Francesco Masci, ein in Berlin lebender italienischer Soziologe, der auf Französisch schreibt, hat in dem Pariser Verlag Editions Allia ein Buch über Berlin veröffentlicht. Diese Beschreibung reiht sein Buch sofort in die imperative Internationalität ein, die derzeit in den zentralen Bezirken Berlins herrscht und es zur aktuellen Welthauptstadt macht, natürlich nicht unbedingt zur Freude derer, die schon da waren, bevor es Facebook und Twitter gab, bevor Diskotheken „Clubs“ hießen, womöglich schon, bevor die Mauer fiel. (Wahnsinn!)

Wir Altberliner wundern uns einerseits natürlich gar nicht darüber, dass der Rest der Welt Berlin genauso toll findet wie wir selbst, andererseits verstehen wir aber nicht so richtig, was diese jungen Leute eigentlich hier wollen, warum die auf uns niedergegangen sind wie die Heuschrecken. Wir fragen uns, was das für welche sind, permanent jut druff und mit einem großen Hang zur Niedlichkeit. Womöglich müsste unterschieden werden zwischen jungen Amerikanern einerseits und jungen Spaniern, Italienern, Griechen andererseits, denn Letztere kommen eher nicht als fiktive Subjektivitäten in die absolute Kultur, sondern weil sie hier etwas Besseres finden als die Hoffnungslosigkeit in ihren ausgepowerten Heimatländern.

„Die Ordnung herrscht in Berlin“, hat Francesco Masci sein Buch betitelt. Denselben Titel trug der am 14. Januar 1919 in der Roten Fahne erschienene letzte Artikel von Rosa Luxemburg. Allerdings ging es ihr nicht darum, dass sich, was Masci für das heutige Berlin konstatiert, Ordnung und Gehorsam mit Freiheit und Chaos verschmolzen hätten, vielmehr zitierte sie damit, wie an der ungelenken Satzstellung leicht zu erkennen, trotzig, zynisch, ironisch die bürgerliche Presse, die dem Polizeipräsidenten Noske für sein letztes Blutbad Beifall zollte. Ansonsten handelt ihr Artikel davon, dass die Revolution trotz aller Niederlagen siegen wird, weil sie siegen muss. Sodass Mascis Titelwahl zwar hübsch klingelt, aber mit Rosa Luxemburgs Artikel tatsächlich gar nichts zu tun, vielmehr etwas Hautgout hat, wenn man weiß, was wir wissen, dass Rosa Luxemburg nämlich fünf Tage später auf besonders widerliche Weise ermordet wurde.

Kampf um die Vertreibung des Politischen

Dass die Umstände von Rosa Luxemburgs Tod in Berlin nicht vergessen sind, widerlegt sofort einen von Mascis zentralen Punkten. Er ist nämlich der Ansicht, Berlin befinde sich aktuell jenseits von Geschichte und Politik in einem Zustand, den er „absolute Kultur“ nennt, es sei das prophezeite „Königreich der Ereignisse“ (womit hier „events“ gemeint sind), in dem die Leute in ihrer Eigenschaft als „fiktive Subjektivitäten die Würde und Autonomie wiederfinden, die ihnen die Gesellschaft gegen die Tyrannei des Staates versprochen hatte“. Politik aber äußere sich höchstens noch in Form von Hausbesetzungen oder gelegentlichen Graffiti, die mit einem A in einem Kreis gezeichnet sind; beides diene in erster Linie dem Stadtmarketing.

Fiktive Subjektivitäten, absolute Kultur: das sind die zwei zentralen Begriffe in Mascis Buch, sie durchklingeln es als Leitmotive, und auch sonst wird breit geschossen. Berlin sei der Vorposten einer Kapitulation vor der Fiktion des autonomen Individuums, nicht das Symbol, sondern der reale Ort, an dem sich „der konfliktreiche Prozess zwischen Fakten und Fiktion“ austrage, der die ganze Moderne begleitet habe zur „Vertreibung des Politischen durch das dreiköpfige Monster Moral – Ästhetik – Wirtschaft“.

Dieser Kampf um die Vertreibung des Politischen sei in Berlin mittels Assimilation der Gesellschaft an die absolute Kultur gewonnen worden. Nun werde Berlin von besagten fiktiven Subjektivitäten bevölkert, leeren Indidviduen, die ihr nicht exemplarisches Privatleben in einem fort veröffentlichen müssen, um sich zu versichern, dass es überhaupt stattgefunden hat. Als Beleg für die Ordnung, die in Berlin herrsche, führt Masci die dem Kopfnicken des Türstehers brav gehorchenden Schlangen vor dem Berghain an sowie das geordnete Räumen der Volksbühne nach der Vorstellung. Bisschen dünn. Und warum so viele einstige Bewohner der Sowjetunion nun hier leben, erklärt er auch nicht. Aber eine Revolution wird nicht vorbereitet, das ist klar. Wozu auch.

Hype dient wirtschaftlichen Zwecken

Masci bindet seine Analyse durchaus in die Geistesgeschichte ein, als Referenz dienen ihm Thomas Morus’ „Utopia“ und Tommaso Campanellas „Sonnenstaat“; beide Utopien sieht er in Berlin im Prinzip verwirklicht. Und er geht auch ein Stück mit Franz Biberkopf durch die Stadt, aber nur bis zur Huttenstraße, wo mit der AEG-Turbinenfabrik eine der „hybriden Maschinen“ steht, „die den Vorsprung der absoluten Kultur abgesteckt, ihre Inbesitznahme der modernen Geschichte orchestriert haben“. Er weiß auch, dass West-Berlin schon so ähnlich war wie jetzt – nein, eben nicht ganz Berlin, sondern nur einige Innenstadtbezirke.

Als Soziologe verweist er am Rande durchaus immer wieder darauf, dass der Hype am Ende nur wirtschaftlichen Zwecken dient, mit anderen Worten: der Geldvermehrung bei wenigen auf Kosten vieler, und, das kann man diesem Buch nun doch entnehmen, dass die allgemeine Niedlichkeit der jugendlichen Massen zu einer lackierten Stadt führen wird, in der nur noch Reiche angenehm werden leben können. In Paris ist das jetzt schon so. Wir sind auf dem Weg dorthin, und vielleicht könnte Mascis Buch als Warnung davor gelesen werden. Haltet ein. Wenn nur seine Begriffe etwas weniger klingeln würden.

Francesco Masci:L’ordre règne à Berlin. Editions Allia. Paris 2013. 112 Seiten, 6,20 Euro.