Wer schon mal im Nachtleben von St. Petersburg unterwegs war, weiß, wie aktiv und vielfältig die Clubszene der Newa-Metropole ist. Mit wie viel Kreativität historisches Gemäuer in der Innenstadt zwischengenutzt wird und wie aus alten Fabriken am Stadtrand bis weit nach Morgengrauen Techno-Beats dröhnen.

Auch jetzt ist dieses Nachtleben immer noch in vollem Gange, wer sich im Netz umschaut, findet prall gefüllte Party-Kalender, Fotos von vollen Dancefloors. Ein Freund, der gerade aus „Piter“ zurückgekehrt ist, bemerkt: „Dass dieses Land gerade einen Krieg in der Ukraine führt, davon bekommst du in den Clubs kaum etwas mit.“

Hinter den Kulissen ergibt sich jedoch ein gemischtes Bild. Denn eigentlich sind in der russischen Kreativszene viele der Akteure gegen die sogenannte Spezialoperation. „In meinem Bekanntenkreis war noch nie jemand ein Unterstützer der Regierung“, sagt Sascha Vardanian, der in Petersburg zwei Nachtclubs betreibt. „Im Grunde sind all meine Freunde oppositionell, der radikalere Teil von ihnen ist bereits ins Ausland gegangen – aber dann gibt es auch diejenigen, die zwischen dem Land und der Regierung trennen, die ihre Heimat nicht verlassen wollen.“

Politik ist ein dreckiges Geschäft

Die ersten Wochen des Krieges seien deprimierend gewesen. „Ja, wir sind auf die Straße gegangen, wir waren demonstrieren, drei Kollegen von mir wurden verhaftet.“ Doch bald darauf kehrte man zum Normalbetrieb zurück, wenngleich ohne europäische Touristen und ausländische DJs. „Die Stimmung ist nicht die gleiche wie vor dem 24. Februar. Aber ich kann auch nicht einfach schließen, ich habe 24 Angestellte, die kann ich nicht einfach nach Hause schicken.“

Politische Veranstaltungen halte er grundsätzlich aus seinen Läden draußen, „da sind wir demokratisch eingestellt. Jeder ist willkommen“. Politik sei doch immer ein dreckiges Geschäft, sagt Sascha – ein Satz, den man in den letzten Wochen häufig hört, nicht selten als Ausflucht jener, die es vorziehen, in der Öffentlichkeit nicht über den Krieg zu sprechen.

Privat
Vova und Nasstja alias Perforated Cerebral Party (PCP) bei einem Gig in St. Petersburg.

Für Perforated Cerebral Party (PCP) war dies keine Option. Das Elektro-Duo, das schon mehrfach in Berlin und beim Festival Fusion zu Gast war, hat in Russland mit seinem verlangsamten „Somatik“-Techno-Sound eine rege Künstler-Community um sich geschart – und gleich zu Beginn des Krieges die Initiative ergriffen.

„Wir hatten am 26. Februar eine Party geplant. Die haben wir nicht abgesagt, sondern daraus einen stillen Rave der Solidarität gemacht, ohne Musik, um den Menschen Raum für ihre Trauer, ihre Angst und ihren Schmerz zu geben. Eine Zeit lang standen wir alle nur schweigend auf der Tanzfläche.“

Zugleich entstand die Idee eines Anti-Kriegs-Samplers. Nur wenige Stunden nach Kriegsbeginn starteten Vova und Nasstja in sozialen Netzwerken einen Aufruf an Künstler, sich mit Musikstücken zu beteiligen. „Uns war sofort klar, was Musiker und Independent-Labels in dieser Situation tun können, um ihre Haltung zum Ausdruck zu bringen. Dieses Regime stützt sich neben der Propaganda vor allem auf die Ängste der Bürger. Wir wollten klarmachen, dass die Menschen sich nicht davon abbringen lassen sollten, diesen Krieg auch als solchen zu bezeichnen.“

