BochumSeit Beginn des als „Lockdown Light“ oder „Wellenbrecher-Lockdown“ bekannt gewordenen Maßnahmenpakets zur Eindämmung des Coronavirus Anfang November werden auf breiter Basis kritische Stimmen laut, die die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen hinterfragen. Endlich scheint ein ausgewogener Diskurs über das Thema zumindest möglich. Befeuert wird er vor allem von Kulturschaffenden – Theater- oder Museumsleitern, die nicht verstehen, warum ausgerechnet ihre Häuser geschlossen werden, in denen es dank guter Konzepte und besonderer räumlicher Situationen kaum oder kein nachgewiesenes Infektionsgeschehen gab.

Ausgewogener Diskurs ist beim Thema Corona allerdings ein Novum: Als im Frühjahr die Infiziertenzahlen in die Höhe schnellten, fanden sich nicht nur Menschen in sozialer Isolation wieder, die zum Beispiel allein lebten und wegen eines positiven Testergebnisses, eines Kontakts mit einem Infizierten oder der Rückkehr aus einem sogenannten Risikogebiet zu 14-tägiger Quarantäne verdonnert wurden. Auch, wer die Maßnahmen kritisierte, konnte sich schnell in die soziale Isolation katapultieren.

Das Problem am Diskurs über die Corona-Maßnahmen war von Beginn an, dass er mit einem hohen moralischen Impetus, man könnte auch sagen: moralischen Rigorismus geführt wird, so dass schnell ein schwarz-weißes Weltbild entstand: Wer nicht für die beschlossenen Maßnahmen ist, ist gegen sie, ist unsolidarisch, egoistisch, ist „Corona-Leugner“ und mindestens offen für rechts-populistisches Gedankengut. Man findet dieses Narrativ bis heute in den Kommentarspalten unter fast jedem beliebigen Artikel zum Virus-Thema, der in den Sozialen Medien gepostet wird.

Die sozialen und kulturellen Folgen könnten gravierend sein

Für die Maßnahmen zu sein, galt bald als „politisch links“, Kritik zu äußern als „rechts“. Wer sich also als links-liberal versteht, für die offene und vielfältige Gesellschaft der transparenten politischen Entscheidungen eintritt, aber trotzdem kritisch gegenüber den ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Virus-Verbreitung ist, hat bis heute ein Problem. Digitale und reale Freunde könnten sie oder ihn bereits mit offenen Armen auf die Anhängerschaft eines durchgedrehten veganen Kochs zulaufen sehen oder gemeinsam mit AfD-Wählern oder noch radikaleren Rechten in die „Querdenken“-Front einrücken.

Dorija Parsley
Der Autor

Max Florian Kühlem, geboren 1979 in Bergneustadt, studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft in Bochum und ist schwerpunktmäßig in NRW als freier Kulturjournalist, Autor und Songwriter aktiv. 

Deshalb blieben diese Menschen lange merkwürdig stumm. Sie steckten in einem Dilemma: Wer zum Beispiel fand, dass die parlamentarische Mitsprache bei Maßnahmenkatalogen mit derart weitreichenden Freiheitseinschränkungen, kulturellen, sozialpsychologischen und wirtschaftlichen Folgen doch nicht einfach so übergangen werden könne, fand sich politisch ausschließlich repräsentiert von Alexander Gauland und Christian Lindner. Konnte die eigene Haltung da wirklich richtig sein?

Sinkende Zustimmung

Warum es mindestens in den ersten Monaten seit Beginn des Infektionsgeschehens kaum bis keine kritischen Stimmen von links gab, könnte man mit der „Schweigespirale“ aus Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der öffentlichen Meinung erklären, die in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt und häufig auf den Diskurs in öffentlichen Kommentarspalten auf Nachrichten-Portalen oder Sozialen Medien angewendet wird.

Die Kommunikationswissenschaftlerin nahm in der seit Anfang der 1970er-Jahre entwickelten Theorie an, dass Menschen aus „Isolationsfurcht“ manchmal dazu neigen, ihre Meinung nicht zu äußern, wenn diese einer angenommenen vorherrschenden Meinung widerspricht. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn das dahinter stehende Thema ethisch oder moralisch besetzt ist – Noelle-Neumann spricht von „Wertgeladenheit“.

Elisabeth Noelle-Neumann geht in ihrer Theorie so weit zu sagen, dass die faktische Minoritätsmeinung plötzlich als Mehrheitsmeinung erscheinen kann, wenn die Schweigespirale greift. Mit diesem Extremfall lässt sich wahrscheinlich nur das diskursive Klima in bestimmten links-liberalen Filterblasen beschreiben. Doch auch gesamtgesellschaftlich scheint die Stimmung schwankender zu sein, als die oft mehr kolportierte als bewiesene Behauptung von „80 bis 90 Prozent Zustimmung“ vermuten lässt. Die Mannheimer Corona-Studie stellte etwa schon im April eine sinkende Zustimmung zu den erweiterten Sonderbefugnissen der Bundesregierung fest.

Es sollte kritisch diskutiert werden

Im Kulturbereich platzte mit dem November-Lockdown der Knoten: Die Akademie der Künste fordert mehr Differenzierung bei künftigen Maßnahmen. Der Intendant des Staatstheaters Kassel, Thomas Bockelmann, sagt: „Es ist nicht nachvollziehbar, dass man in Deutschland ohne Platzreservierung Zug fahren kann, aber die Theater nicht mehr bespielt werden dürfen.“ Das Netzwerk der Ruhrkunstmuseen diskutiert eifrig über eine gemeinsame Kritik an der Museen-Schließung. Und Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier steht ziemlich allein mit seinem Vorschlag da, die Theater bis zum Sommer geschlossen zu lassen.

Viel mehr sollte auf breiter Basis kritisch, ausgewogen und konstruktiv diskutiert werden: Die Sinnhaftigkeit des Tragens von Alltagsmasken auf festen Sitzplätzen in spärlich besetzten Zuschauerrängen – oder unter freiem Himmel. Die Aussagekraft von Infektions- und Inzidenzzahlen und die weitreichenden politischen Folgen, wenn sie eine bestimmte Ziffer überschreiten. Das Narrativ vom exponentiellen Wachstum.

Wir brauchen nicht Verbote, sondern Solidarität

Es muss möglich sein, die Maßnahmen zu kritisieren und trotzdem als links, liberal oder solidarisch zu gelten. Zum Beispiel zu fragen, ob sie nicht soziale Ungleichheiten verschärfen, Menschen in Einsamkeit und Armut treiben, ganzen gesellschaftlichen Bereichen wie dem Kultur- und Freizeitsektor langfristig großen Schaden zufügen. Und vor allem: Ob nicht differenziertere Maßnahmen Eigenverantwortung stärken und das Vertrauen in die Politik fördern würden.

Bisher verfahren die Regierenden nach einem überraschend düsteren Bild ihrer eigenen Gesellschaft: Sie glauben, alles, was sie nicht verbieten und hart sanktionieren, werden die Bürger nicht aus eigenen Antrieb, einem Gedanken der Solidarität heraus tun. Dabei wurde seit Beginn der Krise kaum ein Begriff so oft beschworen und festgestellt wie der der Solidarität. Einer der vielen Widersprüche dieser Zeit.