Im Abgeordnetenbüro von Simone Barrientos hängt Malerei ihres Sohnes Robert Lange an den Wänden, auf die sie nicht ohne Stolz hinweist. Sie trägt wie immer Schwarz, Weiß und Rot, diesmal sind die Stiefel das Rote; sie raucht E-Zigarette und springt beim Sprechen immer wieder auf. Zu Hause in Bayern ist der Wahlkampf im Endspurt, hier in Berlin beginnt die Sitzungswoche. Simone Barrientos redet viel und schnell, wagt sich umstandslos ins Offene, kokettiert ein wenig mit ihrem Mangel an Politikerfahrung, aber man muss sich keine Sorgen machen: Diese Frau kommt klar.

Frau Barrientos, welches Kunsterlebnis hat Sie zuletzt berührt?

Negativ der Abbau des Obelisken von Olu Oguibe in Kassel. Da dachte ich: Geht’s noch?

Das war ja eine politische Aktion. Was hat Sie künstlerisch berührt?

Puh, man ist so tief in der Politik, dass man kaum noch der Kunst begegnet… Aber von Büchern ganz klar „Das hohe Haus“ von Roger Willemsen. Das hatte ich mal im Plenum dabei, und da gab es gleich eine Beschwerdemail an unseren Fraktionsvorstand, dass da eine Abgeordnete sitzt und einen Roman liest. Neulich habe ich auch noch mal selbst Kunst gemacht und bin hier in Berlin in einer Hommage an den chilenischen Sänger Victor Jara aufgetreten. Mit dessen Liedern aus der Bewegung des Nueva Canción bin ich aufgewachsen, bei meiner Mutter standen Gedichte von Pablo Neruda im Regal, damit habe ich Spanisch gelernt.

Ihre Mutter ist Chilenin?

Nein, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Serbe, mein Name ist mir zugeflogen... Ich bin in einer Ostprovinzstadt aufgewachsen als Theaterkind, war in einem katholischen Kinderheim, wenn meine Mutter auf Tournee war, und dann hat sie sich auch noch dazu entschieden, lesbisch zu leben. Ich habe mich immer anders gefühlt. Das hat mir ein Stück Narrenfreiheit verschafft, aber es hat auch einsam gemacht. Ich kannte meinen Vater nicht, ich habe ihn erst vor sechs Jahren kennengelernt. Und da habe ich mir in der spanischen Sprache eine Heimat gesucht, in der ich nicht mehr anders war.

Kunst ist für Sie ein Transportmittel?

Mit Sicherheit. Aber nicht nur, um etwas nach außen zu transportieren, sondern auch, um etwas in sich hineinzulassen, durch sich hindurchzulassen.

Als Kulturschaffende sind Sie im Kulturausschuss des Bundestags eine Exotin. Wie fühlt sich das an?

Dadurch, dass ich aus dem Bereich komme, werde ich sehr ernst genommen, solange die Themen nicht zu politisch sind. Aber auch Elisabeth Motschmann von der CDU hat einen Sohn, der Komponist ist. Und Erhard Grundl von Bündnis 90/Die Grünen kommt aus der freien Musikszene. Da sitzen also nicht nur welche, die keine Ahnung haben. Und die anderen sind zumindest aufgeschlossen.

Schade, dass die Sitzungen nicht öffentlich sind.

Ja, wirklich! Aber an uns liegt es nicht. Mein Highlight ist immer, wenn Frau Motschmann der AfD erklärt, dass wir noch etwas für die Gleichstellung tun müssen, und Frau Grütters gleichzeitig davor warnt, durch Gleichstellungsmaßnahmen die Freiheit der Kunst zu beschneiden. Was absurd ist, weil es ja darum geht, Freiheit herzustellen.

In einer kleinen Anfrage an Monika Grütters haben Sie im Juni die Umsetzung versprochener Gleichstellungsbemühungen im Bereich Kultur und Medien angemahnt und die Antwort der Staatsministerin bekommen, dass da jetzt nichts mehr geschieht. Was folgt daraus jetzt?

