Herrlich anzuschauen ist es, dieses San Fransokyo der Animatoren von Disneys neuer Familienunterhaltung „Baymax“. Auf schönste Weise retrofuturistisch, vereint es prägnante Merkmale der beiden namengebenden Städte. So gelungen ist die gesamte asiatisch-europäisch anmutende Um- und Mitwelt in diesem anrührenden Abenteuer-Film geraten, dass man das Schielen auf größere Absatzmärkte augenblicklich verzeiht.

Mit illegalen Geschäften vertreibt sich der vierzehnjährige Hiro Hamada seine Zeit. Der geniale Roboterfrickler lässt seine Erfindungen in den dunklen Hinterhöfen San Fransokyos gegen andere Kampfroboter um Geld antreten. Ein riskantes Hobby, immer wieder muss sein älterer Bruder Tadashi ihn retten, der sich seit dem Tod der Eltern verantwortlich fühlt. Mit viel Liebe versucht er, die Talente Hiros in konstruktivere Bahnen zu lenken.

Der ebenfalls in der Robotik forschende Student nimmt den kleinen Bruder mit in sein Uni-Labor, ein Biotop für hochtalentierte Nerds beiderlei Geschlechts. Hiro ist begeistert und bewirbt sich mit einer Erfindung um einen Studienplatz: mit telepathisch zu steuernden Mikrobots, die sich umgehend zu jeder gedachten stabilen Form verbinden.

Pflegeroboter als Diagnostiker und Therapeut

Welche Begehrlichkeiten er damit weckt, ahnt Hiro nicht – Tadeshi verliert infolge eines Anschlags, bei dem die Mikrobots gestohlen werden, sein Leben. Derart allein gelassen, isoliert sich Hiro von allem und jedem. Ihm zur Seite steht allerdings das Vermächtnis Tadeshis: der Pflegeroboter Baymax. Der sich selbst aufblasende Vinyl-Helfer, der äußerlich dem Michelin-Männchen gleicht, ist gleichermaßen Diagnostiker und Therapeut, programmiert auf Hiros Wohlergehen.

Ist der Junge von dem naiven, kartoffeligen, sprachlich wenig elaboraten und vollkommen uncoolen Soft-Roboter zunächst wenig angetan, schafft dieser es mit gutmütiger Beharrlichkeit, Hiro aus der Reserve zu locken. Was reale Entwickler von Pflegerobotern stets in Abrede stellen, nämlich dass Roboter emotionale Zuwendung von Menschen ersetzen können und sollen, geschieht hier auf zauberhafteste Weise. Wie schon Wall-E bewies: Roboter können die besseren Menschen sein. So einen braucht jeder! Der hoffnungsfrohe Blick in den Disney-Store birgt allerdings eine Enttäuschung …

Showdown ist schwächster erzählerischer Moment

Indes, jeder Charakter ist zu korrumpieren, und Hiro programmiert den grundguten Baymax zu einem rücksichtslosen Kampfroboter um. Gemeinsam mit ihm und Tadeshis Freunden wird der Geläuterte dem Bösen letztlich das Handwerk legen.

Dieser superheldische Mega-Showdown ist der schwächste erzählerische Moment des insgesamt großartig animierten Films. Köstlich etwa das Torkeln des vergleichsweise masselosen Baymax, wenn dessen Akkus schwächer werden, beeindruckend die Sensibilität des Klops. Nach dem auf weibliche Charaktere fokussierten Mega-Erfolg „Die Eiskönigin“ gelingt Disney mit seiner lose auf der Marvel-Comic-Serie „Big Hero 6“ basierenden Verfilmung eine ansehnliche männliche Coming-of-Age-Geschichte.