Semikolon-Tattoo
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BerlinAmerikanischen Serien kann man so einiges vorwerfen: ein hohes Suchtpotenzial, Gewaltexzesse und Volksverblödung. Sprachkritik ist so ziemlich der letzte Begriff, der einem bei Streaming-Kanälen in den Sinn kommt, und doch ist es die zweite Staffel des Netflix-Hits „13 Reasons why“, die zur Rettung eines Satzzeichens beiträgt.

Clay, eine der Hauptfiguren, lässt sich ein Tattoo in Form eines Semikolons stechen. Das mag als exzentrischer Hautschmuck-Fetisch gewertet werden, allerdings wäre das zu kurz gegriffen, denn der Filmcast zog nach. Seither ziert das Satzzeichen die Körperteile zahlreicher Seriendarsteller. Da Wirklichkeit nicht selten die Fiktion übertrifft, findet sich im Real Life tatsächlich ein Vorbild für die körperliche Verbreitung des Strichpunkts.

"Der Satz ist dein Leben.“

2013 erkor das sogenannte „Project Semicolon“ das Satzzeichen zu seinem Signet. Die Non-Profit-Organisation möchte Selbstmordgefährdeten und von Depression und Angstzuständen heimgesuchten Menschen Mut machen. Die Gründerin der Bewegung, Amy Bleuel, formuliert das so: Das Semikolon stehe „für einen Satz, den der Autor beenden könnte, aber sich dazu entschieden hat, es nicht zu tun. Dieser Autor bist du – und der Satz ist dein Leben.“ Das ist ein kleines linguistisches Wunder, denn dem Semikolon schien das gleiche Schicksal beschieden wie dem Jangtse-Glattschweinwal: das ewige Nichts. Bestenfalls vegetiert es noch als Zwinker-Smiley dahin. ;-)

Seinem noblen Charakter und der sprachmächtigen Wirkung wird die graphische Umwandlung jedoch nicht gerecht. Das Semikolon ist nämlich ein Satzzeichen für den mündigen Sprachbürger; man kann es setzen, ist aber nicht dazu gezwungen. Es ist der Inbegriff gewählter und geformter Flexibilität und dadurch so quicklebendig wie das Leben.

Es ist stärker als das Komma, aber schwächer als der Punkt und fordert dem Setzenden ein gerüttelt Maß an Überlegung ab, dem Leser hingegen erleichtert es die Lektüre ungemein. Wer ist nicht schon an den fatalen Punkt gelangt, nicht weitermachen zu wollen, nicht weitermachen zu können? Und dann taucht da am Horizont dieses Semikolon auf, das uns bedeutet: Hey, diese Pause sei dir vergönnt. Es muss nicht immer alles fließen oder mit einem Paukenschlag zum Schweigen gebracht werden.

Ein Satzzeichen zum Verlieben

Das Semikolon hilft uns beim Aufatmen, durchatmen, rhythmisiert und strukturiert, bevor es zu spät ist. Das liegt auch an seinem anarchischen Charakter. Es scheint weder Fisch noch Fleisch zu sein, setzt sich aus einem lateinischen Bestandteil (semi: „halb“) und einem griechischen (colon: „Glied“ einer Satzperiode) zusammen, und selbst der Duden erlaubt ihm verschiedene Pluralbildungen. So streift es in der Mehrzahl als Semikola und Semikolons durch die Gegend. Im Griechischen gar stellt es die Fragen, während ein hochgesetzter Punkt sein Stellvertreter ist. Demokratisch und teamfähig, musikalisch und formbewusst – ein Satzzeichen wahrlich zum Verlieben!

Unter die Haut geht uns der Strichpunkt ohnehin, ob wir ihn mit blauer Tinte unter der Epidermis verewigen wollen, ist aber eine andere Frage. Bazon Brock, der Philosoph und Denker, meint dazu: „Wer sich tätowiert, ist ein Faschist.“ Und das wollen wir unserem geliebten „Strichpünctleyn“, wie man im Barock zu sagen pflegte, doch weiß Gott nicht antun.