Der Unternehmer und Mäzen Klaus Michael Kühne.
Foto: dpa/Axel Heimken

HamburgDie einen streiten darüber, ob die österreichische Kabarettistin Lisa Lasselsberger, besser bekannt unter dem Namen Lisa Eckhart, eine Antisemitin sei. Die anderen diskutieren über die Freiheit der Kunst, die angeblich durch die sogenannte Cancel-Culture bedroht ist. Jetzt bahnt sich ein weiterer Streit an. Er betrifft den Namensgeber des Literaturpreises, der am 20. September in Hamburg vergeben werden soll.

Im Rahmen des „Harbour Front“-Literaturfestivals soll nämlich zum 11. Mal der mit 10.000 Euro dotierte Klaus-Michael-Kühne-Preis an eine oder einen von acht nominierten Debütanten verliehen werden. Lisa Eckhart, die wegen angeblicher Warnungen aus dem Umfeld des Auftrittsortes „Nochtspeicher“ vom Festivalleiter Nikolaus Hansen ausgeladen und dann wieder eingeladen wurde, will nicht mehr kommen. 

Kontroverse Firmengeschichte

Bei allem Hin und Her um mögliche Proteste, unglücklich agierende Veranstalter und eine angeblich antisemitische Kabarettistin, haben sich nur wenige gefragt, wer eigentlich den Preis stiftet und ihn nach sich benannt hat. Dabei ist der 1937 in Hamburg geborene Klaus-Michael Kühne ein einflussreicher Unternehmer und steht mit 17,1 Milliarden US-Dollar auf Platz 74 der Forbes-Liste der reichsten Menschen weltweit (Stand 14.8.2020). Das Geld für den Literaturpreis stammt aus der Kühne-Stiftung, in die der Milliardär als alleiniger Stifter einzahlt. Das Fördervolumen belief sich im Jahr 2019 auf 30 Millionen Schweizer Franken.

Kühne hat den Sitz des Unternehmens in der Gemeinde Feusisberg im steuerlich günstigen Kanton Schwyz angemeldet. Zugleich begreift er sich als Mäzen, der lange den HSV unterstützt und fünf Millionen zum Bau der Elbphilharmonie beigesteuert hat. Und der eben auch den Klaus-Michael-Kühne-Literaturpreis stiftet. Kühne ist dabei Mehrheitsaktionär von Kühne + Nagel, einem internationalen Logistikunternehmen, das bis heute eine Rolle in der Militärlogistik spielt.

In der NS-Zeit habe das Unternehmen laut der Tageszeitung Die Welt „eine Schlüsselrolle bei der systematischen Ausplünderung der Juden in den besetzten Nachbarstaaten“, der sogenannten M-Aktion, gespielt. Als 2015 die Hintergründe des Unternehmens Kühne + Nagel und damit der Familie Kühne im Rahmen der 125. Jahrfeier der Firma ans Licht kamen, reagierte das Unternehmen am 17. März 2015 mit einer kurzen Pressemitteilung. Darin steht: „Kühne + Nagel ist sich der schändlichen Vorkommnisse während der Zeit des Dritten Reiches bewusst und bedauert sehr, dass es seine Tätigkeit zum Teil im Auftrag des Nazi-Regimes ausgeübt hat. Zu berücksichtigen sind die seinerzeitigen Verhältnisse in der Diktatur sowie die Tatsache, dass Kühne + Nagel die Kriegswirren unter Aufbietung aller seiner Kräfte überstanden und die Existenz des Unternehmens gesichert hat.“ Am Ende steht ein Verweis auf die schwierigen Umstände während der NS-Zeit: „Wie andere Unternehmen, die bereits vor 1945 bestanden, war Kühne + Nagel in die Kriegswirtschaft eingebunden und musste in dunklen und schwierigen Zeiten seine Existenz behaupten.“

Genauer hinschauen

Klaus-Michael Kühne selbst fand es in einem Interview mit dem Weser-Kurier vom 20. Juli 2018 „überraschend, dass dieses Thema wieder auf den Tisch kam“. Hätte man sich nach dem Krieg damit befasst, hätte er dafür Verständnis gehabt. Weiter heißt es: „Andererseits kann man die Dinge nicht ungeschehen machen. Wir müssen uns dazu bekennen. Es hat in der Kriegszeit leider Transporte von Gütern jüdischer Eigentümer gegeben, davon können wir uns nicht lossagen.“

Kühne zufolge sind die meisten Unterlagen aus der NS-Zeit verbrannt. Er sagt: „Das wurde dann so verzerrt dargestellt, als wenn wir gemauert hätten und uns der Sache nicht stellen wollten.“ Henning Bleyl, der dem Thema in der taz mehrere Artikel widmete, widersprach am 29. Juli 2018 mit einem Text namens „Des Patriarchen alternative Fakten“. Darin schreibt er: „Der Bremer Firmensitz wurde in der Tat am 6. Oktober 1944 zerbombt, aber bereits 1943 hatte K+N sein Zentralkontor zunächst nach Regensburg, dann nach Konstanz verlagert.“ Und verweist auf das umfangreiche „Firmenarchiv Kühne + Nagel“ im „Verzeichnis Deutscher Wirtschaftsarchive“. Dort heißt es: „Benutzung nur mit Genehmigung der Geschäftsleitung“.

Die Jüdin Deborah Feldman, deren autobiographische Geschichte „Unorthodox“ gerade als Netflixserie weltweit große Resonanz erfährt, sagte der Berliner Zeitung zum Fall Kühne + Nagel: „Die ganze Lisa-Eckhart-Debatte kommt mir wie ein Feigenblatt vor, um die wahre Schande zu verdecken. Viele sind auf erschreckende Weise käuflich und lenken sich mit solchen ‚Sturm-im-Wasserglas‘-Streitereien ab. Dabei sollte jetzt dazu aufgerufen werden, sich das System näher anzusehen, das unsere ach so freie Kulturszene so gönnerhaft stützt.“