Toleranz, das bedeutet etwas zu dulden, mit dem man nicht unbedingt einverstanden ist. Mit dem, was zu dulden, zu tolerieren ist in unsrer Gesellschaft und was nicht, beschäftigt sich in der kommenden Woche die ARD in ihrer diesjährigen Themenwoche: „Toleranz. Anders als Du denkst“. Selten erntete eine Themenwoche vor ihrem Start so viel Kritik.

Denn die Werbeplakate, mit der die Sendeanstalt seit Montag für den Themenschwerpunkt wirbt, suggerieren schnell, was oder wer anders ist. „Normal oder nicht normal?“, steht über dem Bild eines Mannes, der einen anderen Mann auf die Stirn küsst. „Außenseiter oder Freund?“, lautet die Frage über dem Foto eines Menschen im Rollstuhl, und das Porträt eines schwarzen Mannes wird überschrieben mit: „Belastung oder Bereicherung?“

Toleranz ist nicht Akzeptanz

Für die Werbeplakate hagelte es Kritik, erst aus den sozialen Netzwerken, dann auch aus der Politik. „Diese Themenwoche dreht das Rad der Zeit um 50 Jahre zurück“ sagt Volker Beck, der Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Der Piratenpolitiker Holger Hennig äußert sich in einem Blogbeitrag: „Das eigentliche Problem ist das Thema. Denn Toleranz ist schlicht ein völlig falscher Ansatz. Die ARD-Werbung suggeriert uns, es sei fraglich, ob wir Schwarze, Homosexuelle, Kinder und Menschen mit Behinderung tolerieren, also ertragen können. Man möchte fragen, welchen Schuss die ARD nicht gehört hat.“

Noch provokanter liest sich die Ankündigung des Hessischen Rundfunks zur Diskussionsrunde „Der Tanz um die Toleranz“, an diesem Sonnabend: „Ist sich das knutschende, schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt?“, heißt es. Und: „Was muss man akzeptieren? Was nicht?“

Toleranz ist jedoch nicht dasselbe wie Akzeptanz. Akzeptanz geht über Dulden hinaus. Etwas zu akzeptieren bedeutet, mit etwas einverstanden zu sein, es anzuerkennen. Ob man Homosexualität und Inklusion toleriere, solle heutzutage eigentlich unstrittig sein, schreibt Volker Beck in einem Offenen Brief an die ARD.

Lesen Sie hier den gesamten Offenen Brief:

Gemeinsam mit anderen fordert er, die Werbeplakate noch einmal zu überdenken: „Es ist längst keine Frage mehr ob, sondern wie wir uns gegen Diskriminierung und Rassismus wenden. Wenn die ARD nun fragt, ob statt wie wir Homosexuelle rechtlich gleichstellen wollen, fühlt sich das nach einem sehr kalten Wind aus Russland an. Und Inklusion von Menschen mit Behinderung ist keine Frage des Ob mehr, sondern wie das bestmöglich gelingen kann.“

Die ARD äußerte sich bislang nicht zu dem offenen Brief. In einer Stellungnahme zu der umstrittenen Kampagne heißt es nur: „Intolerantes Verhalten wird oft von Äußerlichkeiten und Vorurteilen geprägt. Genau damit spielt die Kampagne. Wir wollen zur intensiven Diskussion anregen und zum Nachdenken über eigene Haltungen und Vorurteile. Eine gewisse Provokation haben wir dabei in Kauf genommen, jedoch sollte sich niemand verletzt fühlen“.

Diese Rechtfertigung geht vielen Kritikern nicht weit genug. Denn gerade die Provokation des Vorurteils-Denkens sei eine „Frechheit“ wie es in einem Kommentar auf Zeit Online heißt: „So mögen zwar viele Menschen denken, diesen Gedanken muss man aber nicht adeln, indem man ihn auf Plakate druckt“.

Satire mit Marmor

Die Kritik kommt mittlerweile auch aus den eigenen Reihen. Das medienkritische Magazin „Zapp“ des NDR gesteht der ARD zwar zu, ihre Aktion gut gemeint zu haben, weist aber daraufhin, dass niemand das Recht habe, andere Menschen in Schubladen wie „Belastung“ oder „Bereicherung“ einzusortieren: „Die Grenzen dessen, was „tolerierbar“ ist, werden in der Demokratie nicht von sich selbst als „normal„ empfindenden Stammtischen festgelegt, sondern von Verfassung und Strafrecht“.

Im Netz wird die Kritik derweil kreativ. Stetig tauchen neue satirische Bilder im Plakatstil der ARD auf. Eines zeigt den Vorsitzenden der ARD, Lutz Marmor. „Belastung oder Bereicherung?“ steht darüber.

Das gesamte Programm der ARD-Themenwoche gibt es hier.