Von der Zehnten Symphonie Ludwig van Beethovens liegen nur Entwürfe vor. Seitdem wird die symphonische Neun mystifiziert: „Wer darüber hinaus will, muss fort“, sagte Arnold Schönberg, „vielleicht wären die Rätsel der Welt gelöst, wenn einer die Zehnte schriebe“. Die Entmystifikation dieser Rätsel wird jetzt mit Hilfe moderner Technik unternommen. Die in Beethovens Geburtsstadt Bonn ansässige Telekom finanziert ein Team von Musikern und Wissenschaftlern, das mit Hilfe Künstlicher Intelligenz Beethovens Projekt realisieren soll. Wie das funktioniert und was das bedeutet, fragten wir Walter Werzowa.

Herr Werzowa, Beethoven hat an seinen Symphonien zum Teil viele Jahre geschrieben. Sie haben erst 2019 angefangen und sind jetzt schon fertig?

Die Covid-Krise kam dem Projekt offen gesagt sehr gelegen, der Zeitplan war sehr knapp. Wir wollten die Uraufführung schon für März letzten Jahres ansetzen, da erschien mir im Februar Beethoven im Traum und sagte: „Walter, das ist schon ziemlich gut, was da ist, aber noch nicht das, was es sein könnte.“ Aber wir haben nächsten Monat Uraufführung, was sollen wir machen? Und er sagte: „Warte ab, ich regle das schon.“

Was liegt denn an Beethoven-Material vor?

Es gibt 24 Skizzen und Ideen, darunter auch Briefe. Er wollte das Thema aus dem zweiten Satz der „Pathétique“-Sonate drin haben und auch das Gratulationsmenuett. Er hat geschrieben, dass der Choral „Herr Gott wir loben dich“ in der Sinfonie vorkommt. Die Neunte war ein absolutes Vorwärts, sie entwarf eine philosophische Welt. In der Zehnten zielte er mehr in eine spirituelle Welt; zugleich erinnert er sich zurück an Werke aus seiner Jugend. Es geht jetzt nicht mehr um Brüderlichkeit, er ist eine Stufe höher gegangen. Er hat gespürt, dass es seine letzten Lebensjahre waren, sich mit östlichen Philosophien befasst, Hymnen zitiert. Deswegen habe ich vorgeschlagen, eine Orgel zu verwenden. Vielleicht war es das letzte Instrument, das er hören konnte, wenn er hier am Stephansdom vorbeigegangen ist; dort stand damals das größte Instrument Europas, vielleicht hat es es gespürt. Er hat geschrieben, dass er in alten Kirchentonarten komponieren wollte, die sehr tiefe Vorgänge in uns auslösen. Wir haben mit dem Dorischen oder Lydischen gearbeitet, um das Weite und Erhabene zu verstärken.

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Eine Skizze Beethovens zum Scherzo-Thema im III. Satz der Sinfonie.

Sie arbeiten in einem größeren Team. Wer hat da welche Funktion?

Matthias Röder hat uns zusammengebracht, der nicht nur Vorsitzender der Karajan-Stiftung ist, sondern überhaupt einer der innovativsten Köpfe im Musikleben. Es gibt da sehr klare Linien. Mark Gotham zum Beispiel kennt sich als Musikwissenschaftler enorm aus; er war wichtig im Vorbereiten und Corpus-Schreiben…

Was ist „der Corpus“?

In der KI-Forschung ist ein Corpus ein digitaler Content Container, der in unserem Fall Musikwerke in spezieller digitaler Form enthält. Das waren zum Beispiel im Fugen-Corpus mehr als 3000 Werke. Die KI nimmt den Corpus als Anleitung für Tonfolgen und deren Verarbeitung. Die Musikstücke sind mit Anmerkungen versehen, in denen wir sagen: Das ist ein Thema, und das ist die Verarbeitung. Diese Dinge hat Mark Gotham in genialer Weise analysiert und programmiert. Wir waren die Professoren der KI, aber man muss aufpassen, was man ihr beibringt. Ahmed Elgammal hat bereits viel Erfahrung im Zusammenspiel von KI und Kreativität, er und sein Doktorand Kunpeng waren in der täglichen Arbeit am stärksten involviert mit der Frage, wie man den Algorithmus auf eine Melodie von Beethoven ansetzen kann. Und Robert Levin, ein begnadeter Pianist und Komponist, hat schon viele Werke Mozarts wie das Requiem vollendet; er konnte hier zwar nicht oft dabei sein, hat aber seinen guten Geist über uns alle ausgegossen.

