Bei Markus Lanz stellte am 8. Mai 2019 die Regisseurin Isa Willinger ihren Film „Hi, Ai“ vor. Sie zeigt darin Humanroboter im Einsatz. Zum Beispiel eine mit sekundären Geschlechtsmerkmalen reichlich versehene Roboterfrau, die sich angeregt mit ihrem „Herrn“ unterhält. Sie bedankt sich höflich für Komplimente, die er ihr macht, und sie nennt ihn intelligent und einfühlsam. Mehr als man in vielen langjährigen Beziehungen noch erwarten kann.

Wir müssen uns entscheiden zwischen Dingen und Menschen

In einer anderen Szene aus Isa Willingers Film sieht man, wie zwei Frauen, Japanerinnen, den mit riesigen Augen ausgestatteten Kindroboter anstrahlen, der sich mit ihnen über Hausarbeit unterhält und mit dem sie ein Kinderlied singen. Markus Lanz findet, die Damen sollten so allenfalls ihren Enkel anlächeln, nicht aber einen Roboter.

Mir fiel meine Lieblingstante ein, die, sie war wohl Ende siebzig, ihr Mann war lange tot, mir erklärt hatte, sie habe sich jetzt einen Teddy gekauft. Mit ihm in den Armen könne sie endlich wieder gut schlafen. Isa Willinger meinte zu Lanz’ ostentativem Unbehagen angesichts so vieler Gefühle einem Automaten gegenüber: „Man darf nicht vergessen, die Dame ist in einer ganz anderen Tradition aufgewachsen. Der Shintoismus unterscheidet nicht so scharf zwischen belebter und unbelebter Natur. Dinge sind nicht etwas grundsätzlich anderes als Menschen.“

Aber genau darauf kommt es doch an, antwortet der europäische Humanismus: Wir müssen unterscheiden zwischen Dingen und Menschen. Der Mensch darf nie nur Mittel, er muss immer auch Zweck sein. Dinge dagegen sind stets Mittel für etwas. Sie haben keine Persönlichkeit, die sie ununterscheidbar macht von allen anderen.

Der Mensch hat eine herausgehobene Rolle - so steht es in der Schöpfungsgeschichte

Wir stecken so tief im Humanismus, den wir doch ständig verraten, dass Moral für uns darin besteht, Menschen nicht zu behandeln wie Dinge. Auf die Idee, den Humanismus auf die Dinge auszudehnen, Dinge pfleglich wie Menschen zu behandeln, kommen wir nicht. Unsere Moral lebt davon, dass es unsere Moral ist. Sie handelt davon, wie Menschen miteinander umgehen.

Die Japanerin, die das Lächeln des Roboters erwidert, fällt nicht nur herein auf ihn und die Werbestrategen der ihn verkaufenden Firma, sie verrät auch ihr Menschsein, wenn sie sich auf eine Stufe stellt mit einem Ding. So kann man das jedenfalls sehen, wenn man die Situation durch die Brille der Tradition eines europäischen Humanismus betrachtet.

In dieser Tradition spielt eine gewichtige Rolle, dass der Mensch in der Schöpfungsgeschichte eine so herausgehobene Position hat. Hinzu kommt, dass er ausdrücklich den Auftrag bekam, sich „die Erde untertan“ zu machen. Es ist nicht nur – wie Sophokles sagte –nichts ungeheurer als der Mensch. Er soll es auch sein. „Search and destroy“ sind nicht nur militärische Taktiken. Es ist seine Daseinsform. Angst und Schrecken zu verbreiten, ist seine Mission.

Alles steht immer zur Verfügung - der Gegenstand wird entwertet

Der Blick auf andere Gesellschaften und ihre Geschichte lässt nicht den Gedanken aufkommen, dort ginge es humaner zu. Die Vernichtung von Dingen, Tieren und Menschen scheint überall immer wieder lustvoll betrieben zu werden. Die Zerstörungsorgien japanischer Horrorfilme unterscheiden sich kaum von denen ihrer europäischen oder amerikanischen Kollegen. Der Shintoismus scheint sich nicht in allen Genres pazifizierend auszuwirken.

