehr Menschlichkeit eingesetzt.

Der Trailer zu „Seberg“.

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Finden Sie, dass Schauspieler sich grundsätzlich politisch engagieren sollten?

Ich bin überzeugt, dass es gar nicht möglich ist, als Künstler unpolitisch zu bleiben. Kunst wird immer die eigene Gesinnung widerspiegeln. Sie endet an der Stelle, an der man sich selbst zensiert, um nicht anzuecken. Ab dem Moment macht man nur noch Unterhaltung. Nichts gegen gute Unterhaltung – manchmal braucht man nichts anderes. Aber wahre Künstler tragen immer auch ihre politischen Ansichten nach außen. Ihre Arbeit ist ein Statement.

In den Sozialen Medien sind Sie nicht aktiv. Haben Sie aufgegeben, Ihr Image zu steuern?

Ich selbst nutze zwar kein Social Media, aber kann mich nicht davor schützen. Soll ich mich vor jedem Smartphone verstecken? Es wäre hoffnungslos, wenn ich versuchen würde, die Meinung der Leute über mich zu steuern. Die vielen Social-Media-Posts reißen dich in viele kleine Stücke. Das große Bild aber fehlt. In dem Zirkus stecken wir doch alle fest, leider. Die Lösung für mich ist, mir keine Gedanken mehr zu machen, wie ich auf andere wirke, sondern nur authentisch, ganz aus mir heraus zu agieren.

Wie blicken Sie auf den medialen Wahnsinn der „Twilight“-Zeit zurück?

Der Wahnsinn ist nicht vorbei. Es gibt immer noch Verrückte, die mich verfolgen, um Fotos zu schießen. Aber ich habe mich geändert und kann gelassener mit dem Irrsinn umgehen. Früher meinte ich, auf jede Frage eine Antwort finden zu müssen und sagte oft seltsame Dinge. Jetzt kommentiere ich nicht mehr jeden Quatsch. Ich habe erkannt, dass ich auch mal die Klappe halten darf.

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Zur Person

Ihre Karriere begann früh: Schon mit elf Jahren spielte Kristen Stewart an der Seite von Jodie Foster in „Panic Room“. Mit 18 wurde die Tochter einer Drehbuchautorin und eines TV-Produzenten durch die Vampir-Saga „Twilight“ neben ihrem Kollegen Robert Pattinson zum Weltstar.

Heute mixt Stewart munter Popcorn-Komödien wie „Drei Engel für Charlie“ mit französischem Arthouse („Personal Shopper“), führt selbst Regie, liebt mal Mann, mal Frau. 2017 wurde Stewart in die Oscar-Academy aufgenommen, 2018 war sie Teil der Wettbewerbsjury von Cannes.

Aber Sie sind politisch aktiv?

Klar, ich kommuniziere meine Meinung auch öffentlich. Mit jedem Atemzug positioniere ich mich politisch. Würde ich plötzlich Republikaner unterstützen, wäre jeder schockiert.

Wie stehen Sie zu Trump und dem politischen Klima in den USA?

Wir Amerikaner haben alle diese kollektive Illusion, die wir den amerikanischen Traum nennen: Wir glauben, alles schaffen zu können, was wir uns vornehmen. Natürlich ist das Quatsch. Dieses System führt nur dazu, dass Reiche noch reicher werden und Arme immer ärmer. Es ist so krank, dass die Regierung diese miese Lüge auch noch verstärkt. Ich verstehe nicht, warum die Öffentlichkeit immer noch nicht aufwacht und sieht, was da mit ihnen gemacht wird. 

Waren Sie nicht das perfekte Beispiel für den American Dream? Die 18-Jährige, die über Nacht weltberühmt wird – und sich auch noch in ihren Filmprinzen verliebt…

Eben, ich war erst 18, hatte keine Referenzpunkte und wurde von dem Erfolg völlig überrumpelt. Plötzlich stand ich im Zentrum eines Orkans – und alle um mich herum wurden wahnsinnig. Nichts hätte mich darauf vorbereiten können. 

Sie wirken heute souveräner. Haben Sie das Gefühl, Ihr Leben in der Hand zu haben?

Ja. Ich kann meinem Instinkt vertrauen und arbeite nur mit Menschen, die mir diese Freiheit auch lassen. Auch die Rollen werden immer besser, weil die Stimmen von Frauen in der Branche immer mehr Gehör finden.

Wie gehen Sie mittlerweile mit Kritik um?

Ich lasse es nicht mehr zu, dass mein Selbstwertgefühl von Leuten bestimmt wird, die selbst nichts Konstruktives beizutragen haben. Ich kann es eh nicht jedem recht machen. Und auf die Gefahr hin, dass das jetzt irre arrogant klingt: Kritik ist mir egal. Wenn mich jemand nicht mag, ist er nicht mein Freund. Ich habe tolle Freunde, also investiere ich meine Energie lieber in sie.

Ein Freund fehlt seit 2019: Karl Lagerfeld. Was schätzten Sie an ihm besonders?

Karl war ein fantastischer Geschichtenerzähler. Er sah Menschen so, wie sie wirklich sind. Seine Mode war nie eine oberflächliche Erscheinung, sondern half Frauen, eine bessere Version ihrer selbst zu werden. Mich hat oft gewundert, warum er als arrogant galt. Vielleicht hat er sich eine äußere Distanz bewahrt, damit man nicht in ihn hineinschauen konnte.

Wissen Sie, was er an Ihnen liebte?

Unsere Gewissenhaftigkeit verband uns. Für mich ist es noch immer eine Ehre, Chanel zu repräsentieren, weil das Haus niemanden engagiert, der nicht zu ihnen passt. Wer Chanel vertritt, wird von Chanel geliebt. Die Arbeit mit ihnen ist immer authentisch, nie oberflächliche Show.