Die Band Corvus Corax
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BerlinEs gibt bei den Corona-Hilfen keinen Extra-Topf für Künstler und Kulturschaffende. Diese Freiberufler teilen sich mit Soloselbstständigen aus anderen Berufen die Möglichkeit, Betriebskostenzuschüsse zu beantragen – oder auf eine Form der Grundsicherung auszuweichen, die weniger Bedingungen stellt als sonst. Wer das nicht möchte und nicht das Glück hatte, in einem Bundesland zu leben, das zumindest eine Zeitlang unbürokratische Soforthilfe anbot wie Berlin, erhält momentan keinen Staatscent für die Lebenshaltung.

Nur in Baden-Württemberg hat man einen verwalterischen Weg gefunden, auch Künstler als Unternehmer anzuerkennen, wodurch sie sich dort aus dem Betriebskostenfonds ein Monatsgehalt von 1 180 Euro auszahlen dürfen. Darauf verweisend, gründete sich eine Initiative Kulturschaffender in Deutschland, die eine solche Pauschallösung für Künstler bundesweit fordert. Initiiert aus dem Kreis der Mittelalterszene, die durch das Verbot öffentlicher Veranstaltungen im Sommer besonders betroffen ist, gibt es mittlerweile über 8600 Mitzeichner aus allen künstlerischen Bereichen. Der Aufruf hat es auch schon in die Bundestagsdebatte geschafft. Wer unbedingt pauschales Geld wolle, könne das bekommen, hatte Staatsministerin Monika Grütters vor dem Kulturausschuss am Mittwoch entnervt gerufen – ihrer Ansicht nach hingegen führe man mit der Grundsicherung finanziell deutlich besser.

Ist das so? Wir haben nachgefragt.


Mirco Lehmann

Mirco Lehmann, Entertainer
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Ja, sagt Mirco Lehmann am Telefon, er gehöre zu den Mitinitiatoren der Liste der Kulturschaffenden in Deutschland. Denn als Moderator, Entertainer und schauspielerischer „Walk Act“  sei sein Arbeitsplatz die Öffentlichkeit. Und die sei ihm ja nun verwehrt. Lehmann lebt in Niedersachsen, in Schwanewede an der Grenze zu Bremen. Um diese Zeit des Jahres tritt er vor allem auf Märkten auf, auch in Hoppegarten bei Berlin war er schon.

Dazu braucht er sein Auto, das er gerade abbezahlt. Eigentlich. Jetzt wäre die letzte Rate fällig, und die Bank drängelt. Aber von den Betriebskosten aus Bundesmitteln, die er schnell bekommen hat, darf er die Rate für sein Auto nicht bezahlen. Denn das nutzt er ja auch privat. Die Option der Grundsicherung hat er noch einmal näher betrachtet, nachdem Monika Grütters so sehr dafür geworben hat. Aber auch davon könne er sein Auto nicht abbezahlen, denn die Grundsicherung darf nicht zur Wertansammlung führen. Also muss Mirco Lehmann sein Auto wohl verkaufen.

Nur, wie kommt er dann, wenn man irgendwann wieder auftreten kann, zu seinen Einsatzorten? Mirco Lehmann ist 31 Jahre alt. Seit drei Jahren ist er hauptberuflich als Entertainer tätig. Er hat nicht viele Ausgaben sagt er, er wohnt bei seinen Eltern, würde also von einem möglichen Mietzuschuss nicht profitieren. Eine pauschale Summe zur Unterstützung derjenigen, die nicht auftreten dürfen, sei ideal, sagt er. Oder die Definition von „Betriebskosten“ müsste bei der Corona-Hilfe für Künstler und Kulturschaffende so weit gefasst werden wie es für diese Berufsgruppe auch beim Finanzamt üblich ist. Es lohnt sich für ihn, das politisch auszufechten.

Denn die offizielle Definition dessen, was eine Großveranstaltung sei, stehe zwar noch aus, aber bei Mittelaltermärkten kämen locker 2000 bis 13.000 Personen zusammen. Lehmanns häufigste Rolle ist übrigens „Der Tod“. Er will den Leuten mit seiner Performance ein wenig die Angst davor nehmen. Jetzt aber könnte er dieses Programm auch im kleineren Kreis nicht spielen, „Der Tod“ macht Urlaub. Coronabedingt.

Yvonne Legetth

Yvonne Legetth, Tiertrainerin
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Natürlich habe sie Zeit, sagte Yvonne Legetth freundlich am Telefon. Sie mache ja derzeit nichts. Wie man eben so chillt mit drei Pferden, fünf Raubvögeln, drei Hunden und einem Huhn. Yvonne Legetth ist Tiertrainerin und lebt von Shows. Genauer: Sie ist studierte Tierpsychologin, Tierpflegerin, Falknerin und Tierheilpraktikerin.   Man kann auch verletzte Wildtiere zu ihrem Haus in der Nähe von Rostock bringen. Aber Geld verdient die 45-Jährige mit Auftritten bei Veranstaltungen.

