Im Dezember 1918 vermerkte die Lyrikerin Sinaida Nikolajewna Hippius (1869-1945), Gattin des Philosophen Dmitri Sergejewitsch Mereschkowski (1865-1941), in ihrem Tagebuch: „Unser ,Heute’ ist in keiner Hinsicht eine Revolution. Nicht nur das, es ist ein ganz gewöhnlicher Friedhof.“

Raphael Gross, Chef des Deutschen Historischen Museums, zitiert diese Sätze in seinem kurzen Vorwort zum Katalog der Ausstellung „1917 Revolution – Russland und Europa“.

Ein Gruß von Gregor Gysi

Der Ausstellung selbst liegen solche Einsichten allerdings völlig fern. Nirgends auch nur eine Spur von dem Wissen, dass der ganz gewöhnliche Friedhof von 1918 sich im Laufe der folgenden Jahre in eine Kollektion von Zehntausenden von Massengräbern verwandeln würde. Nirgends eine Wand, an der an die Millionen Opfer von Revolution, Bürgerkrieg und Stalinismus erinnert wird. Im Vorraum der Ausstellung wird Gregor Gysi zitiert, der hofft, dass es beim nächsten Mal klappen möge. Wie viele Tote darf es geben, damit man anschließend sagen kann, es hat sich gelohnt?

Die Ausstellung beginnt mit einem Blick auf die Sozialstruktur des zaristischen Russland. Nein, das ist zu viel gesagt. Es ist vielmehr so: Der Betrachter sieht Schaukästen zum Beispiel zu Bauern und Arbeitern, Intelligenzija und Militär. In letzterem eine Militäruniform und in dem davor Schriften von Alexander Herzen, Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski und Lenin.

Wo ist die Intelligenzija?

Der Schriftsteller Pjotr Dmitrijewitsch Boborykin (1836-1921), der den Begriff Intelligenzija prägte, kommt ebenso wenig vor wie irgend ein anderer bürgerlicher Intellektueller. Für Boborykin war die Intelligenzija die Schicht von Menschen, die „klug, verständnisvoll, wissend, denkend und auf professionellem Niveau kreativ beschäftigt sind und zur Entwicklung und Verbreitung von Kultur beitragen.“ Für das Schicksal dieser Menschen interessiert sich die Ausstellung nur am Rande.

Nirgends ein Wort darüber, dass die angebliche Revolution ein Krieg war, den eine herrschende Clique erst einmal untereinander, dann aber nicht nur gegen Adel und Bürgertum, sondern auch gegen Arbeiter und Bauern führte. Es gibt keine Sekunde, in der die Oktoberrevolution ein befreiender Akt war. Sie war von ihren Tätern niemals als solche intendiert. Die Akteure sahen sich zunächst als Agenten einer Weltrevolution, deren entscheidende Schlachten zum Beispiel in Deutschland würden geführt werden müssen.

Wo ist die Wucht der Weltrevolution?

Die Oktoberrevolution war nicht gedacht als Befreiung des Petersburger Proletariats, sie sollte eine Initialzündung sein, um Revolutionen in den Industriestaaten Europas zu zünden. Das sollte begleitet werden von antiimperialistischen Aufständen weltweit, um die Imperien an den Rändern so weit zu schwächen, dass es möglich sein würde, sie in ihren Zentren zu stürzen. Die bolschewistische Revolution war von Anfang an eine Weltrevolution.

Die Beschränkung auf „Russland und Europa“ nimmt der Ausstellung ihr zentrales Thema: Die Revolution, die als als globales Projekt begann und zur Idee des weltweiten Exports der Idee vom Sozialismus in einem Lande wurde. Die Prägung und der Wandel einer globalen Marke. Man versteht diese Geschichte, ihre Dynamik, ihre Gewalt und Wucht nicht, wenn man Asien und Lateinamerika, die USA und Afrika weglässt. Die Weltrevolution war der Schrecken, der zusammen mit seinem Begleiter der Weltreaktion das zwanzigste Jahrhundert bestimmte. Nichts davon in der Ausstellung.

Wo ist die russische Mittelklasse?

„1917 Revolution“ ist unkritisch und begriffslos. Sie geht in die seit vielen Jahrzehnten aufgestellte Falle der bolschewistischen Geschichtsschreibung. Die Geschichte, so lautet deren Legende, führte hin zur Oktoberrevolution, also ist die Geschichte vor ihr nichts als ihre Vorgeschichte. Das ist immer verkehrt.

Aber gerade im Falle der Oktoberrevolution ist es verhängnisvoll, wenn man nicht erst einmal das Erstarken des Bürgertums im zaristischen Russland sichtbar macht. Die Ausstellung verzichtet auf die Vorstellung der Mittelklassen. So nimmt sie deren Liquidierung durch die Bolschewiki vorweg. Emblematisch drücken die Ausstellungsmacher das aus, wenn sie ein Bild der Zarenfamilie zeigen, hinter dem eine Marx-Büste aufleuchtet.

Ein Meisterwerk des Sozialistischen Realismus

Es war nicht Karl Marx gewesen, der den Zarismus gestürzt hatte – auch nicht seine Jünger. Das russische Bürgertum, russische Republikaner, russische Demokraten hatten den Bruch vollzogen mit den mehr als 350 Jahren russischer Geschichte seit der 17-jährige Moskauer Großfürst Iwan der Schreckliche sich zum Zaren der ganzen Rus hatte krönen lassen.

Über die Qualität einer Ausstellung, wenden Sie ein, entscheide immer noch, was sie zeige, nicht, was sie weglasse. Okay, betrachten wir das berühmte Bild des Malers Isaak Israilewitsch Brodski (1883-1939) von der feierlichen Eröffnung des II. Kongresses der Komintern im Juli 1920, ein Meisterwerk des sozialistischen Realismus aus dem Jahre 1924, 320 x 532 Zentimeter groß. Eine Leihgabe aus dem Staatlichen Historischen Museum in Moskau.

Verschwiegene Geschichten

Warum wird uns nicht gesagt, wer da alles noch traut bei einander sitzt? Sitzt da nicht hinter Lenin neben Alexandra Kollontai Grigori Jewsejewitsch Sinowjew, der 1936 von jenem Josef Stalin umgebracht werden würde, den man mit seinem charakteristischen Schnurrbart rechts sitzen sieht? Der Herr rechts unten mit dem dicken, schwarzem, tief in den Nacken reichenden Haar – das ist Isaak Brodski höchstselbst. Der Maler hat sich mit ins Bild gesetzt. Kein Wort darüber in der Ausstellung. Dabei lässt sich doch gerade dieses Bild in seiner Detailfreudigkeit lesen als eine Momentaufnahme aus der Geschichte des Individuums in Zeiten der zunehmenden Eindimensionalisierung der Gesellschaft. Wie viel Geschichten könnte dieses Gemälde erzählen, wenn die Ausstellungsmacher es reden ließen!

Sie haben keine Lust mehr, in die Ausstellung zu gehen? Falsch, gehen Sie hin! Machen Sie sich selbst ein Bild, machen Sie sich ihre eigenen Gedanken. Zustimmende Begeisterung ist eine wunderbare Sache, aber der Schrecken über Gedankenfaulheit, politisches Kompromisslertum mit den russischen Leihgebern, kann einen auch ganz schön in Schwung bringen.

Umsturz 1917 Revolution Ausstellung im Deutschen Historischen Museum bis 15. April 2018