Der kulturhistorische Blick wird gerne überbewertet. Man tut so, als erkläre die Vergangenheit die Gegenwart. Isa Willinger tat das nicht, sie erinnerte nur daran, dass die Japanerin möglicherweise dank eines Aspekts ihrer Tradition anders auf den Roboter sehen könnte als Markus Lanz, ein Mann aus den katholischen Alpen, es tut.

Wir Kinder einer Konsumgesellschaft sind daran gewöhnt, dass uns alles sofort zur Verfügung steht. Alles, das wir brauchen, fast alles, das wir begehren, und eine Unzahl von Dingen, an die wir nicht einmal im Traum dachten, bevor man sie uns zum Kauf anbot. Hinzu kommt, dass alles in riesigen Mengen zur Verfügung steht. Das entwertet den einzelnen Gegenstand. Er hat keine Chance mehr. Geht er entzwei, reparieren wir ihn nicht, sondern ersetzen ihn durch seinen Klon. Das ist einfacher und oft billiger.

Das Verhältnis des Menschen zu Dingen ändert sich

Je mehr Dinge wir haben, desto unver-trauter werden sie uns. Ich werde regelmäßig gefragt, ob ich meine Bücher auch alle gelesen habe. Nein, habe ich natürlich nicht. Ich lese aber auch so viele, dass ich vergesse, was in ihnen steht. Noch der verblüffendste Gedanke wird schnell ersetzt durch den nächsten. Das gilt auch für fast alle anderen Lebensbereiche.

Wer heute „Pflege“ sagt, denkt oft nur noch an alte Menschen. Wer betreibt noch Schuh- oder Kleiderpflege? Eine Freundin von mir besaß ein uraltes Radio, das so siech geworden war, dass es nur noch einen einzigen Sender empfangen konnte. Sie lehnte meinen Vorschlag, den alten riesigen Holzkasten durch ein modernes, kleines Radio zu ersetzen, kategorisch ab. „Ich mag es“, war ihre Antwort. Sie wollte es auch nicht instand setzen. Sie liebte es so, wie es war: alt und gebrechlich. Kein Botox, kein Silikon sollte die ihr lieb gewordenen Kratzer beseitigen.

Ich hatte keine Ahnung, was Liebe ist. Liebe war für mich sexuelle Begierde, vielleicht noch die Fürsorge von Eltern für Kinder. Schon Hunde- und Katzenliebhaber waren mir ein Rätsel. Und die samstäglichen Stunden, die viele Männer ihren Autos an Zuwendung zukommen ließen, reizten mich zu abfälligen Bemerkungen über die wenigen Minuten, die sie sich für das Liebesleben mit der Gemahlin nahmen.

Die Liebe der Menschen zu Maschinen ist ein literarisches Motiv

Polymorph-pervers sei das Liebesleben in einer frühen Lebensphase, hatte ich gelernt. Wo es das blieb, war etwas schief gelaufen. Meine Ahnungslosigkeit war rührend. Meine Neugierde fast auf dem Nullpunkt. Inzwischen wissen wir es alle: „Normal“ ist nicht normal. Die Bundesbahn sucht auf großen Plakaten „Lokführer (w/m/d)“.

Die Liebe zu Maschinen ist ein altes literarisches Motiv. Ovid schildert, wie der Bildhauer Pygmalion sich in die von ihm geschaffene Statue verliebt. Die Hauptfigur von Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ verliebt sich in Olimpia, eine Holzpuppe.

Die Automaten verändern das Menschenbild. Man konnte den Menschen als eine besonders geschickt gebaute Maschine betrachten. „L’Homme Machine“ des französischen Aufklärers Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) erschien 1748, gefolgt von dem heute weniger bekannten Band „L’Homme Plante“. Im selben Jahr kam übrigens noch „L’Homme plus que Machine“. Friedrich der Große nannte ihn seinen „Hofatheisten“.

Der Mensch ist in der Wissenschaft nichts als Chemie

La Mettries Zweifrontenangriff auf den Menschen war eine harmlose Veranstaltung im Vergleich zu dem, wie weit uns die wissenschaftliche Forschung heute aus dem, was wir früher für unsere Stellung im Kosmos hielten, hinauskatapultiert hat. Der Bereich des spezifisch Menschlichen hat sich radikal verengt.