Erlös an ukrainische Flüchtlingskinder

Kein einfaches Unterfangen, denn angesichts der zunehmend restriktiven Zensurgesetze hatten in der Tat viele Künstler Angst, sich zu positionieren, manche beteiligten sich nur unter Pseudonym – und andere stellten sich hinter den Regierungskurs: „Einige alte Freunde haben uns mit ihrer Pro-Kriegs-Haltung enttäuscht, zu ihnen haben wir den Kontakt abgebrochen“, sagt Nasstja. „Ein paar haben uns sogar vorgeworfen, unser Sampler würde aus Europa finanziert.“

Von vornherein stand fest, dass der Erlös von „STOP“ an ukrainische Flüchtlingskinder gehen wird. Da russische Künstler aufgrund der Sanktionen über ausländische Musikdienste keine Einnahmen mehr erhalten können, half ein befreundetes Berliner Label mit der Veröffentlichung bei Bandcamp.

Über fünfzig Stücke kamen schließlich zusammen, mit Titeln wie „Tears of War Machine“, „Song of the Dead Soldier“ oder einfach „Go out“, einige vertonten mit düsteren Elektronik-Sounds die Kriegsmaschinerie, Samples von orthodoxem Kirchengesang sind zu hören, aber auch andächtige Ambient-Kompositionen.

Ihre Anti-Kriegs-Stücke zu kommentieren, lehnen die meisten Musiker ab, zu groß ist offenbar die Sorge, mit einem falschen Wort unter das neue Fake-Gesetz zu fallen. Die Musikerin Tichaja Reka dagegen spricht offen: „Es ist wichtig, zu zeigen, dass es in Russland genügend Menschen gibt, die gegen diesen Krieg sind. Im 21. Jahrhundert müssen wir solche Konflikte einfach anders lösen, die Menschheit hat schließlich viel dringendere Probleme: Ökologie, Armut, Klimawandel, Mangel an Trinkwasser und so weiter. Stattdessen spielen die Regierenden Strategie-Spiele und ruinieren das Leben vieler Menschen.“

Die Reaktionen auf die Veröffentlichung seien überwiegend positiv, sagt Vova von PCP. „Viele haben uns geschrieben – auch aus der Ukraine – und sich dafür bedankt, dass wir nicht schweigen, sondern klar Stellung beziehen.“

Solidarität mit Skotschilenko

Ihr Engagement setzen sie fort. Ein zweiter Sampler sei bereits in Planung, und als im April die Petersburger Künstlerin Sasha Skotschilenko verhaftet wurde, weil sie in einem Supermarkt auf Preisschilder Kriegsopferzahlen geschrieben hatte, veranstalteten PCP ein Soli-Konzert, allerdings auch dies nicht ohne Hürden.

„Zuerst hat uns ein bekannter Anti-LGBT-Aktivist gedroht, mit seinen Anhängern das Konzert zu stören. Er ist zwar nicht aufgetaucht, aber kurz vor Beginn wurde unserem Tontechniker verboten, ein Mikrofon anzuschließen. Es ist absurd, dass nicht die Behörden uns eine Ansprache untersagt haben, sondern unsere eigenen Kollegen aus dem Club-Business. Einfach, weil die Angst so groß ist.“ Verhindern ließ sich die politische Botschaft an diesem Abend aber keineswegs: Auf Videos ist zu sehen, wie Hunderte Besucher in lauten Sprechchören ihre Solidarität mit Skotschilenko bekunden.

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Perforated Cerebral Party: Musik gegen den Krieg, Tanzen für die Solidarität.

In den Techno-Clubs der Stadt wird solcher Protest aber vermutlich die Ausnahme bleiben. „Clubs sind Orte, wo die Menschen die Probleme vergessen wollen, das war schon immer so und wird so bleiben“, sagt Betreiber Sascha Vardanian und erzählt anschließend die Geschichte einer Bekannten: „Sie hat die ersten vier Wochen nach Kriegsbeginn keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt. Vor lauter Kummer, sie war mit den Nerven völlig am Ende. Vor ein paar Tagen saß sie dann hier an der Bar und hat sich bedankt. Sie war glücklich, diesen Raum zu haben, wo sie sich lebendig fühlen und für ein paar Stunden an etwas anderes denken konnte als an diese Katastrophe.“

Somatik Sound System: STOP
Veröffentlichung bei Bandcamp unter:

https://somatiksoundsystem.bandcamp.com/album/stop