Was ist nur aus James Bond geworden! Einst ging dieser Agent im Auftrag Ihrer Majestät seinem Job ohne jeden Anflug von Grübelei nach. Zügig merzte er das Böse in der Welt aus und hatte zwischendurch immer noch Zeit für unzählige Affären und diesen oder jenen Wodka-Martini. Tadellos gekleidet genoss Bond bei gleichzeitiger Pflichterfüllung das Leben. Nach durchschnittlich 110 Kinominuten war der Fall erledigt, und der Zuschauer schritt beschwingt nach Hause. Jedenfalls verhielt sich das in den 1960er- bis 1980er-Jahren meist so.

Doch das war einmal. Heute muss sich James Bond zwar auch mit Schurken, aber mehr noch mit den Schatten seiner Kindheit herumschlagen. Wie man spätestens seit dem 23. Bond-Film „Skyfall“ weiß, wurde der kleine James im Alter von elf Jahren Waise und einem Vormund anvertraut, der einen leiblichen Sohn einbrachte in die Ersatzvater-Beziehung zum späteren 007. Und da die Vergangenheit nie vergangen ist, darf Bond längst auch kein Womanizer mehr sein, sondern trauert seiner großen Liebe, Vesper Lynd, nach. Statt eines Wodka-Martini wird ihm ein profanes Bier angeboten. Oder schlimmer noch: ein probiotischer Enzym-Verdauungstrank. So geschieht es im neuen Bond-Film.

Probleme, Probleme

„Spectre“ ist 148 Minuten lang und von düsterem Pathos gesättigt. Viel hat sich verändert seit dem ersten Kinoauftritt des vom britischen Schriftsteller Ian Fleming erfundenen Top-Agenten in „007 jagt Dr. No“ (1962). Mit den Zeiten wandeln sich natürlich auch die Charaktere. Dennoch fragt man sich angesichts von „Spectre“: Will man sich wirklich für einen Helden begeistern, der sich als problembeladener Mensch gar nicht mehr so sehr von einem selbst unterscheidet, mal abgesehen von seinem Beruf?

Die Antwort fällt nicht gerade zugunsten des 24. Bond-Abenteuers aus. Dabei wirkt der Beginn recht rasant. „Spectre“ beginnt mit der gut fünfzehnminütigen Sequenz eines Volksfestes in Mexiko- Sradt: Mit einem opulenten Massenumzug wird der „Tag der Toten“ begangen, an dem in Mexiko der Verstorbenen gedacht wird; die Menschen sind entsprechend kostümiert. James Bond, zum vierten Mal von Daniel Craig gespielt, ist passend als Skelett verkleidet. Doch selbstredend ist 007 nicht wegen des „Día de los Muertos“ in der lateinamerikanischen Mega-City; er will vielmehr einen Terroranschlag vereiteln, was ihm auch gelingt und wobei natürlich einiges kaputt geht, etwa ein paar Häuser und ein Hubschrauber. Action schafft nun einmal Unordnung.

Doch nicht nur deswegen wird Bond nach seiner Rückkehr ins Londoner Hauptquartier des MI-6 überraschend gerügt von einem übergeordneten Bürokraten. Max Denbeigh (Andrew Scott), „C“ genannt, soll den britischen Geheimdienst umstrukturieren und in ein neues internationales Center for National Security (CNS) überführen. Außerdem will er alle Doppel-Null-Agenten durch Drohnen ersetzen. Wie nun jeder weiß, bedeutet Restrukturierung immer auch den Verlust von Arbeitsplätzen. Der Spezialfachkraft Bond droht also im schlimmsten Fall Erwerbslosigkeit, und gleich bei der ersten Begegnung wird 007 gedemütigt, als „C“ ihn „einen Angestellten“ nennt.

Das geht gar nicht. Also mopst der Aufklärungsveteran lässig den Aston Martin aus Q’s Asservatenkeller, während Denbeigh sofort als klassischer Typus des skrupellosen Karrieristen missfällt. Außerdem beansprucht das CNS Kompetenzen, die den Prinzipien der Demokratie zutiefst widersprechen. Alle Bond-Filme thematisierten die Bedrohungen ihrer Zeit, doch der Evaluierungs- wie Modernisierungswahn ist inzwischen fast ein Grundmotiv von Agentenfilmen (siehe „Mission: Impossible – Rogue Nation“). Bereits in „Skyfall“ drohte eine Teilauflösung des MI-6. In „Spectre“ geht es nun um globale Überwachung durch eine Geheimgesellschaft, die weltweit Anschläge verüben lässt, um die Weltmacht an sich zu werden. Ihr Name ist der Titel des neuen Bond-Films.

Nano-Blut

Zur Premiere hat der Regisseur Sam Mendes erklärt: War „Skyfall“ ein Film nach Julian Assange und Wikileaks, so ist „Spectre“ nun einer nach Edward Snowden samt NSA-Skandal. Bond wird beispielsweise sogenanntes Smartblood injiziert, Nano-Partikel, die dem „Big Brother“ Denbeigh anzeigen, wo sich 007 gerade aufhält. Weniger realfuturistisch ist die Geschichte, die Craigs Bond fortschreibt: Gute, alte gegen schöne, neue Welt.

Ehrliches Töten mit der Lizenz, auch mal jemanden am Leben zu lassen, gegen serielle Mord-Technik. Gute, alte Kollegensolidarität gegen totalkorrupten Neoliberalismus. M (Ralph Fiennes), Q (Ben Wishaw) und Moneypenny (Naomie Harris) halten wacker zu Bond und werden dafür mit den besten Auftritten im Film belohnt. Christoph Waltz bleibt als Haupt der Loge „Spectre“ lange im Schatten: ein Phantom, das sich logischerweise als Psychopath entpuppt. Doch wie satt hat man das dauer-maliziöse Spiel von Waltz inzwischen! Auch Léa Seydoux wirkt nuancenlos als Bonds schutzbefohlene Madeleine Swann. Immerhin erfreut Monica Bellucci (51) als ältestes Bond-Girl der Geschichte.

„Spectre“ ist der bislang teuerste, längste und düsterste, aber auch langatmigste „Bond“. Übrigens steckt er voller Referenzen an all die vorherigen Bond-Filme – was einen ungewollt traurig macht. Wie beschwingt verließ man doch früher das Kino!