Was machen Sie genau?

Die KI spuckt keine fertige Symphonie aus, sondern abstrakte Zeit- und Tonhöhenwerte, und die stellen eine große philosophische Frage: Ist das schon Musik? Am Anfang dachte ich, dass ich Dateien bekomme, die ich daraufhin analysiere, wie „Beethoven-mäßig“ sie sind, dass ich die besten auswähle und zusammensetze. Die KI kann nicht fünf Minuten komplexe Musik mit stimmiger thematischer Dramaturgie, Verarbeitung und Form komponieren. Sie kann genial fortsetzen und harmonisieren „im Stile von…“ Beethoven aber komponiert motivisch, in Entwicklungen und Wiederholungen kleiner Zellen – das der KI beizubringen ist wahnsinnig schwierig. Die ersten Versionen zum Beispiel klangen nach Coldplay – und als wir geschaut haben, was der Computer im Corpus hat, entdeckten wir, dass auch Coldplay dabei war.

Es genügt also nicht, dass man dem Rechner einfach Beethovens Skizzen übergibt?

Es gibt seit Jahrzehnten Algorithmen, die eine fehlerfreie Fuge im Stil Bachs schreiben. Diese setzen akademische Musiklehre um, die meisten Befehle sind „was ich nicht machen darf“. Die KI dagegen hat auch gelernt, wie man Fehler macht. Sie soll also nicht wie der Student auf dem Konservatorium lernen, was man nicht macht, sondern nur schauen: Was macht Beethoven, der genial gegen die akademischen Regeln verstoßen hat, in welcher Situation?

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Beethovens Zehnte - von KI komponiert, Ausschnitt aus der Partitur zu Beethovens Skizze.

Wenn Sie das Material haben, was macht die KI damit?

Wir haben Entwürfe zwischen drei und 20 Takten, die ich in MIDI kodiert habe. Die KI kann dann in kürzester Zeit tausende Varianten eines Zweitakters auswerfen – aber wir haben schnell gemerkt, dass wir so nicht weiterkommen. Wir haben dann gefragt: Welche Teile brauchen wir? Wir brauchen zum Beispiel ein Scherzo von 120 Takten. Dafür haben wir dann einen Scherzo-Corpus zusammengestellt: Der enthält nur Scherzi für Orchester, Quartett oder Klavier, von Beethoven und allen, die ihn beeinflusst haben wie Haydn. Man kann nun bestimmen, wie stark sich die KI an die Regeln hält: Bei 100 Prozent kopiert sie mehr oder weniger ein bestimmtes Stück, bei null Prozent ist sie viel freier.

Dann kommt Coldplay?

Eher Schostakowitsch. Es ist Wahnsinn, was die KI sich da ausdenkt. 100 Versionen habe ich dann zusammengefügt, verfeinert, teilweise ausgebessert, wenn etwas offensichtlich verdreht war, und geschaut, was wie am besten zusammenpasst, dass es eine Symphonie wird. Vielleicht ist das ein Vorgang, der mit Beethovens Komponieren vergleichbar ist, er hatte sicher viele Ideen, die in seinem kreativen Hirn aufkamen und im Cortex „gefiltert“ oder „ ausgesucht“ wurden. Als wir das dann fertig hatten, ging es zurück an die KI zum Orchestrieren. Da kam Mark darauf, dass Franz Liszt Klavierfassungen der Symphonien angefertigt hat. Er hat untersucht, wie die mit den orchestralen Originalen zusammenhängen, und dann versucht, den umgekehrten Weg zu gehen.

Wie klingt das Stück jetzt? Ist das „später Beethoven“ für Orchester?

Es gibt sicher Stellen darin, die er anders gemacht hätte, aber auch viele Passagen, die überwältigend und gänsehautmäßig klingen.

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Zur Person

Walter Werzowa wurde 1960 in Wien geboren und landete nach einem klassischen Gitarre-Studium Ende der Achtziger Jahre mit „Bring me Edelweiss“ einen Nr.-1-Hit. Danach ging er in die USA und studierte Musikproduktion, arbeitete an Filmmusiken und entwarf Jingles unter anderem für Intel und die Telekom.

Was ist der technische Unterschied zu den Projekten eines David Cope, der mit Algorithmen sogenannte Bach-Fugen in beliebiger Zahl neu schreiben kann?

