Zum Kotzen, verlogen und hässlich sei das Leben. So und ähnlich lautet die weit verbreitete Meinung in Maxim Gorkis Stück „Sommergäste“. Und hundertvierzehn Jahre später sitzt man im Deutschen Theater und beneidet die Titelgeber, die einander an den Nerven reißen, statt sich auf dem Lande zu erholen. „Wir reden und reden – das ist alles!“, so Anja Schneiders Warwara mit Ekel in der Stimme. „Aber intensive, tiefe Leidenschaften kennen wir nicht mehr!“ Das mit dem Gerede stimmt schon, wobei die Sätze oft erschütternd durchdacht, klar und wahr sind, manchmal sogar schön und mitunter hübsch pointiert. Aber von einem Mangel an Leidenschaften kann nicht die Rede sein. Mögen diese vielleicht auch auf keine hehren Ziele gerichtet sein, so quälen die Tee trinkenden, Gedichte rezitierenden, angelnden oder picknickenden Emporkömmlinge einander doch mit leidenschaftlicher Intensität und aus tiefster russischer Seele. Das Entsetzen darüber, dass sie spießig, feige oder zynisch geworden sind, ist echt und geradezu heldenhaft. Es wirkt unangemessen auf uns postrevolutionäre Nachgeborene, die sich längst mit der eigenen Nichtigkeit und Privilegiertheit abgefunden haben und die sich Abstiegsängste nicht nur eingestehen, sondern dafür auch noch ernst genommen werden wollen. Während sich die Privilegierten heute vor jeder Veränderung fürchten, kann es für die Gorki-Figuren so nicht weiter gehen.

Die Geschäfte, die Warwaras Mann, der Anwalt Bassow (Alexander Khuon) einfädelt, mögen link sein. Dass der Literat Schalimow (Bernd Stempel) nicht mehr schreibt und der Fabrikant Doppelpunkt (Helmut Mooshammer), nachdem er seine Werke an Asiaten vekauft hat, nicht weiß, wohin mit seinem Geld – solche moralischen Verwahrlosungen mögen sie gerade noch hinnehmen. Aber nicht, dass sich ihre Liebe, ihr Verlangen abkühlt – manchmal auch der Hass. Hier ist niemand dem anderen egal. Und ein Sinn muss her!

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