Unser Globus - nur einen letzte Piks von der Zerstörung entfernt?
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ParisLars Eidinger, Thomas Ostermeier, Wim Wenders und Bob Wilson haben unterschrieben, um mal die (Wahl-)Berliner zu nennen. Cate Blanchett, Peter Brook, Virginie Despentes, Ralph Fiennes, Béla Tarr, Rufus Wainwright und ungefähr 190 weitere Künstler und Wissenschaftler auch. Was? Einen Aufruf der Schauspielerin Juliette Binoche und des Astrophysikers Aurélien Barrau, nach Bewältigung der Corona-Pandemie bitte nicht einfach so zur Normalität zurückzukehren, sondern die Tragödie zum Anlass zu nehmen, unsere Lebensweisen grundlegend in Frage zu stellen. "Du musst dein Leben ändern", hatte Rainer Maria Rilke einst formuliert.  

"Die Bilanz ist einfach", heißt es in dem in der Mittwochsausgabe der französischen Tageszeitung Le Monde erschienenen Text,  "Anpassungen reichen nicht, das Problem ist ein systemisches." Die ökologische Katastrophe sei Teil einer "Meta-Krise", das massive Artensterben deute auf eine "existenzielle Bedrohung" ungeahnten Ausmaßes hin. Regierende und Bürger sollten daher aufzuhören zu glauben, man könne nach der Pandemie irgendwie weitermachen wie zuvor. Dies sei eine "unhaltbare Logik". Es gelte vielmehr, alles auf den Prüfstand zu stellen, und das heiße: unsere Konsumgewohnheiten und unsere Ökonomie. Kurzum sage man, so die Überschrift: "Nein zur Rückkehr zur Normalität." 

Die französische Schauspielerin Juliette Binoche beim Filmfestival in Venedig 2019.
Foto: Vincenzo Pinto

Da muss man einerseits natürlich spontan sagen: Bravo! Die Hand zu heben und laut "Moment!" zu rufen, statt sich immer nur von angeblichen Notwendigkeiten treiben zu lassen, ist eine Übung, die jeder mindestens einmal am Tag machen sollte. Und zum Wichtigsten, das aus dieser Krisenzeit zu lernen ist, gehört tatsächlich die Erkenntnis, dass es offenbar immer und zwar auch sehr plötzlich ganz anders geht, wenn es anders gehen muss. Wobei es schon eine kleine Vorübung gab: Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2011, als Angela Merkel nach dem Unglück in Fukushima den Ausstieg aus der Atomkraft beschloss? Nur wenige Monate zuvor hatte eine Referentin der Kanzlerin meiner damals zwölf Jahre alten und umweltbewegten Tochter in einem mehrseitigen Brief auseinandergesetzt, wie absolut notwendig deutsche Atomkraft für unser aller Überleben sei.

Andererseits muss ich beim Aufruf in Le Monde bei dem Begriff "unsere Lebensweisen" doch stutzen: nos modes de vie. Das ist im Plural formuliert, aber diejenigen, die sprechen, gehören trotzdem alle zu einer ähnlich gut ausgebildeten, bestimmt gut verdienenden Schicht, die in vergleichsweise sicherer Umgebung lebt. Etliche der 200 können auf viel Konsum verzichten, ohne leidend zu werden, und das würden und werden sie sicher auch tun (also: verzichten, ohne zu leiden). Aber welche Auswirkungen ein striktes Nachhaltigkeitsgebot auf die Teile der Gesellschaft hätte, die erst durch Billigfleisch, Billigflüge und die Stella-McCartney-Kollektion von H&M Anschluss an so etwas wie Luxus und die medial repräsentierte Restwelt gefunden haben, ist eine Frage, die gestellt werden muss. Und auch, warum wir nicht zunächst ganz konkret mit so etwas wie Waffenproduktion und Waffenhandel aufhören, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten! Sowieso müsste vor die Schließung von Fabriken ein bedingungsloses Grundeinkommen gesetzt werden. Oder nicht? 

Was in keiner Weise gegen den Aufruf sprechen soll, sondern ihn im Gegenteil als Inspiration dankbarst annimmt. Wenn die Zukunft wesentlich anders aussehen soll als das, wohin sich die Fluchtlinien unseres Status quo seit längerem verjüngen, dann müssen - da hat auch Greta Thunberg als ungenannte Schutzpatronin dieses Aufrufs absolut Recht - unsere nächsten Schritte wesentlich andere sein als bisher. Sich hinzusetzen und einfach alles infrage zu stellen, ist ein guter Anfang. Was ist das Minimum, das man zum Leben braucht? Wie können wir sicherstellen, dass weltweit alle dieses Minimum haben? Was können wir selbst alles entbehren auf dem Weg dahin? Was müssen die anderen dazubekommen? Denn, ja, es geht, wie die 200 schreiben, wirklich und mit aller Bedeutungswucht der Worte um ein Überleben, und zwar in Würde und Beständigkeit. Aber für alle. Auch für diejenigen, die nicht aus der Sicherheit zu fallen drohen, sondern vielleicht noch nie so etwas wie Sicherheit kannten.