Das Künstlerhaus Bethanien heißt zwar noch so, hat aber mit seinem ehemaligen Standort Bethanien-Krankenhaus am Mariannenplatz nichts mehr zu tun. Nach einem lang anhaltenden , zermürbenden Krach mit den Besetzern eines Seitenflügels des Bethanien zog 2010 die Atelier- und Ausstellungsinstitution in eine Immobilie des Investors Nicolas Berggruen am Kottbusser Damm. Hausherr Christoph Tannert empfängt dort sichtlich stolz auf das seitdem Erreichte.

Herr Tannert, vor vierzig Jahren wurde das Künstlerhaus gegründet, Sie sind mehr als die Hälfte der Zeit schon dabei. Was hat das Projekt bewirkt?

Am meisten fasziniert mich, das es durch unseren missionarischen Auftritt inzwischen etwa 600 lebendige Künstlerhäuser in der Welt gibt, zwar mit unterschiedlichen Strategien und Programmen, aber die sich alle ungefähr an der Entwicklungslinie orientieren, die wir vorgegeben haben. Angefangen hat es in den Londoner Docks, aber wir waren eines der ersten Künstlerhäuser weltweit, neben dem PS1 in New York. Die Bewegung hat sich stabilisiert. Das Künstlerhaus hat seine Nische gefunden zwischen kommerziellen Galerien, Museen und Kunsthallen. Das muss man unbedingt auch Michael Haerdter zuschreiben, der 1973 das Künstlerhaus initiiert und dann bis zum Jahr 2000 geleitet und vitalisiert hat.

Was unterscheidet das Künstlerhaus Bethanien von einer Galerie mit angeschlossenen Ateliers?

Wir sind eine Mischung aus Think Tank, Marktplatz und Kloster. Wir behausen, fördern und unterstützen. Es gibt 25 Studios für 24 internationale Künstler. Sie kommen für ein Jahr als unsere Gäste und erhalten zusätzlich ein Stipendium. Für sie bieten wir eine Ruhezone im Tornado des Kunstmarkts. Wir arbeiten wie eine Agentur, die Künstler zu Bedingungen einquartiert, die ihnen gefallen und die für uns ökonomisch machbar sind. Die Programme und die Stipendien werden durch Partner finanziert. Dabei müssen wir darauf achten, dass die künstlerische Qualität stimmt. Das ist keine Sozialveranstaltung für Bedürftige, sondern ein Programm. Die Künstler werden gecoacht, wir organisieren Diskussionen, beraten, machen Reviews, sind wie Sparringspartner, die mit den Künstlern denkerisch arbeiten und neue Arbeiten entwickeln.

Und was passiert nach dem Jahr?

Viele bleiben in Berlin, fast die Hälfte jedes Jahrgangs. Sie sind zum Teil der Szene geworden, haben Freunde gefunden, Galerie-Kontakte geknüpft. Wir sind insofern für die Stadt, für das Land Berlin auch ein Attraktor und Durchlauferhitzer. Wir ziehen Leute an, dann ziehen wir sie in die Stadt, wo sie weiter arbeiten. Das weiß die Stadt, das weiß das Land, und das weiß der Bürgermeister. Daher finden wir auch politische Unterstützung. Wir sind in gewisser Weise Botschafter Berlins.

Dafür wird das Haus mit über

700 000 Euro auch großzügig vom Land gefördert.

Das reicht für die Grundkosten und Mieten, für die Sicherung des Apparats. Für das Programm und die Stipendien kommen wir selbst auf. Wie viele Künstler wir aufnehmen können, hängt davon ab, wie fleißig wir waren. Bis 2016 sind wir schon ausgebucht.

Das Künstlerhaus war vorher am Mariannenplatz im Krankenhaus Bethanien. 2010 sind Sie nach einem regelrechten Kulturkampf mit Hausbesetzern, die einen leer stehenden Gebäudeflügel erobert hatten, ausgezogen. Dafür wurden Sie stark kritisiert.

Wir sind damals mit einem lachenden und einem weinenden Auge gegangen. Das Gebäude hatte schon Flair, aber wir fürchteten auch um das Image unseres Künstlerprogramms.

Nun ist Ihr Hausherr der Investor Berggruen. Bietet er bessere Bedingungen als die Stadt?