Mit Flugshows oder auf ihrem Pferd. Auch beim Rokoko-Fest Schloß Friedrichsfelde im Tierpark Berlin war sie einmal vor ein paar Jahren, damals verbrachte sie die Nacht direkt neben dem Schimpansenkäfig, erinnert sie sich. Je nach Aufwand berechnet sie 500 bis 1000 Euro für einen Auftritt, für die Zeit von März bis Juni muss sie einem Einnahmeausfall von 15.000 Euro verbuchen. Den Betriebskostenzuschuss aus Bundesmitteln hat sie beantragt und bekommen, für Tierfutter, Tierarztbesuche und Impfungen darf sie ihn auch verwenden. Aber für sich selbst nicht.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat zwar inzwischen einen Schutzfonds für Kulturschaffende und Kulturinstitutionen in Höhe von insgesamt 20 Millionen Euro aufgelegt, aus dem auch Freischaffenden ein „Überbrückungsstipendium“ von 2000 Euro gewährt werden sollte. Aber im Gespräch mit der Sachbearbeiterin erfuhr Legetth dann, dass auch dies nur für Betriebskosten wäre. Und Geld zum Leben? „Ja, da müssen Sie sehen, wo Sie das herbekommen“, hätte die Angestellte gesagt.

Als Alleinlebende wäre Grundsicherung in Yvonne Legetths Fall nicht höher als eine Pauschale in Höhe von 1.200 Euro monatlich für Publikumskünstler. Außerdem will sich Legetth, die in Schweden aufgewachsen ist und dort studiert hat, vor dem Amt „nicht nackig machen“. „Ich war noch nie vom Staat abhängig und will das auch nicht.“ Sie fühlt sich alleingelassen. Alle zwei Tage gäbe es inzwischen Mitteilungen von der Landesregierung. „Aber über Soloselbständige spricht keiner.“

Norbert Drescher

Norbert Drescher, Musiker
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Norbert Drescher lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Spandau. Kladow, um genau zu sein. Gerade hat er mit dem Älteren, einem Erstklässler, die Zuhause-Aufgaben gemacht, jetzt ist Zeit zu sprechen. Drescher ist Musiker und seit 20 Jahren Mitglied der Band Corvus Corax, die vor allem bei Open Airs auftritt, auf Festivals, Märkten oder Ritterturnieren. Im Juli etwa wäre das Kaltenberger Ritterturnier ein wichtiger Termin gewesen – jetzt sieht man sich dort 2021. Auf rund 200.000 Euro belaufen sich die Verluste durch Absagen für die zehnköpfige Band bisher.

„Und bis Ende des Jahres wird das noch mehr. Es ist ein Drama, ein Totalschaden.“ Am 20. März hatte Corvus Corax ein Konzert für die Fans gespielt und kostenlos gestreamt, gerade noch rechtzeitig, kurz darauf durfte man sich nicht mehr versammeln. Er selbst konnte die Berliner Soforthilfe II beantragen, die 5.000 Euro zum Leben. Die Bandstruktur ist durch den Betriebskostenzuschuss bis einschließlich Juni gerettet. Und dann? „Mit Finanzierung durch den Staat hatte ich noch nie etwas zu tun“, sagt Drescher. „Mein Ziel war immer, dass ich mir mein Leben selber schaffe.“ Jetzt aber, auch wegen der beiden Kinder, hat er die temporäre Soloselbständigen-Grundsicherung noch einmal geprüft. Und sieht mehrere „Fußangeln“.

Zum einen werde man automatisch krankenversichert, was für Künstler, die über die KSK (Künstlersozialkasse) versichert sind wie er, schlecht ist. Denn damit fällt man dort raus, und ein erneuter Aufnahmeprozess ist aufwändig. Zum anderen „steht dummerweise auch das Wort ‚Lebensversicherung‘ im Antrag“. Die Rücklagenregelung insbesondere für Familien ist großzügig, aber gerade Selbstständige, die keine Rente zu erwarten haben, investierten ja, so Drescher, in Lebensversicherungen. Und die gelten bislang als Vermögenswert.

Insofern ist auch für ihn die Pauschalregelung erstrebenswert. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für eine bestimmte Zeit. Bis man sein Einkommen wieder selbst verdienen darf. Bei Drescher und Corvus Corax wird das erst die nächste Freiluftsaison sein.