Unmittelbar nichts. Aber ich werde in anderen Parteien Anschlussstellen suchen und als Opposition weiter in dieser Richtung bohren. Die Rahmenbedingungen müssen für Künstlerinnen und Künstler so gestaltet werden, dass sie zu den öffentlichen Ressourcen gleichermaßen Zugang haben und davon auch leben können.

Sie fordern einen deutlichen Nachschlag für die sechs Bundeskulturförderfonds. Dabei wurde deren Budget dieses Jahr ja schon um fünf Millionen Euro erhöht. Reicht das nicht?

Nein. Das ist zu wenig, und zudem wird dieses Geld, das in der Haushaltsbereinigungssitzung noch zugeschlagen wurde, nicht automatisch Teil des Haushaltes im nächsten Jahr. Die Budgets sind wegen dieses Nachtrags also nicht generell erhöht worden. Die Fonds können ihre Strukturen nicht ausbauen.

Bundesförderung ist doch ohnehin nur das Bonbon der Kulturförderung in Deutschland. Die basale Förderung findet in den Ländern statt. Kultur ist Ländersache.

Es gibt aber so viel mehr Projekte, die gefördert werden wollen, als es Möglichkeiten der Förderung gibt! Und der Bund könnte helfen, wenn er helfen dürfte. Stichwort: Staatsziel Kultur. Wir müssen Kulturförderung gesetzlich verankern. Und das muss so gestaltet werden, dass sich die Länder nicht aus der Verantwortung zurückziehen und der Bund nicht unbotmäßig Einfluss nimmt. Derzeit fließt das vorhandene Bundesgeld vor allem in so einen Koloss wie das Humboldt-Forum, während sich die Künstler und Künstlerinnen nur um Brosamen bewerben können.

Apropos bewerben. Sie treten für eine Entbürokratisierung des Förderwesens ein. Wie könnte die aussehen? Der Falle der Zuwendungsrechtes entkäme man unter Umständen durch Werkverträge. Aber dann wäre der Staat ein Auftraggeber.

Was wäre das Problem? Der Kunstbeirat des Bundestags beauftragt doch auch Kunst. Warum sollte das nicht so gehen? Diese Kultur der Rechenschaftslegung in der Förderung freier Künstler ist jedenfalls nicht akzeptabel. Die sollen Kunst machen.

Und „davon leben können“. Was schwebt Ihnen da vor? Das bedingungslose Grundeinkommen wird von Ihrer Partei ja nicht angestrebt.

Ja, das diskutieren wir noch... Ich glaube auch nicht, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle braucht. Aber ich glaube, dass es eine sanktionslose Grundsicherung für jeden geben sollte, der sie braucht. Die einzige Bedingung ist, dass man nicht erwerbstätig ist. Sonst wäre es eine Subventionierung von Billigjobs. Und da will ich nicht hin. Aber Schriftsteller und Maler müssen auch während des Schaffensprozesses leben. Wenn sie Erfolg haben, brauchen sie keine Grundsicherung mehr. Und wenn nicht, dann eben doch. Wobei Erfolg in diesen Biografien ja nicht an Geld zu messen ist.

Unter solchen Umständen würden vielleicht ganz viele Menschen Künstler sein wollen. Wen zählte man dazu?

Auf jeden Fall all diejenigen, die eine Kunsthochschule absolviert haben. Wer da ein Diplom hat, müsste sowieso sofort Zugang zur Künstlersozialkasse bekommen. Und dann gibt es natürlich Autodidakten, aber auch die haben irgendwann etwas vorzuweisen. Das wird man ja wohl regeln können!

Wie hoch würden Sie die Grundsicherung ansetzen?

Ein Schriftsteller braucht einen Schreibtisch, ein Maler ein Atelier. Das muss individuell entschieden werden.

Gerecht ist nicht, wenn nicht jeder das Gleiche bekommt, sondern das, was er braucht?

Genau.