Berlin - Das Oberverwaltungsgericht in Münster hat in der letzten Woche entschieden, dass das Schreddern von 40 Millionen männlichen Küken pro Jahr in Ordnung geht. Die Aufzucht dieser für die Eierwirtschaft nutzlosen Lebewesen würde sehr viel Geld kosten, die Profite vermindern und den Eierpreis erhöhen. Damit liegt nach Ansicht des Gerichts jener „vernünftige Grund“ vor, ohne den ein Wirbeltier nicht getötet werden darf. Verantwortlich dafür ist: der Konsument.

Ich will dieses Argument nicht mehr hören. Der Konsument ist nicht schuld und nicht verantwortlich für dieses Schlachten. Um einmal drastisch zu illustrieren, was Verantwortung ist: Der Konsument wirft kein Küken in den Schredder, der Konsument hat sich das Nutzenkalkül der Legebatterien nicht ausgedacht und betreibt sie auch nicht.

Wer hat die Verantwortung für das Kükenschreddern?

Verantwortung findet sich trivialerweise an diesen Stellen, denn Verantwortung heißt auch: Würden diese Personen mal etwas wie Verantwortung empfinden, würden sich die Verhältnisse sofort ändern. Der Endverbraucher ist nicht dafür zur Verantwortung zu ziehen, was am Anfang der Wertschöpfung geschieht, und weitgehend wirkungslos ist, was „der Konsument“ tun kann: Bio- oder gar keine Eier kaufen. Was oder wer auch immer „der Konsument“ ist – er ist ein Einzelner, auch wenn immer mehr Menschen aufs „Bio“-Label achten. „Immer mehr“ fällt aber immer noch nicht ins Gewicht.

Gott sei Dank!, rufen die Schlachterei-Betreiber und Produzenten des ganzen Schrotts, der uns in Massen angedreht werden soll. Gott sei Dank!, rufen sie insgeheim, während sie nach außen mit Dackelblick behaupten, „der Konsument“ sei schuld.

Entlastung des Konsumenten

„Hätte ich die Leute gefragt, was sie wollen, hätten sie gesagt: ein schnelleres Pferd“, lautet ein schlagender Satz von Henry Ford. Es ist ein Satz, der den visionären Unternehmer charakterisiert – aber eben auch „den Konsumenten“ entlastet. Er hat das nicht gewollt. „Der Konsument“ greift nach dem, was ihm angeboten wird. Er hat seiner Natur nach kein Problem damit, nur ein Mal pro Woche Fleisch zu essen, er hat nicht danach verlangt, auf jedem S- und U-Bahnsteig Brötchen mit wie auch immer tierischem Belag – Käse, Ei, Wurst, Schinken – kaufen zu können. Bekanntlich wird ein großer Teil von dem Zeug ohnehin wieder weggeschmissen und wurde somit am Bedarf vorbei produziert, am Bedarf vorbei gezüchtet, gequält, getötet.

Die Idee vom homo oeconomicus, der immer auf seinen Vorteil achtet, ist eine kranke Reduktion, aber warum sollte „der Konsument“ sich nicht das T-Shirt für 3,99 Euro greifen? Das bedeutet ja nicht, dass er es so billig haben wollte. Und wenn ihm ein Bankberater plötzlich Renditen in Aussicht stellt, die über dem Durchschnitt liegen: Wer wäre er, da nicht zuzugreifen?

Doch dann, wenn investigative Journalisten oder der harte kalte Crash aufdecken, dass all das Lug und Trug, Kriminalität oder sonstwie ethisch indiskutabel ist, dann spielen Produzenten und Anbieter den Ball zurück und beklagen die Gier, den Geiz, die Vorteilsnahme „des Konsumenten“: Nur der hat sie ja dazu getrieben, die Küken zu schreddern, die Näherinnen zu Sklavenlöhnen zu beschäftigen, undurchschaubare und unbeherrschbare Finanzprodukte zu entwerfen – so greint der Anbieter und hat selber bereits gierig, geizig und jeden Vorteil mitnehmend seinen Schnitt gemacht.

Wo bleiben die Klagen?

In den USA sorgen Produkthaftungsklagen für Heiterkeit und Erstaunen – Schadensersatz für übers Bein gekippten Kaffee und ähnlich alberne Dinge. Aber wo bleiben die Klagen angesichts von ethisch unhaltbaren Produkten? Dass der Kaffee heiß und eine Gefahr für die Haut ist: trivial. Dass Rauchen Krebs verursachen kann: auch schon länger bekannt. Unter welchen Umständen jedoch Fleisch entsteht, ein billiges Shirt oder das schicke Smartphone – das musste erst einmal ans Licht gebracht werden und kommt dummerweise erst ans Licht, nachdem man sich schon daran gewöhnt hat und diese Gewöhnung ans Billige mit einem Menschenrecht verwechselt – einem Menschenrecht, das alle anderen, die einmal in einem politischen Prozess erklärt wurden, offenbar schlägt.

Denn natürlich wird es jetzt mit der Verantwortung und der Schuld doch wieder kompliziert: Wir sind jetzt Mitwisser, wir wissen um all die Sauereien. Wenn wir jetzt noch die billigen Shirts und die billigen Eier kaufen, werden wir mitschuldig und Komplizen. Aber das ist etwas anderes als Verantwortung: Selbst wenn wir es unterlassen, ändern wir nichts an der Welt, sondern beruhigen nur unser Gewissen – weiter reicht unsere Verantwortung nicht. Versuchen Sie mal, die CO2 -Bilanz zu verbessern, indem Sie nicht mehr Auto fahren! Zum Trost: Sie können so viel fahren wie Sie wollen – wegen Ihnen wandelt sich das Klima nicht.

Keine Macht, keine Verantwortung

Am schönsten wäre es, der Staat würde uns und den Unternehmen gegenüber mal wieder als Vater auftreten, wie ein Vater das Sittengesetz verkörpern und ein paar hübsche Gesetze und Regelungen erlassen – angesichts der international agierenden Wirtschaft bekanntlich sinnlos. Vater Staat steht impotent vor Mutter Wirtschaft, die die Hosen anhat und uns alle mit ihrer immer pralleren Brust füttert: Da hängen wir dran wie die unmündigen Kinder und lassen uns verwöhnen. Daraus ist eine schlimmere, weil tiefere und die ganze Gesellschaft erfassende Abhängigkeit entstanden, als die der sozial Schwachen von den staatlichen Transferleistungen.

Der Konsument hat keine Macht und daher auch keine Verantwortung. Er hat keine Macht, weil er nicht organisiert ist. Produzenten, Händler, Arbeitnehmer – alle tun sich zur Erhöhung ihrer politischen Schlagkraft zu Verbänden zusammen und arbeiten auf ihre Weise am Unheil mit. Der Konsument, dem sie die Verantwortung für die Verbesserung der Welt zugeschoben haben, ist das schwächste Glied im Wirtschaftskreislauf. Er muss die Masse, die er darstellt, auch nach außen repräsentieren lernen, in Form von Verbänden oder Genossenschaften, die seine Interessen artikulieren und den individuellen Konsum als politische Handlung verstehen. Nur dann kann er vielleicht seine Verantwortung in Macht umwandeln.