Künstler, vereinigt euch! Diese Ausstellung bricht Tabus über Klasse

Die Ausstellung „Klassenfragen“ in der Berlinischen Galerie will die Intransparenz des Kunstmarkts nicht länger hinnehmen. Wir haben sie besucht.

„Klassenfragen. Kunst und ihre Produktionsbedingungen“, Berlinische Galerie
„Klassenfragen. Kunst und ihre Produktionsbedingungen“, Berlinische GalerieBenjamin Renter/nGbK

Es ist eine widersprüchliche Sache mit Kunst: Ist sie doch einerseits ein Ort, der eine Vorahnung auf Neuartiges geben will, gleichzeitig aber auf den spröden Maximalismus eines Markts angewiesen ist, der kontinuierlich bemüht ist, jenes Neue einzufangen und verwertbar zu machen. Es ist auch dieser Gegensatz, der die Kunst zu so einem so merkwürdig schrillen, mit Elite und Exklusivität assoziierten Ort macht. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass bis auf Ausnahmen die wenigsten Künstler:innen, zumal in Berlin, von den von ihnen geschaffenen Werken leben können. Tatsächlich mäandern die meisten – zwischen langwierigen Projektanträgen und der Hoffnung auf Aufmerksamkeit, online wie offline – nicht selten dicht an der Armutsgrenze.

Doch wer spricht eigentlich darüber? In der Kunstwelt selbst kaum jemand. Bei unvorsichtiger Aufladung des Ästhetischen mit Politischem laufe Kunst – so lautet eine alte, aber offenbar immer noch nachwirkende Annahme – Gefahr, ihren eskapistischen Glanz einzubüßen. Die Ausstellung „Klassenfragen. Kunst und ihre Produktionsbedingungen“ in der Berlinischen Galerie begegnet dieser Herausforderung jetzt angstfrei. Dem Versprechen des Kunstmarktes, so heißt es im Ankündigungstext der Kuratorinnen und Kuratoren, stünden oftmals prekäre Lebensrealitäten gegenüber. Hinter dem schönen Schein lauerten triste Abhängigkeitsverhältnisse. Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus – so der Ausgangspunkt dieser Ausstellung – bedingten sich mit Diskriminierung aufgrund von Klasse: sprich, Klassismus.

Künstlerinnen am Rande der Existenz

Bevor man den Ausstellungsraum betritt, sind an der Seitenwand der Berlinischen Galerie zahlreiche gescannte und abgedruckte Briefe in Posterform in einer länglichen Reihe aufgehängt. Diese waren im vergangenen Jahr an den Berufsverband bildender Künstler*innen Berlin (bbk) gesendet worden. Der Verein förderte 2021 Künstler:innen über 60, die von den Folgen der Pandemie besonders betroffen waren, mit einem Zuschuss.

Die teils handschriftlich verfassten Briefe (Namen sind geschwärzt) machen transparent, worüber in der glamourösen Kunst-Bubble eher selten oder nur rückblickend verklärend gesprochen wird: die Schwierigkeit, ein Künstlerdasein überhaupt zu verwirklichen – oder es in Krisensituationen am Leben zu erhalten. So beschreibt eine Künstlerin in ihrer Zuschussbewerbung, wie ihr im März 2020 wegen Corona alle Einnahmen aus Kunst-Workshops „ersatzlos weggebrochen“ seien. Und dass sie nun (im März 2021) gezwungen sei, ihr Atelier zu kündigen. Es sind schmerzliche, teils anrührende Berichte, die daran erinnern, dass das fertige Werk eben nur einen kleinen Teil des künstlerischen Prozesses ausmacht. Und dass keineswegs alle, die bis ins hohe Alter Kunst machen, damit auch andauernden, materiellen Erfolg erzielen.

Im Ausstellungsraum selbst sticht sofort das pinke Banner des rumänischen Künstlers Vlad Brăteanu ins Auge. Darauf steht in zackigen, schwarzen Lettern: „An artist who cannot get funding is no artist“ („Eine Künstlerin, die keine Finanzierung erhält, ist keine Künstlerin“), wobei das „keine“ vor „Künstlerin“ hier in grellem Rot untersetzt ist. Der Satz wirkt wie ein zeitgenössisches Update ans Brecht’sche „Erst das Fressen, dann die Moral“: eine Erinnerung, dass materielles Kapital eben die Voraussetzung für kulturelles Kapital ist.

