Am Sparkassenschalter einen Geldschein aus der Hand einer freundlichen Angestellten zu empfangen – gibt es das überhaupt noch? Wer Glück hat wird – sofern Personal sichtbar anwesend ist – an einen Automaten begleitet, wo man der Kundschaft 80 plus das kleine Einmaleins der Bedienung erklärt.

Viele Fragen bleiben offen

Aber immer häufiger lese ich Nachrichten von der ungewissen Zukunft der Scheine und Münzen. Das bargeldlose Zeitalter wird als unabwendbar prophezeit und seit einigen Wochen kennt sogar die Parallelwelt der „Kryptowährungen“ jenseits von Bitcoin einen neuen Begriff: Libra. Das klingt irgendwie nach Freiheit. Fragt sich nur für wen, wenn ich mir die Liste der bislang 28 Gründer einer in Genf ansässigen Libra Association ansehe: der Fahrdienst Uber, der Schrecken der Taxifahrer, der Internetmarktplatz Ebay, dessen Segnungen so manchen alteingesessenen Händler um die Existenz gebracht haben, Mastercard und Visa, die als seriöse Partner erscheinen, assistiert vom Online-Zahlungsdienst Paypal. Nicht zu vergessen: Facebook, dessen 2,4 Milliarden potenzielle Nutzer aus der neuen Digitalwährung ein globales Banksystem entstehen lassen sollen. Mark Zuckerberg hat eigens dafür die Tochtergesellschaft Calibra gründen lassen, damit auch Menschen, die über kein Bankkonto verfügen, weltweit Zahlungen ohne Überweisungsgebühren vornehmen können. Der Versand der Währung Libra funktioniere über jedes Smartphone und sei mit so gut wie keinen Kosten verbunden, so einfach wie der Versand einer Textnachricht. Schöne neue Libra-Welt.

Fragt man danach, wie Facebook, bekannt für seinen lockeren Umgang mit der Weitergabe persönlicher Daten, die die Nutzer großzügig zur Verfügung stellen, als Finanzdienstleiter mit dem Datenschutz seiner Kunden verfahren wird, bekommt man natürlich nur die besten Absichten übermittelt. Auf die Nachfrage, ob erworbene Libra wieder in eingezahlte Dollar, Euro oder andere Währungen aus aller Welt garantiert zurückerstattet werden („einklagbarer Rückzahlungsanspruch“) gab es bisher keine verbindlichen Antworten. Da aber der Wert der Libra an klassische Währungen gekoppelt sein soll, suggeriert sie zumindest eine gewisse Stabilität. Staatsanleihen und Bankeneinlagen, die beteiligte Unternehmen in der Schweizer Zentrale hinterlegen müssen, dienen als Sicherheit.

Libra hat auch entschiedene Kritiker

Das Ganze scheint wohlkalkuliert. Milliarden Nutzer müssen nur noch überzeugt werden, Facebook und Co. bis zum Start im nächsten Jahr ihr Vertrauen und all ihre Daten zu schenken. Dazu zählen Kaufverhalten, sozialer Status, bevorzugte Haustiere und was man sich so vorstellen kann, um ein Kundenprofil der Weltbevölkerung anzulegen. Hinzu kommen Hunderte Millionen Passfotos, die Facebook-Freunde über die neue FaceApp abliefern, damit sie auf zentralen Servern gespeichert werden können. Zur Belohnung bekommt man sein Konterfei bearbeitet zurück und kann sich daran erfreuen oder davor erschrecken, wie man in 20 Jahren aussehen wird.

Orwell ist postum nicht zu beneiden – so weit konnte seine Fantasie nicht reichen.

Doch die Libra-Erfinder sollten ihre Gegner nicht unterschätzen. Twitter-Donald droht mit Bankenregulierung, denn es gebe in den USA nur den Dollar, das sei die dominierende Währung in der Welt. Warnende Töne kommen auch von der Federal Reserve. Wird das die neuen Digital-Kapitalisten sonderlich beeindrucken?