Eine Mopshündin mampft am Mittsommermorgen – irgendwann um 1885 – von ihrem Porzellannapf in der Küche eines irischen Herrenhauses. Gift steckt im Futter. Sie hat sich mit Nachbars Köter eingelassen; Bastarde würde sie zur Welt bringen. Da verfügt Fräulein Julie, die Baroness mit Klassenstandpunkt, die gefallene Möpsin zu entsorgen. Später wird ein Kanarienvogel beim Weg aus dem Käfig nicht die Freiheit finden, sondern das Hackmesser treffen.

Kenner von August Strindbergs 1888 vollendetem Drama „Fräulein Julie“ wissen, dass der Vogel als Prophet auftritt, genau wie vorher der Mops. Auch in Liv Ullmanns Neuverfilmung verkünden die Tiere: Es geht dem Menschen wie dem Vieh, wie dies stirbt, so stirbt er auch.

Die Gewalt gegen Tiere ist fast die einzig sichtbare in diesem langen, fesselnden Drama der Gesichter und Worte, wo man zwischen Schönheit und Entsetzen die Zeit vergisst. Sogar der Beischlaf des Kammerdieners John mit der Baroness Julie, jene Beschmutzung der Klassenreinheit, bleibt unsichtbar. Man sieht nur hernach den Irrsinn im Gesicht von Jessica Chastain und den Rücken von Colin Farrell, der in ebensolchem Irrsinn mit einem Waschlappen auf der Höhe seines Hosenstalls hantiert.

Demütigungen und Geständnisse

In der Mittsommernacht zwang die junge, noch unverheiratete Baroness den Kammerdiener, der mit der Köchin verlobt ist, zu tanzen. Als er sich weigerte, demütigte sie ihn. Die Demütigungen mündeten in Geständnisse. Nun wanken die alten Hierarchien von Klasse und Geschlecht. Liv Ullmann erzählt das mit drei Darstellern, die allesamt Virtuosen der Nuance sind.

Samantha Morton als Köchin Kathleen steckt stramm im Kostüm. Man sieht, wie das Korsett sie einschnürt und ihr zugleich Halt gibt. Die wächserne Haut um ihre grauen Augen zuckt vor Angst um ihre moralische Unversehrtheit. Sie weiß: Nur ihr Beharren auf dem Dienerrang schützt sie vor dem Zugriff der Herrin auf ihr Privatleben. Die Grenzen von Stand und Religion sind ihr Damm gegen die Zumutungen sozialer Drift. Jessica Chastain als Julie trägt den blauen Samt ihres Kleides wie eine zweite Haut. Nichts schnürt sie ein, nichts gibt ihr Halt.

Sie ist eine raffinierte Seele mit Knacks. Ungeliebt fühlt sie sich und eingesperrt von ihrem reichen Vater. Der Rest von Lebensgestaltung erschöpft sich darin, Diener zu schikanieren. Der Thriller-Star Colin Farrell ist der Charakterrolle des John gewachsen: Bildung und Weltgewandtheit liegen bei diesem Mann nur als Firnis über einer sexuellen Energie, die Herrschaft und sozialen Aufstieg will. Seine Sensibilität macht ihn empfänglich für Kränkungen, die seinen Ehrgeiz anstacheln.

Hommage an Bergman

Der Kameramann Mikhail Krichman erfasst alles in Porträts: Gesichter spiegeln das Gesprochene und berechnen dessen Wirkung auf ein Gegenüber, so wie die Worte die Sicht der Sprechenden spiegeln auf die Welt des Anderen, die ihnen unzugänglich bleibt – die Welt von Mann und Frau, von Herrin und Knecht, deren Machtgefälle Strindberg gekreuzt hat.

Liv Ullmann ist als Schauspielerin zum Star geworden durch die Filme des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman, mit dem sie auch privat ein Paar war. Als Regisseurin macht sie nun „Fräulein Julie“ zur Hommage an ihn. Im Prolog lässt sie die kleine Julie mit Puppen spielen und im einsamen Haus nach der abwesenden Mutter rufen. Dazu hört man Kammermusik von Franz Schubert. So spiegelt sie den Anfang von Bergmans „Fanny und Alexander“. Dort spielte der kleine Alexander mit dem Puppentheater und rief im großen, einsamen Haus nach seiner Familie. Dazu hörte man Kammermusik von Robert Schumann.

Das Interieur in Ullmanns „Fräulein Julie“ zeigt anfangs rote Wände mit weißen Simsen und Türzargen. Rote Wände mit weißen Simsen und Türzargen beherrschten Bergmans Film „Schreie und Flüstern“, in dem Ullmann 1972 eine Hauptrolle spielte. Schaut man schließlich in das sommersprossige, blauäugige Gesicht der rothaarigen Jessica Chastain und erinnert sich an die frühen Filme der rothaarigen, sommersprossigen, blauäugigen Liv Ullmann, so scheint es, als habe die Regisseurin sich in der Hauptrolle selbst besetzt, ohne selbst zu spielen.

Eiin Bild vom schönen Tod

„Fräulein Julie“ ist Liv Ullmanns Selbstbehauptung als Autorin, ohne die Welt ihres Vorbilds Ingmar Bergman zu zerstören. Wo Bergman allerdings seinen eigenen Stil prägte, zitiert Ullmann eher, wenn auch kenntnisreich und meisterlich. Ihr Film endet mit der freien Nachstellung des Gemäldes „Ophelia“ des Malers John Everett Millais – ein blumenreiches Bild vom schönen Tod. Nur führt die Schönheit auf falsche Fährten, genau wie die Musik von Chopin, Schubert, Schumann und Anton Arenskij im Film. Sie ist kein reales Paradies, sondern war schon immer Entschädigung für Verzicht und Grausamkeit. Indem Ullmann Schönheit und Schrecken so weise ins Verhältnis setzt, setzt sie unseren romantischen Blick auf die Vergangenheit gleich mit jenem irrigen des Dieners auf die Welt seiner Herrin. Und: Wer diese Schönheit als falsche Illusion zerstört, wird dadurch nicht glücklicher.