Wim Wenders ist zurück – auch im Spielfilmgeschäft. Zuletzt hatte er sich auf Dokumentarfilme konzentriert. Nach dem Welterfolg des Musikfilms „Buena Vista Social Club“ folgten die Tanzdoku „Pina“ und „Salz der Erde“. Der Film über den Fotografen Sebastião Salgado ist sogar für einen der in zehn Tagen fälligen Oscars nominiert.

Mit Spielfilmen aber hatte der 69-Jährige zuletzt eine weniger glückliche Hand. Die spritzigste Rolle in seinem letzten, „Palermo Shooting“, hatte bezeichnenderweise der Tod, figürlich auftretend wie im Barock und ganz passend zum Drehort Palermo. Gespielt von einem kalkweiß geschminkten Dennis Hopper, beklagte der Sensenmann seinen miserablen Ruf in der Welt.

Der Tod – zum Glück nicht mehr sicht-, sondern nur noch spürbar – hat im neuen Film seinen schrecklichen Auftritt gleich zu Beginn. Er holt sich einen kleinen Jungen in einer absurd unglücklichen Szene. In einer ziemlich menschenleeren, verschneiten Gegend Québecs fährt dem Schriftsteller Tomas (James Franco) ein Kind mit dem Schlitten genau vor das Auto. Doppelt absurd: Tomas sieht erleichtert, dass ihm gar nichts passiert ist. Der Kleine steht lediglich unter Schock. Erleichtert bringt Tomas ihn zu seiner Mutter (Charlotte Gainsbourg) ins nahe, einsame Haus. Dort stellt sich sofort heraus: Es war noch ein zweites Kind auf dem Schlitten…

Das ist die einzige wirklich dramatische Szene des Films. Wim Wenders ist ganz der alte: Der Rest des zweistündigen Films schildert die elf Jahre, die es braucht, bis die Schuld, die rechtlich gar nicht besteht, vergeben ist. Und das ist überaus spannend, obwohl nur ziemlich leise vor sich hin geredet und oft auch nur geschwiegen wird.

Als erstes zerbricht die ohnehin ziemlich verquälte Beziehung zu Tomas’ Freundin. Viel interessanter ist die zu Kate, der Mutter des toten Kindes. Tomas zieht es immer wieder zum Ort des Unglücks zurück. Beim ersten Mal steht er unschlüssig an der Straße vor dem einsamen Holzhaus, als Kate aus einem Feldweg um die Ecke kommt.

Untypische Nutzung von 3D

Jetzt kommt ins Spiel, was einen großen Teil des Reizes von „Every Thing Will Be Fine“ ausmacht: 3D. Es ist das erste Mal, dass 3D, üblicherweise zum Tuning von Actionspektakeln verwendet, in einem derart ruhigen Familienfilm zum Einsatz kommt. Erst geht einem das wie immer gehörig auf den Wecker: die Schneeflocken so aufdringlich nah, dass einem fast die Wimpern zu klappern beginnen; der Dreck auf den Fensterscheiben so plastisch, als hätte das menschliche Auge nicht eigens gelernt, gnädig darüber hinwegzusehen. All das kennt man. Aber vor allem benutzen Wenders und sein Kameramann Benoît Debie 3D, um den Menschen zu isolieren, ihn in einer auch physisch spürbaren Einsamkeit zu zeigen.

Als also Charlotte Gainsbourg um die Ecke kommt und damit der Moment eingetreten ist, vor dem sich Tomas am meisten fürchtet, steht sie plötzlich in einer Präsenz vor ihm, die wirklich bestürzend ist. Sie ist – in aller Stille – aus ihrer Umgebung herauskatapultiert worden. Sie steht so allein vor ihm, wie man nur allein sein kann.

Dass die Kamera ein Objekt isolieren kann, ist nichts Neues. Schon immer hat man mittels Tiefenschärfe beispielsweise ein Gesicht fokussiert und den Rest in Unschärfe gelassen. Hier aber schickt Wenders mittels 3D seine Darsteller aus ihrer Umgebung hinaus in die vorderste Bildebene wie in ein existenzielles Exil. Ersichtlich sind sie der Welt abhanden gekommen. Wie sie wieder hinein finden, davon handelt „Every Thing Will Be Fine“.

Ähnlich seinen frühen Filmen, ist die Unfähigkeit, mit Worten zueinander zu finden, auch hier Wenders’ zentrales Thema. Und wieder liegt deshalb die ganze Last auf den Bildern. Großartig, wie in einem nächtlichen Telefongespräch, in dem Kate und Tomas lange schweigen und man im Hintergrund nur den jetzt bruderlosen Christopher husten hört, Kamera und Lichtregie für Zusammenhang sorgen.

Und wieder werfen die Frauen den Männern vor, den Mund nicht aufzukriegen, Gefühle nicht zeigen zu können, sich einzuigeln. Nur dass diesmal statt der traurigen Lisa Kreutzer, die sich sich vor vierzig Jahren im „Amerikanischen Freund“ mit Bruno Ganz abmühen musste, nun Rachel McAdams und Marie-Josée Croze versuchen, aus dem vergrübelten Tomas einen Menschen zu machen, mit dem man zusammenleben kann.

Fernab des Kitsches

Aber diesmal geht Wenders einen Schritt weiter, laviert die Geschichte geschickt zwischen den Fallen des Kitsches und des Beifalls aus der Männergruppe hindurch. Nein, Täter und Opfer fangen nichts miteinander an; nein, Tomas’ Versuch, es ein zweites Mal mit einem trauten Heim zu versuchen, endet nicht dramatisch. Alles geht den langsamen Gang des Vergessens. Bis der inzwischen sechzehn Jahre alte Christopher beginnt, elf Jahre nach dem Unfall die Sache noch einmal gründlich aufzumischen.

Mit „Every Thing Will Be Fine“ hat Wenders zur alten Form zurückgefunden. In seinen besten Filmen hatte er seine Geschichten durchs Nadelöhr einer strengen visuellen Konzeption gefädelt: Für „Im Lauf der Zeit“ sollte das Zonenrandgebiet aussehen wie Amerika zur Depressionszeit auf den Bildern von Walker Evans; den Film „Der Amerikanische Freund“ komponierte er auf den Farben Blau und Rot; für „Land of Plenty“ quälte er das Ausgangsmaterial einer simplen Digitalkamera auf extremes Cinemascopeformat hoch. Und jetzt das intime Erzählen in 3D.

Durch 3D in hyperreale Nähe gebracht, können sich die Darsteller auf sparsamste Mittel konzentrieren. Jeder Gesichtsmuskel zählt. James Franco macht das ganz fabelhaft, Charlotte Gainsbourg sowieso, aber auch der achtzehnjährige Robert Naylor mit seinen pubertär verbeulten, herrlich zugelöteten Gesichtszügen. Er versucht zu reden. Als er damit kein Gehör findet, pinkelt er ins Bett. Aber nicht in seins. Großartig.

Every Thing Will Be Fine: 11. 2.: 13 Uhr, Zoopalast; 13. 2.: 21.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.