Inzwischen wissen wir, dass der Mensch im Wesentlichen aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht. Wer 80 Kilo wiegt, bringt etwa die Hälfte davon als extrem verdichteten Sauerstoff mit auf die Waage. 2,15 Prozent Stickstoff stecken in uns und 0,06 Prozent Eisen. Man geht davon aus, dass 90 Prozent aller Atome im Weltall Wasserstoffatome sind. Der Mensch ist das Produkt eines Mischungsverhältnisses. Pflanzen, Tiere, Steine, alles, das wir kennen, setzt sich aus denselben Grundstoffen zusammen. Die Erde zum Beispiel aus 78 Prozent Stickstoff, 20,95 Prozent Sauerstoff. Der Mensch hat nichts Apartes für sich.

Das sei nichts als Chemie. Er sei doch ein denkendes Wesen und darum etwas ganz Besonderes, wird eingewandt. Aber: Wie immer man Denken definierte in den vergangenen Jahrzehnten, sehr schnell wurden Tiere, immer öfter auch Pflanzen entdeckt, die dieser Definition entsprechen.

Maschinen übernehmen durch künstliche Intelligenz menschliche Aufgaben

Homo sapiens nannte der Mensch sich selbst, solange er dumm war. Der Mensch ist etwas sehr Besonderes, aber auch Äpfel und Tintenfische, Delphine und Seeanemonen sind es. Dass wir erst in den letzten Jahrzehnten begonnen haben zu begreifen, wie diese Lebewesen als Individuen, als Gesellschaften und mit ihrer Umgebung kommunizieren, wirft nicht gerade ein glorioses Licht auf unsere Intelligenz. Von Hundebesitzern ist zu hören, dass sie, je besser sie ihr Tier begreifen, sich immer unklarer werden, wer wen hält. Evolutionsbiologisch gesehen scheint tatsächlich der Hund von der Domestizierung deutlich mehr profitiert zu haben als das „Herrchen“.

Von der anderen Seite her betrachtet sieht die Lage ganz ähnlich aus. Maschinen und Automaten übernehmen immer mehr bislang für spezifisch menschlich gehaltene Leistungen. Logisches Denken – lange eine, wenn nicht die Domäne des Menschen – können die Maschinen besser. Sie sind deutlich exakter und um ein Vielfaches schneller. Nun hat man die emotionale Intelligenz entdeckt. Das wird nicht die letzte Bastion sein, hinter der sich der Mensch verschanzt.

Wir müsen den Umgang mit künstlicher Intelligenz ernst nehmen

Die menschliche Intelligenz zeigt sich wie seine chemische Zusammensetzung als spezifisches Mischungsverhältnis, über dessen Zusammensetzung wir weit weniger Macht haben, als wir uns das lange einbildeten. Jeder von uns ist ein Gemisch. Niemand weiß, wer Herr darin ist. Die Frage nach Herr und Knecht ist überholt. Sie führt in die Irre. Die Jahrhunderte, die wir in unseren Träumen riefen „Ich bin der König der Welt“, fuhren wir von einer in die nächste Katastrophe. Wir leben in Abhängigkeitsverhältnissen, von denen wir keine Ahnung haben. Wir wissen fast nichts über unser Innenleben und haben kaum etwas in Erfahrung gebracht über die Zusammenhänge, in denen wir leben.

Und jetzt schaffen wir nicht nur Dinge, die es bisher nicht gab. Wir schaffen Dinge, die Dinge schaffen, die es nicht gab, die wiederum, und so weiter. Es ist unmöglich, dabei den Überblick zu behalten. Wir werden lernen müssen, mit weniger auszukommen. Denn wir wissen: Die vielen Dinge machen krank. Dazu gehört auch, dass wir begreifen, dass wir sie ernst nehmen müssen. Die Japanerin, die ihren Roboter ebenso freundlich begrüßt wie ihren Enkel, ist auf dem richtigen Weg.

Isa Willingers Film „Hi, Ai“ ist am 20. Mai um 12.45 Uhr im Kino b-ware in der Gärtnerstraße 19 in 10245 Berlin zu sehen.