Fünf Hauptaspekte zu Klasse und Klassismus

Konzeptuell ist die Ausstellung in fünf Unteraspekte strukturiert: erstens die Frage, die sich zu einem Grad auch in Brăteanus Banner spiegelt, nämlich, inwieweit die eigene Herkunft – in seinem Fall die osteuropäische – den Zugang zu Fördermitteln beeinflusst. Ein zweiter Themenblock betrifft die Frage, ob man überhaupt Kunst machen kann, wenn die dafür nötigen Ressourcen nicht vorhanden beziehungsweise wenn Projekte in der Entwurfsphase verharren. Die Werke von Douglas Boatwright und Verena Pfisterer machen das hier greifbar. So verweist beispielsweise ein „Fehldruck“ auf buchstäblichen Ressourcenmangel eines nicht funktionierenden Druckers.

Der dritte Aspekt betrifft eine der Grundparadoxien des Kunstmarkts: Während Werke vereinzelter Künstler astronomische Preise erzielen, müssen andere sich auf Mindestlohnniveau durchschlagen. Ein vierter legt die Leerstellen des Sprechens – oder Nichtsprechens – über jene Verhältnisse frei. Also, was aus Scham der Künstlerinnen und Künstler oder mangelnder Transparenz seitens Galeristinnen, kultureller Institutionen oder Sammler oftmals ausgeklammert wird. Dies spiegelt sich in der Altersarmut, wie sie selbst die moderne Künstlerin Hannah Höch traf, deren Werke heute zu den prominentesten in der Sammlung der Berlinischen Galerie gehören und hier – neben einem Brief mit Bitte um Schuldenerlass, der Zeugnis von ihrer darbenden Situation zur Zeit des Verfassens ablegt – ausgestellt sind.

Der fünfte Aspekt, den die Ausstellung aufzeigen will, sind Handlungsoptionen, wie sich Klassismus effektiv entgegenwirken ließe. Etwa durch den Versuch, die künstlerischen Produktionsbedingungen transparenter zu machen. Hier sticht eine gemeinsame Arbeit von Hito Steyerl, Giorgi Gago Gagoshidze und Miloš Trakilovic namens „BELANCIEGE Mug“ ins Auge. Die drei haben einen sehr gewöhnlich aussehenden Kaffeebecher mit einem Schriftzug bedruckt, der stark an das Logo des Mode-Labels Balenciaga erinnert – eine Marke, die dafür bekannt ist, die Ästhetik des Prekären in den Bereich des Unerschwinglichen zu katapultieren. Steyerl, Gagoshidze und Trakilovic bieten ihre Billigtasse hier für 11.000 US-Dollar als Sonderedition an und versuchen so, Zusammenhänge von Aneignung und arbiträrem Verkaufswert entlarvend vorzuführen.

Eine der ästhetisch ansprechenderen Arbeiten dieser Ausstellung, die einem im hinteren Teil sofort ins Auge sticht, stammt von der Künstlerin und Co-Kuratorin Anna Schapiro. In „Ein möglicher Raum“ bedient sie sich auf der Wand aufgetragener Tusche und Papier, in Form von drei meterhohen, tiefsaturiert-farbigen Streifen, die fast wie überdimensionierte Pinselstriche aussehen. Die materialmäßig sehr reduzierte Arbeit scheint das Vermögen zu antizipieren, trotz Ressourcen-Knappheit eindrucksvolle Kunst zu erzeugen. Der Begleittext wirkt wie eine Erinnerung an eine Zeit, die die Künstlerin heute hinter sich gelassen hat: „Mehrjähriges Schweigen während des Studiums, aufgrund des Unwissens, wie man über Kunst spricht. Aufschreiben von Fremdwörtern während der Klassengespräche, antrainieren dieser, um dann festzustellen, dass alles an ihnen fremd ist auf meiner Zunge.“ Eine Selbstreflexion, wie sie für diese Ausstellung typisch ist: über zusätzliche Hürden und Schwierigkeiten, die sich für nach Deutschland immigrierte Künstler:innen auftut.

„Klassenfragen“ ist eine sehr konzeptuelle und auch sehr eklektische Ausstellung, der es weniger darum geht, ästhetische Konsistenz oder sinnliche Harmonie zu transportieren, vielmehr darum, Tabus zu brechen und zu lange verschwiegene, soziale Missstände freizulegen. Für die Kunstwelt – wo Intransparenz meist nur denjenigen dient, die von letztlich ihr profitieren – ein ziemlich überfälliges Unterfangen.

„Klassenfragen“, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Noch bis 09. Januar. Ausführliches Begleitprogramm unter: wwwberlinischegalerie.de/ausstellung/klassenfragen