Die KI leistet eine völlig unhierarchische Analyse von Beethovens Werk, sie wirkt völlig frei auf seine Themen ein, interpoliert und entwickelt ohne Ausschließlichkeit. Wir haben vor allem ausgesiebt, was nicht ergreifend war.

Was kann die KI, was der Mensch nicht kann – und umgekehrt, was kann der Mensch, was die KI nicht kann?

Kein Mensch, und wäre er noch so genial, hätte mit den Skizzen etwas machen können, ohne sich selbst zu verwirklichen. Wenn ich das gemacht hätte, klänge es eben doch nach mir, und das kann nicht die Aufgabe sein. Wir haben versucht, unsere Arbeit Beethoven wirklich unterzuordnen. Das hätte ein Mensch am Papier nicht geschafft und schon gar nicht in dieser Schnelligkeit. Diese Objektivität, die trotzdem Gefühle zulässt: Das kann nur die KI machen. Man hört von Kritikern: Die KI war nie verliebt, hatte nie Kummer, war nie betrunken. Aber wir erleben Beethoven verliebt oder betrunken, wenn wir ihn hören; diese Erfahrungen sind in der Musik, und wenn die KI diese Musik lernt, dann lernt sie in gewisser Weise auch diese Erfahrungen mit. Was wir Menschen können, was die KI nicht kann, ist menschliche Inkonsequenz. Wenn ich der KI zweimal das gleiche Material gebe, bekomme ich zweimal das gleiche Resultat. Wenn Sie mich heute fragen, was Musik ist, antworte ich jetzt ein bisschen anders als in 15 Minuten.

Ist das aber am Ende nicht paradox? Die KI schaltet aus, dass sich Menschen subjektiv in den Beethoven-Stil hineindrängen – aber am Ende muss der Mensch die Beethoven'sche Inkonsequenz eben doch wieder hineintragen?

Wenn wir die KI auf Beethoven programmieren, ist das auch schon unser Bild von Beethoven, und erst recht, wenn wir überlegen, was wir ihr außerdem noch beibringen, um seine musikalischen Erfahrungen zu simulieren. Sind wir puristisch, machen wir in Beethovens Todesjahr 1827 Schluss oder gibt es auch spätere Werke, die von ihm beeinflusst sind und wichtige Spuren tragen? Für einen guten Corpus braucht man sehr viele Werke. Neun Sinfonien sind zu wenig, um der KI zu sagen: „Komponiere die Zehnte!“

Ist das Ganze auch eine Art musikalischer Turing-Test, also haben die Hörer den Eindruck, dass hier ein Tondichter zu ihnen spricht?

So einen Test haben wir gemacht: Das Publikum sollte aufzeigen, wenn es glaubte, den Übergang von Beethoven zur KI zu bemerken – das hat aber niemand herausgefunden.

Beethoven hatte immer ein moralisches Anliegen, in der Neunten, in der Missa solemnis. Von Adorno gibt es das Stichwort der Sinfonie als Volksrede an die Menschheit. Scheitert eine KI nicht schon an dieser grundlegenden künstlerischen Absicht? Sie kann ja kein moralisches Anliegen haben.

Zum Glück hatten wir Beethovens Briefe und seine niedergeschriebenen Gedanken, die halfen bei „philosophischen“ Entscheidungen. Da haben wir sicher mitgeholfen und etwas in die KI hineingetragen. Die Idee mit der Orgel kam aus unserer Interpretation dessen, was er gedacht hat.

Hat sich während der Arbeit Ihr Begriff des Autors verändert?

Der verändert sich ohnehin ständig. Ringo Starr zum Beispiel hat „nur“ mit den Beatles im Raum gesessen und war wohl dennoch entscheidend im kreativen Prozess und dafür, wie es geklungen hat. Aber hat er deswegen komponiert? Schwierige Frage. Ich überlasse es dem Zuhörer zu sagen: Ist das Beethoven, unser Team, die KI, der Wein, den er getrunken hat…

Wo sehen Sie zukünftige Anwendungsgebiete? Kunst der Fuge, Mozart-Requiem…

Wir wollen der Menschheit helfen, das Kreative zu finden. Wenn ich mit einem Laptop erforschen und miterleben kann, wie Beethoven gedacht und gearbeitet hat, ist das großartig. Ich fand TikTok anfangs furchtbar, aber es ist ein Werkzeug, mit dem jeder kreativ werden kann. Am Ende überlebt eh nur, was gut ist. Das ist heute nicht anders als zu Beethovens Zeit.