Unsere Mieten sind mit 8 bis 10 Euro den Quadratmeter niedriger als am Mariannenplatz. Außerdem können wir acht Künstler mehr unterbringen, haben schönere Räume, in denen auch noch alles funktioniert. Sonst hätten wir nicht so einen langen Mietvertrag unterschrieben, der noch über 20 Jahre läuft. Mit dem Bezirk mussten wir zuletzt fast von Jahr zu Jahr verhandeln.

Die Berggruen-Gruppe wandelt in der Oranienstraße zwei Atelierhäuser in Wohnungen und Gewerbe um, die Künstler stehen Ende des Monats auf der Straße. Fürchten Sie eine ähnliche Entwicklung?

Wissen Sie, ich bin in der DDR aufgewachsen. Das ganze Leben besteht aus Veränderungen und Herausforderungen, die ohne Ankündigung über einen kommen und die man anpacken muss. Aber zur Zeit wird unser Institut nicht angetastet.

Aber ein Investor möchte Geld verdienen.

Die Lichtfabrik, in der wir sind, ist bereits entwickelt und dass hier am Ort eine bestimmte Kulturentwicklung stattfindet, war eine Grundbedingung des Verkäufers, also vom Land Berlin. Das sind politische Entscheidungen, so wie der Verkauf von städtischen Wohnungen über die Jahre. Hier in Kreuzberg finden natürlich Veränderungen statt, aber ich denke nicht, dass sie uns konkret betreffen.

Ist Ihnen Ihr Publikum gefolgt?

Unser Publikum ist heute zahlreicher, aber auch ein völlig anderes und es hat sich um eine Generation verjüngt. Wir haben keine Laufkundschaft, die Leute kommen gezielt zu uns, Künstler, deren Freunde, Kuratoren, Lehrer, Theoretiker, Pop-Journaille, Clubszene. Wenn man nachfragt, denken ganz viele, wir sind eine Neugründung. Die kennen das alte Bethanien nicht. Das hat was Nostalgisch-Trauriges, aber eben auch etwas Faszinierendes.

Das Künstlerhaus mit seinen großen Fensterscheiben, der glatten, kühlen Eleganz, wirkt in der Kottbusser Straße neben Sozialbauten, islamischem Metzger und Fahrradladen wie ein Fremdkörper. Interessieren sich Ihre Nachbarn für Ihre Arbeit oder sind Graffiti die einzigen Kommentare?

Besprüht wird hier ja alles. Wir lassen das auch nicht reinigen, weil wir Teil dieser Aktualität sind. Interessant ist ja, dass um die Ecke, in der Kohlfurter Straße 10 an der Brandwand auch viele Graffiti sind. Dort wollen wir ein Wandbild machen. Die Graffiti werden Teil des Bildes. Das ist unsere Akzeptanz der Situation. Weil wir uns in Kreuzberg wohlfühlen, und weil wir trotzdem die Vorzeichen irgendwie ändern.

Sie meinen, erst kommen die Künstler, dann folgen die Gutverdiener?

Wenn manche Leute sagen, der Gentrifikationsprozess würde durch Kunst und Künstler stimuliert, ist das nach meiner Auffassung absurd, weil wir, wie andere Künstler, immer auf der Suche sind nach günstigen Möglichkeiten des Wohnens und Arbeitens und eben nicht im Sinne der Repräsentationskultur Akzente setzen, um Events zu produzieren. Wir sind auch nicht in die Räume gegangen, um sie aufzuwerten und wieder zu gehen, sondern um zu bleiben.

Welches Kunstprojekt der vergangenen zwei Jahrzehnte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Als der aus Moskau stammende Künstler Oleg Kulik auf dem Mariannenplatz als Hund in Erscheinung trat mit der Thematik: Ich liebe Europa, aber Europa liebt mich nicht. Das war spektakulär, wie er da herumkroch, umzingelt von uniformierten Wachmännern mit Schäferhunden. Diese Konfrontation zu sehen, das hatte etwas sehr Körperliches, sehr Direktes. Und etwas sehr Aktuelles.

Eine sehr prophetische Aktion.

Aus dem Grunde fällt mir das ein. Solche grenzüberschreitenden Formen sind für mich, sind für Bethanien immer interessant gewesen. Grenzüberschreitend zwischen den Künsten und zwischen High und Low, Subkultur und Hochkultur, zwischen das macht man, das macht man nicht und dem „Iiiih, das ist ja keine Kunst.“

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.