Goldene Neunziger: Markus Popps Markenzeichen sind kaputte CDs.

BerlinEin reifes Publikum begab sich auf eine wohlige Zeitreise in die Neunziger, als am Mittwochabend in der Berghain-Kantine der Elektronikmusiker Markus Popp alias Oval sein neuestes Album „Scis“ vorstellte, welches sich als eine hübsche Ansammlung rhythmischen Geklackers und Geschnipsels entpuppt und unter anderem an frühere Alben des Elektronikduos Mouse on Mars erinnerte – mit dessen Mitglied Jan St. Werner betrieb Popp in den Neunzigern auch das schöne Rausch-und-Klicker-Projekt Microstoria.  

Vor allem aber war Oval, Anfang der Neunziger als Trio gegründet und später von Popp allein fortgeführt, ein durchaus bahnbrechendes Projekt: Mittels Samples kaputter Digitaltechnologie wie etwa springender CDs wurden frühe Oval-Veröffentlichungen zu Wegbereiter-Werken des sogenannten Glitch-Genres, in dem digitale Knister- und Fehlerklänge zu lose rhythmischen oder auch arhythmischen Elementen umgewidmet wurden, eine Idee, die sich später, etwa in der knisterigen Welt des Glitch House, auch in der Tanzmusik wiederfand.

Elektronische Musik geprägt von Abstraktion 

Schön lässt es sich nämlich auch zu Tracks tanzen, die bei denen anstelle einer Hi-Hat ein digitales Mini-Knistern ertönt! So auch zum Teil in der Berghain-Kantine – ein Stück weit ist Popp seiner Innovation also auf die Tanzfläche gefolgt. Neben dem erläuterten Knister-Beat war auch der Drumcomputer- Schepperbeat ein prominentes Feature, ebenso zerschnipselte Stimmen und Vibrafone.

Besonders erhaben klang gegen Ende ein gesampletes Streichquartett, insbesondere die Senza-vibrato-Töne einer Geige im höheren Register setzten einen subtilen, aber dennoch deutlichen Akzent. Allerdings, wir erwähnten es bereits eingangs, waren dies, eben im Gegensatz zu Ovals Frühwerk, in ihrer maschinen-funk-haftigen Fülle eher rückblickende Klänge: Rhythmus in der elektronischen Musik funktioniert heutzutage anders, der Mut zur Lücke, zur temporalen Abstraktion, zur melancholischen Auslassung prägt vielmehr ganze Genres – von Dubstep bis HipHop oder auch in neueren Pop-Entwürfen wie etwa bei Billie Eilish.

Doch das ehrfürchtig kopfnickende Publikum, das sich aus lauter Respekt vor dem Künstler manchmal gar nicht zu applaudieren traute, war gewiss nicht in die Kantine gekommen, um sich ein Update zur Musik zu holen, die ihre Kinder gerade klasse finden, sondern erstens in ihre eigene Jugend zurückzureisen und zweitens einem hochbegabten Musiker bei der Arbeit zuzuhören. Denn Komplexität leichtfüßig zu machen, das verstehen wenige so gut wie Markus Popp, egal, ob in seinen abstrakteren Frühwerken oder heute, mit einem Richtung Tanzfläche schielenden Auge.