Dieser Film ist ein Thriller, der einen in den Kinosessel presst, als hätte man die Kalaschnikow selbst an der Schläfe. Und er ist zugleich ein politischer Film, der tief hinein führt ins Wesen unserer globalisierten Welt. In ihm prallen die krassesten sozialen Gegensätze in einer Klarheit und Brutalität aufeinander, dass man umso öfter den Atem anhält.

Paul Greengrass, Regisseur von zwei Filmen der Bourne-Reihe sowie von „Bloody Sunday“ und „Flug 93“, ist ein Meister der Intensität. Dass ihm wieder Actionkino mit vier Sternen gelingen wird, war auch bei „Captain Phillips“ zu erwarten. Es ist die Verfilmung des Überfalls somalischer Piraten auf das amerikanische Containerschiff Maersk Alabama, die sich real im April 2009 zugetragen hat.

Zur rein filmischen Intensität trägt Greengrass’ Abneigung gegen bequeme Studiotechnik bei. Drei Viertel der Dreharbeiten fanden auf offener See statt, was die physische Präsenz der Szenen steigert. Unter die Haut geht der Film aber aus einem anderen Grund. Er macht mit großer visueller Kraft ein Schlagwort deutlich, mit dem man seit Jahren einen zentralen Aspekt der politischen Weltlage auf den Begriff zu bringen versucht: die „asymmetrische Kriegführung.“

Was da 350 Seemeilen vor der somalischen Küste aufeinander-stößt, ist sich fremder als Meeresgrund und Bergspitze. Auf einem morschen, offenen Fischerboot rauschen die vier Piraten heran, ausgerüstet mit Pistolen und Sturmgewehren. Asymmetrie zum ersten: Die unbewaffnete Maersk Alabama, ausgerüstet mit modernster Technik, wehrt sich mit Strategien wie aus dem Mittelalter gegen den Überfall: Aus eigens angebrachten Schläuchen spritzt rund um die 145 Meter lange Schiff Wasser hinab, um ein Entern unmöglich zu machen.

Den tollkühnen Piraten gelingt es dennoch, das Deck zu erklimmen. Tom Hanks als Captain Phillips weist die Mannschaft über die Lautsprecheranlage an, sich im Maschinenraum zu verstecken, er selbst erwartet auf der Brücke zusammen mit zwei Offizieren den martialisch herumbrüllenden Seeräubertrupp.

Die Macht der Gewehre: Die vier ausgemergelten Somali versetzen die Herren der Schiffsführung und ihre Besatzung in Angst und Schrecken. Der Gegensatz ist von ungeheurer Wucht: die gutgenährten, gepflegten Seeleute gegen die spindeldürren Piraten. Die Kleidung zerlumpt, die Haare wirr abstehend, schwitzend vor Aufregung brechen sie in die Hightech-Atmosphäre des Frachtschiffs ein wie Außerirdische von einem armseligen brutalen Planeten. Aber alles ist relativ: „Bewacht den hässlichen Vogel!“ weist der Piratenanführer Muse (Barkhad Abdi) seine Kumpane an und zeigt dabei auf unseren geliebten Tom Hanks!

Tatsächlich werden aus den mageren Schreckgespenstern bald richtige Menschen. Regisseur Greengrass unterschlägt nicht ihre Bosheit. Wer hier die Schurken sind, bleibt deutlich. Dennoch ist seine Darstellung der Somali erstaunlich differenziert. Zu Beginn sah man sie in See stechen von einem gottverlassenen Fischerdorf aus, in dem schwer bewaffnete Warlords ein Terrorregime führen. Sie bringen die Fischer dazu, mit der Wut der Verzweiflung die hochtechnisierten Warenströme vor ihrer Küste anzufallen. Angsteinflößend sind die Piraten, abstoßend fremd und am Ende uns doch näher gekommen. Zwischen Muse und Phillips entstehen sogar Sekunden des Verständnisses, wertvoll wie Tropfen im Sand.

Greengrass gelingt dieses Kunststück der Emphatie, indem er einen Perspektivwechsel vornimmt und den Captain in die Kanonen seiner Landsleute schauen lässt. Captain Phillips und die Piraten verlassen das Schiff; er wird von ihnen in einem Rettungsboot entführt. Inzwischen ist eine aus drei Kriegsschiffen bestehende US-Armada eingetroffen, die das langsame Rettungsboot mal verfolgt, mal umkreist. Asymmetrie zum zweiten: Das präzise wie ein Kraftwerk gesteuerte Kampfgeschwader aus Hubschraubern, Schiffen, Kampftauchern, Scharfschützen und Geheimdiensten versucht, die vier chaotisch agierenden Freischärler und ihre Geisel in eine militärisch lösbare Situation zu manövrieren – mit dem Ziel, den Kapitän zu retten.

Die Spannung, die hier entsteht, ist schier unerträglich. Die Wut der Piraten in der engen Rettungskapsel eskaliert, die Schikanen gegen den Kapitän nehmen zu. Die Schnitte von dort zu den diversen Kommandozentralen der Navy sind atemberaubend: als kämpften gelassene, muskulöse Götter gegen hysterische, zu allem entschlossene Erdlinge. Als ein solch armer Wurm, vom Terror gezeichnet, wird Captain Phillips am Ende aus dem Meer gefischt: ein verwirrter Mensch am Ende seiner Kraft. Verstört verfolgt er die medizinischen Aufnahmeroutinen nach seiner Rettung. Asymmetrie zum letzten: Der Captain als traumatisiertes Bündel wird zum Objekt der besorgten Übermacht, der er entstammt – ein existenzialistischer Spiegel der Weltpolitik im Kleinen. Und ganz große, hochpolitische Kunst über Arm und Reich, Macht und Ohnmacht.

Captain Phillips USA 2013. Regie: Phillip Greengrass. Darsteller: Tom Hanks, Bakhad Adi, Barkhad Abirahman, Faysal Ahmet. 134 Min. Farbe